• Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.06.2009
 

Jemen

Ermordete Deutsche waren Bibelschülerinnen

Sie waren Studentinnen an einer Bibelschule, absolvierten im Jemen ein Praktikum in einem Krankenhaus - und wurden dort ermordet. Noch ist unklar, wer Anita G. und Rita S. tötete, ebenso wie das Schicksal einer deutschen Familie, die verschleppt wurde.

Berlin - Die Bibelschule im nordrhein-westfälischen Lemgo bestätigte am Dienstag, dass die zwei im Jemen ermordeten deutschen Frauen Studentinnen an der Fachschule waren. "Mit tiefer Bestürzung haben wie die Nachricht vom Tod unserer Studierenden Anita G. und Rita S. aufgenommen", teilte die Einrichtung auf ihrer Website mit.

Die beiden hätten sich im dritten Studienjahr befunden. "Aufgrund ihres ausgeprägten sozial-diakonischen Engagements entschieden sie sich für ein Praktikum im Jemen", hieß es weiter.

Nach den bisher bekannten Informationen gehörten Rita S. und Anita G. zu einer aus insgesamt neun Ausländern bestehenden Gruppe, die am vergangenen Freitag in der Nähe der nordjemenitischen Stadt Saada verschleppt wurde. Die Leichen der beiden jungen Frauen wurden am Dienstag von Hubschraubern geborgen und zu einer Autopsie in die Hauptstadt Sanaa gebracht.

"Fröhlich und sozial engagiert"

Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Ein drittes Mordopfer ist mittlerweile ebenfalls identifiziert: Wie die Regierung in Seoul mitteilte, wurde die Leiche einer jungen Lehrerin aus Südkorea entdeckt.

Das Schicksal der übrigen Gruppenmitglieder ist ungeklärt. Niemand vermag derzeit zu sagen, ob sie noch leben oder nicht. Es handelt sich um ein deutsches Ehepaar und ihre drei kleinen Kinder, sowie einen Briten. Der deutsche Techniker Johannes H. und seine Ehefrau Sabine arbeiten an einem Krankenhaus in der Stadt Saada.

Die beiden deutschen Mordopfer waren Kommilitoninnen an der Bibelschule in der Nähe der Stadt Lemgo und waren laut einem Bericht der "Wolfsburger Allgemeinen Zeitung" zudem Mitglieder einer Baptisten-Kirche.

Rita S. stammte aus dem kleinen Ort Wettmershagen in der Nähe von Wolfsburg. Die 26-Jährige interessierte sich laut ihres Eintrags im Internet-Portal StudiVZ für Kunstturnen, begeisterte sich für den VfL Wolfsburg und zählte den Baseball-Streifen "Eine Klasse für sich" zu ihren Lieblingsfilmen. Freunde beschreiben die fromme junge Frau als fröhlich und sozial engagiert.

Die gesamte neunköpfige Gruppe arbeitet im Jemen für die Hilfsorganisation "Worldwide Services" (WWS) aus den Niederlanden. Der Sprecher der Organisation, Peter Lieverse, bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass seinen Informationen zufolge die junge Koreanerin und die beiden jungen deutschen Frauen ermordet worden seien.

Alle neun Verschleppten arbeiteten für eine Hilfsorganisation

Für gewöhnlich, so Lieverse, arbeiten die WWS-Mitarbeiter an ihrem Einsatzort ohne Entgelt; sie würden sich ihren Aufenthalt im Ausland selbst finanzieren oder von Sponsoren bezahlen lassen. Die Organisation sei sehr klein und derzeit nur im Jemen aktiv, dort allerdings schon seit etlichen Jahren.

Laut Außenminister Steinmeier muss davon ausgegangen werden, dass sich die deutsche Familie H. und die britische Geisel in den Händen "skrupelloser Gewalttäter" befänden. Die jemenitische Regierung habe zugesichert, sich mit allen Mitteln für die Entführten einzusetzen. Auch die Bundesregierung werde alles "in unserer Macht stehende tun, um die noch Vermissten heil nach Hause zu bringen". Ein Spezialteam des Bundeskriminalamtes (BKA) soll die Opfer identifizieren.

Gouverneur setzt Belohnung aus

Wer hinter den Morden und der Verschleppung steckt, ist bislang noch völlig unklar. Die jemenitische Regierung hatte den Verdacht sehr früh auf die schiitischen Rebellen unter Führung von Abd al-Malik al-Huthi gelenkt, mit denen sie besonders in der Region um Saada seit Jahren zu kämpfen hat.

Experten wie der Berliner Terrorspezialist Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) halten das aber für unwahrscheinlich. Auch die Huthi-Leute erklärten, sie hätten mit dem Verbrechen nichts zu tun. Dafür, dass das auch im Jemen aktive Terrornetzwerk al-Qaida hinter der Tat steckt, fehlen bislang ebenfalls handfeste Hinweise. Auf den üblicherweise von der jemenitischen Qaida-Filiale benutzten Internetseiten war bis Dienstagnachmittag kein Bekennerschreiben zu finden.

Der Gouverneur der Provinz Saada nahe der Grenze zu Saudi-Arabien setzte nach einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Saba unterdessen eine Belohnung von 25.000 Dollar für Hinweise auf die Entführer und ihren Aufenthaltsort aus.

Gefahr für Touristen im Jemen

Juni 2009 - Geiselnahme einer deutschen Familie

Eine fünfköpfige Familie aus Sachsen wird zusammen mit Begleitern verschleppt. Zwei Deutsche und eine Koreanerin wurden bereits am ersten Tag erschossen. Zwei Kinder der sächsischen Familie wurden im Mai 2010 freigelassen.

April 2009 - Niederländischer Ingenieur entführt

März 2009 - Anschlag auf Touristen aus Südkorea

Januar 2009 - Deutscher Ingenieur enführt

Dezember 2008 - Deutsche Entwicklungshelferin entführt

September 2008 - 16 Tote bei Anschlag auf US-Botschaft

April 2008 - Anschlag auf Ausländer-Wohnviertel

März 2008 - Toter bei Anschlag auf US-Botschaft

Januar 2008 - Anschlag auf belgische Touristen

Juli 2007 - Anschlag auf spanische Touristen

Dezember 2005 - Jürgen Chrobog entführt

yas/svr/dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 616 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.01.2010 von citrin:

Die "Landesgesetze" stellen bereits eine massive Diskriminierung von Frauen dar! Darüberhinaus: "In Saudi-Arabien werden pro Woche im Schnitt mehr als zwei Menschen hingerichtet. Fast die Hälfte davon sind [...] mehr...

23.01.2010 von JDR:

Ein Mythos, der einfach nicht totzukriegen ist. Man nennt das wohl "analysis by philosophy". Die statistische Wahrscheinlichkeit weist den "gemeinen Selbstmordattentäter" zwar als eine völlig andere Person [...] mehr...

19.01.2010 von saul7: Eine

gewisse Ähnlichkeit mit der Entwicklung in Afghanistan zeichnet sich dann ab, wenn der Westen (USA) damit beginnt, den zurzeit im Jemen entstehenden Terrorismus mit militärischen Mitteln zu bekämpfen. Jeder Eingriff in diesen [...] mehr...

19.01.2010 von grauer kater:

Wer meint, den Yemen besiegen zu können, der wird sich noch mehr blutige Köpfe einhandeln, als das im Irak oder Afghanistan der Fall ist! Aus der Kenntnis des Landes kann ich nur jeden warnen, sich dort auf militärische [...] mehr...

19.01.2010 von grauer kater:

Wo werden in den Golfstaaten Frauen und Ausländer diskriminiert? Ich habe alle bereist, teilweise dort sogar mich länger aufgehalten! Selbst im Iran und in Saudi Arabien war von Diskriminierung nichts zu merken! In Kuwait, [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP