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15.06.2009
 

Massenproteste in Teheran

Schüsse beim Aufstand gegen die Ajatollahs

Aus Teheran berichtet Ulrike Putz

Hunderttausende kamen, um Oppositionsführer Mussawi zu sehen, am Ende fielen Schüsse: Sicherheitskräfte haben bei der Massenkundgebung in Teheran mit Gewalt eingegriffen. Mindestens ein Mann soll getötet worden sein. Die Demonstranten feierten trotzdem in die Nacht - sie spüren, dass das Regime unter Druck gerät.

Stundenlang demonstrierten sie ohne Zwischenfälle auf dem Platz der Revolution - doch dann, gegen Ende der Oppositionsproteste am Montagabend in Teheran, kam es zu einem Ausbruch der Gewalt. Iranische Sicherheitskräfte schossen auf Anhänger des Reformkandidaten Hossein Mussawi.

Die Nachrichtenagentur AP verbreitete das Bild eines Mannes, der offensichtlich tödlich an Kopf oder Oberkörper verwundet worden war. Auf anderen Bildern trugen Männer die Leiche durch die Menge - der iranische Fotograf gab an, die tödlichen Schüsse seien von Regierungsmilizen abgefeuert worden. AP zufolge wollte eine kleine Gruppe von Demonstranten gegen Ende der Proteste in ein Gebäude der Sicherheitskräfte eindringen und legte dort ein Feuer, als vom Dach aus das Feuer auf eine Ecke des Platzes der Revolution eröffnet wurde.*

Weitere Bilder zeigten Verletzte mit Schusswunden, die in Krankenhäuser gebracht werden. Dass Schüsse fielen und auch Tränengas eingesetzt wurde, bestätigten andere Augenzeugen. Ein Reporter des iranischen Staatsfernsehens berichtete: "Es gab vereinzelt Schüsse da draußen. Ich kann sehen, wie Menschen davonlaufen."

Viele Menschen hätten den Platz in Panik verlassen, auf dem die Kundgebung stattfand, berichteten Nachrichtenagenturen. Eine Rauchwolke von brennenden Reifen, Mülleimern und Motorrädern sei aufgestiegen.

Auch im Norden Teherans gab es Reportern zufolge Schießereien. Zehntausende Menschen waren dort noch nach Einbruch der Dunkelheit in Autokorsos unterwegs, hupten und zeigten das Victory-Zeichen - um trotz der Gewalteskalation ihre zaghaften ersten Erfolge im Kampf gegen das Regime zu feiern. Nicht nur, dass die Demonstration trotz eines offiziellen Verbots durch das Innenministerium stattgefunden hatte und lange Zeit geduldet wurde; solch große Massenkundgebungen hatte es seit der Islamischen Revolution 1979 in Teheran kaum gegeben. Auch die Ankündigung von Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei am Morgen, eine Überprüfung der Wahlen vorzunehmen, war ein erstes Zeichen, dass das Regime den Protest ernst nimmt und nehmen muss.

Das iranische Staatsfernsehen meldete außerdem, am Dienstag werde sich der allmächtige Wächterrat mit Mussawi und dem anderen unterlegenen Reformkandidaten Mahdi Karrubi besprechen. Schon dass die beiden an diesem Montag auf dem Platz der Revolution wieder in der Öffentlichkeit auftreten konnten, war ein Eingeständnis, dass die Wut der Straße nicht länger zu ignorieren ist.

Mussawi fordert Neuwahlen

Gegen vier Uhr nachmittags hatten sich zunächst mehr als hunderttausend Anhänger von Mussawi und Karrubi versammelt, um gegen den von ihnen vermuteten Wahlbetrug zu demonstrieren. Schweigend zog ein nicht enden wollender Protestzug gen Westen. Auf dem Platz der Revolution, auf dem das Wahrzeichen Teherans steht, sollten die beiden Oppositionsführer die Menge begrüßen - doch ob sie würden sprechen können, war lange nicht klar. Weil das Innenministerium die Demonstration für illegal erklärt hatte, stand keine Lautsprecheranlage zur Verfügung.

Dann brandete plötzlich Beifall auf, "Mussawi, Mussawi"-Rufe wurden laut. Zwei Autos in einem Pulk von Leibwächtern bahnten sich den Weg durch die Massen, bis sich der Oppositionskandidat an seine Anhänger wandte: "Wir sind bereit, wieder an einer Präsidentschaftswahl teilzunehmen", sagte Mussawi. "Die Wahl des Volkes ist wichtiger als die Person Mussawi oder irgendjemand anders."

Die Zuhörer blieben stumm - keine Parolen, keine Slogans, hatte Mussawi seine Anhänger beschworen. Die Polizisten griffen zunächst nicht ein. "Polizei, Polizei, danke", riefen die Demonstranten. Aber auch Drohungen wurden skandiert: "Wenn sich der Betrug bestätigt, wird etwas Großes passieren in Iran." In den vergangenen zwei Tagen hatten die Sicherheitskräfte Proteste wegen der mutmaßlichen Wahlfälschung mit brutaler Gewalt niedergeknüppelt.

Noch eine Stunde nach Beginn strömten immer neue Pulks aus den Seitenstraßen, schlossen sich dem friedlichen Protest an - es hatte sich herumgesprochen, dass die Lage noch friedlich war. Viele, die gezögert hatten, eilten herbei. Ab und an hob ein Grüppchen zu einem Sprechchor an. Die Umstehenden brachten sie durch leises Zischen zum Schweigen. Der Polizei und den Spezialeinheiten, die in Hundertschaften in den Seitenstraßen wartete, sollte keinerlei Vorwand zum Angriff gegeben werden.

Millionen Iraner konnten währenddessen sich auf dem persischsprachigen Satellitenkanal der BBC zu Hause davon überzeugen, dass einige der am Samstag verhafteten Oppositionellen wieder auf freiem Fuß sind. Mohammed Resa Chatami, Bruder des ehemaligen Präsidenten und Mussawi-Mentors Mohammed Chatami, fand sich bei der Demonstration ein. Auch der ehemalige Teheraner Bürgermeister Gholam Hossein Karbastschi, der Samstag abgeholt wurde, war im Gefolge Mussawis.

Wie viel die Erfolge dieses Tages wirklich bedeuten - das steht allerdings auf einem anderen Blatt. Es war Oppositionsführer Mussawi selbst, der am Abend auf seiner Internet-Seite mitteilte, er sei wegen der Wahlanfechtung beim Wächterrat nicht optimistisch. Viele von dessen Mitgliedern seien "während der Wahl nicht unparteilich gewesen", stellte er fest. Sie hätten offen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad unterstützt.


*SPIEGEL ONLINE hat sich dagegen entschieden, die Bilder des Toten zu veröffentlichen.

mit Material von AP, AFP, dpa, Reuters

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