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12.06.2009
 

Wahl im Iran

"Es wird Ärger geben"

Aus Teheran berichtet Ulrike Putz

Wer wird der neue Präsident: Hossein Mussawi oder Mahmud Ahmadinedschad, Reformer oder Hardliner? Bei den Wahlen zeichnet sich eine Rekordbeteiligung ab. Viele Iraner sind nervös, fürchten Unruhen - egal, wer gewinnt.

Es ist noch nicht 11 Uhr morgens, als zum ersten Mal von möglicher Wahlfälschung gesprochen wird. "In einigen Wahllokalen sind unsere Beobachter nicht zugelassen worden", ruft ein erboster Hossein Mussawi in die Mikrofone der Reporter. Er habe die zuständigen Stellen aufgefordert, das sofort zu ändern, erklärt der Reformkandidat für das iranische Präsidentenamt und schüttelt seinen in Tinte getunkten Zeigefinger: Wenige Minuten vorher haben Mussawi und seine Frau in der zum Wahllokal umfunktionierten Moschee des Teheraner Arme-Leute-Vororts Rey ihre Stimme abgegeben.

"Dies ist eine goldene Chance für Iran. Wir werden bis zum Schluss wachen und die Hoffnung hochhalten", beschwört Mussawi die Fernsehzuschauer zu Hause noch, dann ist sein letzter Auftritt als Kandidat beendet. Ab Samstag ist er entweder neuer Präsident eines 70-Millionen-Volkes - oder Geschichte.

In Iran sind an diesem Freitag rund 46 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, den Mann zu bestimmen, der die Islamische Republik Iran in Zukunft repräsentieren wird. Vier Kandidaten treten gegeneinander an, doch gilt es als sicher, dass das Rennen zwischen zweien entschieden wird: dem amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad - und eben Mussawi.

Ahmadinedschad ist in den vergangenen vier Jahren als populistischer Hardliner aufgetreten, als aggressiver Nationalist. Mussawi, Architekt, Künstler und Ex-Premierminister, steht für die Aussöhnung mit dem Westen. Er ist der Hoffnungsträger der Opposition, die sich Wandel und Freiheit wünscht.

Auch wenn alle Kandidaten vom allmächtigen Wächterrat handverlesen und deshalb garantiert linientreu sind: Der Ausgang der Wahlen, in der ein Kandidat in der ersten oder zweiten Runde 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen muss, wird weltweit mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Das Ergebnis kann zwar keine Revolution, aber eine Kurskorrektur bringen: Sollte Mussawi ein gutes Ergebnis einfahren oder gar die Wahl gewinnen, wird sich das Zwölfer-Komitee aus Ajatollahs und Juristen, das den Staat lenkt, dem Wunsch nach Wandel nicht gänzlich verschließen können.

Wahlkampf mit nie da gewesener Leidenschaft

Vor allem in Sachen Atomprogramm und Beziehungen zum Westen könnte das ein Ende des iranischen Konfrontationskurses bedeuten. Auch innenpolitisch könnte es zu Veränderungen kommen. 30 Jahre nach der Islamischen Revolution könnten den Iranern mehr persönliche Freiheit zugestanden werden. Auch wirtschaftliche Reformen wären denkbar. Derzeit ist die iranische Wirtschaft trotz gigantischer Öleinnahmen im Abschwung. Um Arbeitsplätze und damit Wohlstand zu schaffen, müsse das Ölgeld endlich sinnvoll investiert werden, fordern iranische Ökonomen. Ahmadinedschad hatte sich dem in den vergangenen Jahren widersetzt und versucht, die Misere mit Subventionen und Hilfszahlungen zu bekämpfen.

Der Wahlkampf zwischen Ahmadinedschad-Anhängern und Reformwilligen wurde bis zum Schluss mit in Iran nie da gewesener Leidenschaft geführt. Ahmadinedschad gab dabei den Mann der kleinen Leute, fromm und bescheiden, ein großer Patriot. Mussawi-Anhänger nutzten die Gunst der Stunde, um Abend für Abend die kleinen Freiheiten vorwegzunehmen, die ihr Kandidat durchsetzen soll: Sie verwandelten Teherans Straßen in Partymeilen, auf denen - unerhört in der Islamischen Republik - öffentlich getanzt und gefeiert wurde. Einige Frauen nahmen gar die obligatorischen Kopftücher ab. Zuletzt zeichnete sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Spitzenkandidaten ab.

Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Einkommen, Wohnort: Es sind viele Faktoren, die die iranischen Wähler prägen. Junge, gut ausgebildete Städter sind eher für Mussawi, ebenso wie viele Frauen, die sich von dessen charismatischer Ehefrau Sahra Rahnaward feministischen Einfluss erhoffen. Die Landbevölkerung, untere Einkommensschichten und ältere, konservative Iraner dagegen wählen mehrheitlich Ahmadinedschad.

Diese Faustregel beweist sich auch in Rey, wo Hunderte gekommen sind, um Mussawi wählen zu sehen. "Ich war um acht Uhr die allererste, die hier ihre Stimme für Mussawi eingeworfen hat", sagt Masume. Vier Jahre Ahmadinedschad hätten dem Ansehen Irans in der Welt geschadet, begründet die 26-jährige Bankangestellte ihre Wahl. "Mein Bruder ist Uniprofessor in Kanada. Seit Ahmadinedschad werden dort alle Iraner als Terroristen wahrgenommen", sagt sie. Was Iran brauche, sei Wandel. "Wenn es die Amerikaner schaffen, einen Schwarzen zum Präsident zu wählen, dann können auch wir uns ändern." Mussawi sei zwar kein Wunschkandidat, aber das kleinere Übel - das sagen viele in diesen Tagen.

Monavar hingegen will keine Veränderung. "Ich wähle doch niemand Neues, der dann wieder vier Jahre braucht, um sich einzuarbeiten", sagt die 82-jährige Ahmadinedschad-Anhängerin. Stolz führt sie ihre Geburtsurkunde vor: Sieben Stempel zeigen, dass sie schon sieben Mal in ihrem Leben gewählt hat. "Und ich bin noch kein bisschen müde", sagt Monavar und beweist es auch gleich. "Tod den USA, Tod den USA", so skandiert sie den Schlachtruf der Islamischen Revolution.

Auf der Fahrt in den wohlhabenden Norden Teherans laufen die Zwölf-Uhr-Nachrichten im Autoradio. Schon in den ersten Stunden hätten fünf Millionen Iraner ihre Stimme abgegeben. Eine Rekord-Wahlbeteiligung zeichne sich ab. Sollte das stimmen, so könnte es die Niederlage Ahmadinedschads besiegeln. Denn bei der Wahl vor vier Jahren war die politikverdrossene Mittelschicht in großen Teilen nicht an den Wahlurnen erschienen. Es war vor allem die Landbevölkerung und die Arbeiterklasse, die den weitgehend unbekannten Ahmadinedschad zu ihrem Präsidenten machte. Sollten Irans Besserverdiener diesmal ihre Stimme abgeben, so könnte das den Wechsel an der Spitze bringen.

Das Nordende der langen Vali-Asr-Straße ist der Ku'damm Teherans. Benetton-Läden, ein Mercedes-Händler, westliche Kaffeehausketten: Hier wählt eben jene Oberschicht, die sich von Ahmadinedschad nicht repräsentiert fühlt. "Was wir in Iran bräuchten, wäre echte Demokratie", sagt Farid in lupenreinem amerikanischen Englisch. Mit seinen Eltern und der Schwester wartet der Besitzer einer Werbeagentur, um seine Stimme für Mussawi abzugeben. "Er ist mit Sicherheit nicht der links-liberale Kandidat, den ich gern wählen würde", sagt der 24-Jährige. "Aber er ist der erste kleine Schritt in die richtige Richtung."

Mit Ergebnissen wird nicht vor Samstag gerechnet. Doch noch während die Iraner anstehen, um ihre Stimme abzugeben, machen sich viele Sorgen, was am Tag nach Benennung des Siegers geschehen wird. Die Spannung, die in den vergangenen Tagen in der Luft lag, wird sich irgendwie entladen, fürchten sie.

Sollte Mussawi unterliegen, sich der Verdacht auf Wahlmanipulationen zu Gunsten Ahmadinedschads erhärten, werde es sicher zu Protesten der Opposition kommen, sagt Farid. Doch auch ein Sieg des Reformers könnte Gefahr bringen. "Ahmadinedschad kontrolliert das Militär, ich weiß nicht, ob die eine Niederlage hinnehmen werden", sagt Farid.

Der 23-jährige Neda, der mit seiner Verlobten in der Schlange steht, will auf Nummer sicher gehen: "Wir gehen am Samstag auf keinen Fall vor die Tür. Egal wie es ausgeht, es wird Ärger geben."

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REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.

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Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

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Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung

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