Sanaa - Den ganzen Tag über gab es dramatische Meldungen aus dem Jemen. Und auch Stunden nach den ersten Berichten ist nicht ganz klar, was mit der seit Freitag verschwundenen Gruppe aus sieben Deutschen, einer Koreanerin und einem Briten passiert ist. Die Nachrichtenagenturen dpa und Reuters berichten, es seien drei Tote entdeckt worden. AFP meldet den Fund von sieben Leichen und AP berichtet davon, alle neun Ausländer seien getötet worden.

Sicherheitskräfte auf Patrouille in der Provinz Saada (Archivbild): Widersprüchliche Angaben über Zahl der Opfer und Fundorte
Gleichwohl geht niemand in Berlin davon aus, dass an den Meldungen nichts dran ist. "Wir müssen mit Toten rechnen, auch wenn wir noch nicht wissen, mit wie vielen", sagte ein Spitzenbeamter am Abend. Außenminister Frank-Walter Steinmeier lässt sich über die Nachforschungen ständig unterrichten. Er wird es am Ende sein, der die Nachricht verkünden muss. Dass es keine gute Nachricht sein wird, ist in allen beteiligten Ministerien klar.
Die Wahrheit dürfte irgendwo zwischen den vielen widersprüchlichen Meldungen aus dem Jemen liegen. Die Nachrichtenagentur dpa berichtet, zwei deutsche Pflegehelferinnen und eine koreanische Lehrerin seien tot aufgefunden worden. Die Leichen der Frauen, die mit Pistolen und Dolchen umgebracht wurden, seien am Montag im Nuschur-Tal nahe der Ortschaft Akwan entdeckt worden, sagten demnach Beamte in der nordwestlichen Provinz Saada. Andernorts in dem Tal hätten die Sicherheitsbeamten später zwei kleine Mädchen aus der Gruppe lebend entdeckt. Vier weitere Ausländer - Vater und Mutter der Mädchen und der Sohn der Familie, die schon länger im Jemen lebte, sowie ein britischer Ingenieur - wurden am Montagabend laut dpa noch vermisst.
Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen waren die Pflegehelferinnen 24 und 26 Jahre alt, die deutschen Eltern beide 36, ihre Töchter 3 und 4 Jahre und ihr Sohn gerade elf Monate. Die Ausländer hatten alle im Auftrag der in den Niederlanden registrierten Wohltätigkeitsorganisation Worldwide Services am Dschumhuri-Krankenhaus in der nordwestlichen Stadt Saada gearbeitet - das bestätigte ein Sprecher der Organisation in den Niederlanden.
Dagegen meldet AFP unter Berufung auf Sicherheitsvertreter, der Sohn eines Stammesältesten habe sieben Leichen in Noshur, zwölf Kilometer von der Provinzhauptstadt Saada entfernt, entdeckt und die örtlichen Behörden informiert. Ein Stammesführer in Noshur bestätigte AFP den Fund der sieben Toten. Wie dpa berichtet AFP, dass die Sicherheitskräfte zwei Kinder lebend gefunden haben.
Die dritte Version der Ereignisse kommt von AP: Die Agentur berichtet ebenfalls unter Berufung auf jemenitische Sicherheitskreise, dass alle neun Vermissten tot seien. Nachdem zunächst die Leichen von drei deutschen Frauen entdeckt worden seien, seien später noch sechs weitere Tote gefunden worden.
So verwirrend die Meldungen über die Zahl der Toten und ihre Fundorte sind, so schnell machten sich in Berlin die Behörden Gedanken über die möglichen Täter. Die jemenitischen Behörden gaben am Sonntag an, Mitglieder der schiitischen Rebellenorganisation Huthi hätten die Ausländer entführt. Ein Sprecher der Organisation bestritt dies jedoch kategorisch und sprach von einer "Schmutzkampagne" der Regierung.
Vieles spricht dafür, dass es sich bei dem Fall gar nicht um eine Entführung, sondern möglicherweise um eine gezielte Tötung von Ausländern handelte. Allein das Vorgehen der Verbrecher weist darauf hin, dass sie von Beginn an keine normale Geiselnahme planten. Weder gingen Forderungen ein, noch meldeten sich die Kidnapper der Gruppe bei der deutschen Botschaft.
Folglich festigt sich der Verdacht, dass Terroristen oder zumindest lokale Stämme, die mit al-Qaida sympathisieren, hinter dem tödlichen Anschlag stecken könnten. Für deutsche Sicherheitsexperten ist das der Alptraum schlechthin und der beste Beweis, dass die Warnmeldungen der vergangenen Wochen stimmten - die allerdings eher von möglichen Attacken auf Deutsche in Nordafrika bestimmt wurden.
Wie das Auswärtige Amt in seiner jüngsten, sehr scharfen Reisewarnung für den Jemen vermerkt, wurden am 15. März 2009 bei einem Selbstmordanschlag in der Provinz Hadramaut vier Touristen aus Südkorea und ein jemenitischer Reisebegleiter getötet. Bei einem weiteren Selbstmordanschlag in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt Sanaa am 18. März wurde der Attentäter getötet. Beide Attacken werden al-Qaida zugeschrieben. Einiges spricht einem Sicherheitsexperte zufolge dafür, dass das Netz auch hinter dem Tod der Deutschen steckt.
Bestätigt sich eine Spur zu dem Netzwerk von Osama Bin Laden & Co bekäme der Fall neben aller Tragik eine ganz andere Bedeutung: Erstmals seit den Anschlägen auf der Ferieninsel Djerba vor einigen Jahren wären Deutsche möglicherweise sogar gezielt von der Terrororganisation umgebracht worden.
Gleichwohl fanden sich bis zum Abend auf den Qaida-Internet-Seiten keine Bekennerschreiben oder gar grausige Bilder der Getöteten. Normalerweise schlachtet die Gruppe ihre Taten für ihre zynische Propaganda auch medial aus. Dies kann jedoch auch noch später geschehen.
Bei Behörden und den Geheimdiensten jedenfalls hat man die Internet-Seiten der Qaida unter ständiger Beobachtung.
mgb/sac/dpa/AFP/AP/Reuters
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