SPIEGEL ONLINE: Und das Recht auf Rückkehr derjenigen Palästinenser, die 1948 infolge der Staatsgründung Israels flüchteten oder vertrieben wurden? Wird sich Obama auch an dieses heiße Eisen vortasten?
Said: Die Regierung Obama fängt nicht von vorne an. Es gibt schon lange handfeste Vorstellungen, wie das Problem anzupacken ist: Einige Flüchtlinge werden in jetzt israelisches Staatsgebiet zurückgehen, einige werden im Westjordanland siedeln, andere werden sich in den Landstrichen niederlassen, die Israel den Palästinensern im Rahmen eines Gebietsaustausch überlassen wird. Alles keine unüberwindlichen Hürden.
SPIEGEL ONLINE: Aber über solch wichtige Details muss jetzt auch verhandelt werden. Wie ernst meint der forsche US-Präsident denn seine nahöstliche Friedensinitiative?
Said: Er hat das zu seinem Anliegen gemacht. Das große Fernziel eines Neuanfangs in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der islamischen Welt lässt sich nur über die Lösung des Palästina-Konflikts verwirklichen. Damit steht und fällt auch seine Glaubwürdigkeit. Dessen ist er sich bewusst. In 55 Minuten hat Obama dreimal die jüdischen Siedlungen im palästinensischen Siedlungsgebiet genannt - er hat sich vorbereitet und weiß, was auf ihn zukommt.
Said: Obama hat sich der Lösung dieses Kernproblems verschrieben. Ihm ist klar, dass seinen Worten Taten folgen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn Israel sich querstellt?
Said: So einfach lässt sich die neue Sicht des amerikanischen Präsidenten nicht mehr aus der Welt schaffen. Die Ewiggestrigen auf beiden Seiten haben das gemerkt und stellen sich darauf ein. Denn sobald sich die schallenden Friedensbekenntnisse in Fakten niederzuschlagen beginnen, welche zum Beispiel die Palästinenser positiv zu spüren bekommen, werden Nimbus und Einfluss der Radikalen auf beiden Seiten abnehmen.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn palästinensische Extremisten wieder Raketen auf israelische Grenzsiedlungen schießen und die israelische Armee wieder die Panzer rollen lässt?
Said: Das wäre zwar schlimm, doch die Verantwortlichen für solche Friedensbehinderungsaktionen würden sich vor aller Welt als Friedensfeinde bloßstellen.
SPIEGEL ONLINE: Wenn die neue Hoffnung auf Frieden auch diesmal verpufft, ohne dass sich etwas tut, um die Situation positiv zu verändern, wird die Welt über Obamas Uni-Rede sagen: Viel Schall und Rauch um nichts.
Said: Der US-Präsident hat sich eine Frist bis zum Jahresende gesetzt. Bis dahin müssen Israelis und Araber sich bewegen. Obama wird alles nur Erdenkliche tun, damit der Frieden endlich Wirklichkeit wird.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Araber auf Obamas deutlichen Worte über die Leidensgeschichte der Juden in Europa und den Holocaust reagiert?
Said: Sie haben diese Darstellung schweigend, aber sehr nachdenklich zur Kenntnis genommen. Auch die Feststellung des US-Präsidenten, dass niemand diesen Völkermord in Frage stellen dürfe, wurde kommentarlos akzeptiert. Niemand der 3000 Anwesenden hatte mit einem Zwischenruf protestiert, obwohl an anderen Stellen der Rede durchaus Zwischenrufe gemacht wurden. Erstaunlich, dass selbst die Muslimbruderschaft diese wichtigen Erklärungen in keiner Weise beanstandete. Obamas ebenso deutliches Eingehen auf die Leiden der Palästinenser wenige Minuten später schwächte denkbare Kritikansätze im Keime ab.
SPIEGEL ONLINE: Haben die Araber und die Muslime das von Obama hervorgehobene Existenzrecht Israels kommentarlos übernommen?
Said: Eindeutig. Selbst Mahdi Akif, Führer der straff islamischen Muslimbruderschaft, ließ die Forderung nach Anerkennung Israels durchgehen. Sein schärfster Kommentar lautete: "Wir werden diese Frage eingehend prüfen." Das Existenzrecht Israel wird schon lange nicht mehr ernsthaft hinterfragt, zumal der arabische Friedensplan, den alle arabischen Staaten unterzeichnet haben, ja auf der gegenseitigen Anerkennung basiert im Austausch für die Schaffung eines palästinensischen Staates an der Seite Israels. Dass Israel nur dann einem Palästinenserstaat und der Rückgabe der syrischen Golanhöhen zustimmen wird, wenn es als Gegenleistung von allen arabischen Ländern voll anerkannt wird - inklusive normale Beziehungen auf allen Ebenen -, ist allen bewusst. Nur eins ist auch klar: Ohne Rückgabe der besetzten Gebiete und der Schaffung eines völlig unabhängigen palästinensischen Staates wird es keine Anerkennung Israels geben können.
Das Interview führte Volkard Windfuhr
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