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04.06.2009
 

Vergleich USA-Europa

Warum wir den Amerikanern ähnlicher sind, als wir glauben

2. Teil: Kein großer Gegensatz in Fragen der Religion

Auch bei der Frage nach der Religion lässt sich kein großer Gegensatz zwischen Amerika und Europa festmachen: "Religion ist überall förmlich spürbar, in den amerikanischen Schulen, am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen", behauptet der "Guardian": "Politiker wie Soldaten berufen sich in einem Maße auf Gott, wie es in Großbritannien einfach nicht schicklich wäre." Seltsam aber, dass die Queen dann den zusätzlichen Titel "Defender of the Faith" trägt - also den Glauben verteidigen soll. Und dass die Staatskirche 26 Sitze im Oberhaus des Parlaments einnimmt.

Für den amerikanischen Beobachter ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Einerseits ist da der zur Schau getragene Säkularismus, andererseits gibt es die staatstragende Bedeutung der Religion, die offenbar niemand in Zweifel zieht. Dänische Reisepässe ziert beispielsweise die Darstellung einer Kreuzigung aus dem zehnten Jahrhundert, auch wenn der Inhaber - wie heute doch sehr häufig - ein gläubiger Muslim sein mag.

Die Amerikaner liegen, was die Häufigkeit ihrer Anwesenheit im Gottesdienst betrifft nicht außerhalb der europäischen Bandbreite - sie ist in etwa vergleichbar mit den katholischen Regionen Europas. In den USA sagen weniger Leute von sich selbst, sie seien religiös, als in Portugal oder Italien. Auch der Anteil derer, die angeben, dass sie an Gott glauben, ist in den USA niedriger als in Irland oder in Portugal. Und Soziologen sagen, die höhere Beteiligung an Gottesdiensten sei nicht allein Ausdruck einer größeren Frömmigkeit, sondern ein Ergebnis des freien Marktes. Weil der Wettbewerb unter den Kirchen größer sei, habe sich eine größere Vielfalt und ein besseres Angebot entwickelt. Europas Staats- und Monopolkirchen hingegen müssen um die Aufmerksamkeit der Gläubigen kämpfen.

Wenn es aber eher eine Frage des Angebots ist als der Nachfrage, dann besteht zwischen Amerika und Europa kein Gegensatz religiöser oder säkularer Ausrichtung, sondern nur ein Unterschied, wie ein im Grunde ähnliches Bedürfnis nach Spiritualität gestillt wird.

Ein ähnliches Fazit lässt sich auch ziehen, wenn man die Einstellung zur Wissenschaft beiderseits des Atlantiks untersucht. Ohne Frage gibt es mehr Amerikaner als Europäer, die den Lehren der Kreationisten anhängen. Wobei der moderne amerikanische Kreationist interessanterweise nicht mehr behauptet, die Heilige Schrift allein sei schon Grund genug, die biblische Erklärung vom Ursprung der Welt zu glauben. Die Debatte findet jetzt tatsächlich auf dem Feld der Wissenschaft statt, und die Kreationisten versuchen, über Details zu diskutieren wie das Alter eines Fossils, wenn sie etwa den Nachweis führen wollen, dass die orthodoxe Erklärung der Evolution durchaus noch Lücken aufweist. Sie haben jedenfalls inzwischen akzeptiert, dass die moderne Welt die Sprache der Wissenschaft spricht.

In Europa hingegen ist das Reich der Pseudowissenschaften viel größer als in den USA. Nehmen wir nur die verschrobenen Ansichten der Anti-Impf-Liga des Bildungsbürgertums im feinen Londoner Vorort Hampstead Heath oder die irrationale Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, wie sie die Gegner der Gentechnik demonstrieren. Astrologie? In Europa sehr viel weiter verbreitet als in den USA. Dito die Homöopathie, auf die sich viel mehr Europäer verlassen.

Selbst wenn wir konstatieren, dass Religion für Amerikaner wichtiger ist, heißt das noch lange nicht, dass sie der Wissenschaft weniger vertrauen als Europäer. Warum soll ein Staat, der die Wissenschaft schätzt und fördert, nicht gleichzeitig dem Glauben eine Heimat bieten können? Es stimmt natürlich, dass der Anteil der Bevölkerung, der die Theorien von Darwin für richtig hält, in den USA geringer ist als in Europa - mit Ausnahme Nordirlands. Aber ansonsten sind Amerikaner von der Idee der Aufklärung überzeugt, dass der Mensch das Universum nur dann beherrschen kann, wenn er es auch versteht.

Weshalb sie sogar bei der Frage, ob Tierversuche zulässig sind, wenn sie Menschenleben retten, ungefähr so abstimmen wie der europäische Durchschnitt. Am deutlichsten zeigt es vielleicht eine Umfrage unter Schulkindern: In Amerika sind mehr Schüler der Ansicht, dass die Wissenschaft uns hilft, die Welt zu verstehen, als in allen europäischen Staaten mit der Ausnahme Italiens und Portugals.

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