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Entführungsfall Jemen verstärkt Suche nach deutschen Geiseln

Kein Versteck soll den Entführern Sicherheit geben: Bei der Suche nach den Kidnapping-Opfern aus Deutschland weiten Jemens Sicherheitskräfte den Radius auf weitere Provinzen aus. Hunderte Soldaten sind beteiligt.

Sanaa - Die jemenitischen Sicherheitskräfte haben ihre Suche nach den sechs Geiseln aus Deutschland und Großbritannien auf ein größeres Gebiet ausgedehnt. Das Innenministerium in Sanaa teilte am Mittwoch mit, mittlerweile werde nicht nur die nordwestliche Provinz Saada durchkämmt. Auch in den Nachbarregionen al-Jawf, Amran und Hadscha werde nun nach der deutschen Familie und dem britischen Ingenieur geforscht.

"Kein Ort bietet den Entführern und Mördern Sicherheit, selbst wenn sie sich tief unter der Erde verstecken sollten", erklärte das Innenministerium. Augenzeugen in Saada sagten, die Sicherheitskräfte hätten zusätzlich mehrere Hundertschaften der Polizei und Soldaten mit Hubschraubern in die Provinz verlegt. Am Dienstagabend war die Belohnung für Hinweise auf das Versteck der Geiselnehmer auf 250.000 Dollar (umgerechnet 181.000 Euro) erhöht worden. Auch ein deutsches Ermittlerteam soll im Jemen bei der Suche helfen.

Das Auswärtige Amt in Berlin hat bisher keine neuen Informationen zu den vermissten Deutschen. "Wir bemühen uns weiterhin um eine rasche Aufklärung", sagte eine Sprecherin. Woher aus Deutschland die vermisste Familie stammt, ist unklar. Zu Medienberichten, dass die Entführten aus dem Kreis Bautzen in Sachsen kommen, wollte sich das Auswärtige Amt nicht äußern.

Am vergangenen Freitag waren nördlich der Hauptstadt Sanaa neun Ausländer verschleppt worden. Drei von ihnen wurden getötet: Zwei Studentinnen aus Niedersachsen und eine südkoreanische Lehrerin. Ihre Leichen wurden am Montag gefunden. Von den restlichen sechs Geiseln - ein deutsches Ehepaar mit drei Kleinkindern und ein Brite - fehlt bislang jede Spur. Die Ausländer hatten alle in Saada im Dschumhuri-Krankenhaus gearbeitet.

Keinen Kontakt, keine Hinweise, keine Spuren

Die deutschen Behörden versuchten in den vergangenen 24 Stunden sicherzustellen, dass sich in dem Gebiet um Saada keine weiteren Deutschen aufhalten. Nach Informationen aus dem jemenitischen Innenministerium wurden jedoch mehrere Ausländer heute nach Sanaa gebracht. Mindestens eine Deutsche befindet sich jedoch immer noch in Saada. Die Krankenschwester will nach Aussagen von Kollegen darauf warten, ob die drei entführten Kinder der Familie von Johannes H. doch noch gefunden werden und sich dann um sie kümmern.

Auch die anderen ausländischen Botschaften im Jemen forderten ihre Bürger auf, die Region zu verlassen. Nach Angaben der Organisation "Worldwide Services" sind in Saada noch zwei Deutsche für die Gruppe tätig, allerdings wollte ein Sprecher keine Details nennen. Nach Aussagen von lokalen Medizinern arbeiteten die beiden Deutschen ebenfalls in dem Krankenhaus, in dem auch Johannes H. tätig war. Wie viele Ausländer neben den Deutschen noch in der Region als Helfer tätig waren oder sind, war in Sanaa nicht zu erfahren.

Die Bundesregierung ist derzeit machtlos: Bis heute gibt es weder einen Kontakt zu der Geiselgruppe noch zu den Entführern. Auch die Suche in dem Gebiet brachte bisher nach Angaben von Sicherheitsexperten keine Anhaltspunkte auf die Hintergründe der Entführung oder auf den Aufenthaltsort der Geiseln. Für den Jemen ist der Verlauf des Geiselfalls extrem ungewöhnlich. Normalerweise melden sich die Entführer sehr schnell und steigen in Verhandlungen um Lösegeld oder andere Gegenleistungen ein.

Ob die Vermissten von Kriminellen oder von islamistischen Terroristen verschleppt wurden, ist unklar. Bewaffnete Stammesangehörige, die im Jemen gelegentlich Ausländer entführen, um dadurch die Regierung zu erpressen, scheiden als Täter nach Ansicht von Experten aus. Der Mord an den drei Frauen verstoße gegen die ungeschriebenen Gesetze der arabischen Stämme.

Wulff spricht Angehörigen sein Mitgefühl aus

Nach dem gewaltsamen Tod der beiden deutschen Frauen, die an einer Bibelschule in Nordrhein-Westfalen lernten, stellen die Baptisten in Deutschland Missionseinsätze in Krisengebieten in Frage. Diese Diskussion müsse geführt werden, erklärte Regina Claas, Generalsekretärin des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) am Mittwoch. Zunächst aber sei nun die Zeit des "Innehaltens und Trauerns mit den Familien und der Gemeinde der Opfer". Der Tod der beiden im Jemen entführten und tot aufgefundenen Bibelschülerinnen habe "Betroffenheit, Trauer und Entsetzen ausgelöst".

Die 24-jährige Anita G. und die 25-jährige Rita S. waren Mitglieder des christlichen Vereins "Bibelschule Brake" in Nordrhein-Westfalen, wo sie das dritte Studienjahr absolvierten, wie es in der Erklärung weiter hieß. Sie arbeiteten im Kurzeinsatz als Praktikantinnen der niederländischen Hilfsorganisation Worldwide Services in einem Krankenhaus in Saada im Norden des Jemen. Beide Bibelschülerinnen gehörten demnach der Immanuel-Gemeinde Wolfsburg-Westhagen an, einer Baptistengemeinde, die nicht zum BEFG gehört.

Karte: Wo die Entführung stattfand
SPIEGEL ONLINE

Karte: Wo die Entführung stattfand

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sprach den Angehörigen der ermordeten Frauen sein Mitgefühl aus und kündigte für den Tag der Trauerfeier Trauerbeflaggung an allen öffentlichen Gebäuden an. "Wir verneigen uns vor dem Mut, andere Menschen in den ärmsten Regionen dieser Welt trotz aller Gefahren nicht allein zu lassen", hieß es in einer Mitteilung. Die Regierung sei tief bestürzt über die Ermordung der Frauen aus dem Kreis Gifhorn. "Beide hatten sich bewusst für den Dienst christlicher Nächstenliebe entschieden und sind grausamen Verbrechern in die Hände gefallen", sagte Wulff.

Im Jemen protestierten Hunderte von Anhängern des schiitischen Rebellenführers Abdulmalik al-Houthi gegen die Entführung und Ermordung der Frauen. Eine Sprecher der islamistischen Bewegung sagte, die Demonstranten hätten während ihres Protestzuges in der von den Rebellen kontrollierten Ortschaft Dhahian die positive Rolle der ausländischen Helfer im Dschumhuri-Krankenhaus hervorgehoben. "Wir sprechen dem deutschen Volk unser Beileid aus" und "Die Sicherheitsbehörden müssen dieses verabscheuungswürdige Verbrechen unbedingt aufklären" stand auf ihren Transparenten. Gleichzeitig begann in der Provinzhauptstadt Saada eine ähnliche Protestdemonstration regierungstreuer Jemeniten.

Gefahr für Touristen im Jemen
Eine fünfköpfige Familie aus Sachsen wird zusammen mit Begleitern verschleppt. Zwei Deutsche und eine Koreanerin wurden bereits am ersten Tag erschossen. Zwei Kinder der sächsischen Familie wurden im Mai 2010 freigelassen.

mgb/ffr/dpa/AFP

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