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18.06.2009
 

Offener Brief an Ajatollah Chamenei

"Ihre Herrschaft ist vorbei"

Eine Demokratie, in der Recht und Gesetz gelten - das muss die Zukunft Irans sein, schreibt Afshin Ellian in einem offenen Brief an Ajatollah Chamenei. Der Wissenschaftler appelliert an das religiöse Oberhaupt des Landes: Machen Sie den Weg frei für einen friedlichen Wandel nach dem Vorbild Südafrikas!

An Seine Exzellenz, Ajatollah Said Ali Chamenei,

Im Jahr vor der iranischen Revolution wurde einem Mitglied meiner Familie die große Ehre zuteil, neben Ihnen beten zu dürfen - was unsere Familie auch später noch, während der Revolution, mit großem Stolz erfüllt hat. Mein Verwandter war mit Ihnen im Gebet vereint - und dennoch kurz nach der Revolution gezwungen, so wie auch ich, aus diesem Land zu fliehen.

Irans geistliches Oberhaupt Chamenei: Diktatur eines alleinherrschenden Ajatollahs
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DPA

Irans geistliches Oberhaupt Chamenei: Diktatur eines alleinherrschenden Ajatollahs

Wir haben, Exzellenz, kein Verbrechen begangen. Wir haben lediglich die repressiven Maßnahmen kritisiert, die von Imam Chomeini eingeführt wurden - und das war nun ein strafbares Vergehen.

Ich war noch nicht einmal 18 Jahre alt, als ich mich gezwungen sah, meine Heimat zu verlassen. Anders als wir, die an der islamischen Revolution beteiligt waren, uns das je haben vorstellen können, wurde mit dieser Revolution eine Gewaltherrschaft verankert. Die Veränderungen haben einen Exodus ausgelöst, wie ihn das Land noch nicht gesehen hat, sie haben zur Ermordung von Tausenden Iranern geführt - ausgerechnet unter einer Regierung, die dem Land die Befreiung von der Tyrannei versprochen hatte.

In den achtziger Jahren wurden Tausende Iraner exekutiert, die mit Ihnen gegen den Schah gekämpft hatten. Sie wurden von einem Revolutionstribunal abgeurteilt, ohne dass es je eine offizielle Anklage gegeben hätte, ohne dass sie einen Verteidiger berufen durften. Unter denen, die damals getötet wurden, waren auch zwei Mitglieder meiner eigenen Familie; ein Verwandter wurde in einem Massengrab verscharrt. Allein 1988, und zwar binnen weniger Wochen, wurden Tausende politische Gefangene in einem Massenverfahren verurteilt, hingerichtet und in anonymen Gräbern beigesetzt - und dies geschah im Auftrag des Imam Chomeini.

Den Gefangenen wurden genau drei Fragen gestellt:

  • Bist du Muslim?

  • Hast du heute gebetet?

  • Und hast du uns alles über deine Freunde gesagt, auf dass wir nun davon ausgehen können, dass du künftig die Gesetze der Scharia befolgst?

Tausende haben offenbar die falschen Antworten auf diese Fragen gegeben, denn sie liegen nun zusammen in einem Massengrab bei Khavaran in der Wüste vor den Toren Teherans.

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SPIEGEL ONLINE

Vor kurzem hat Ihr Präsident den Befehl gegeben, dieses Massengrab zu zerstören. Warum hat er das getan? Ich denke aus Furcht. Weil jeden Tag weinende Mütter frische Blumen auf diesen unrühmlichen Haufen Erde legen. Imam Chomeini hat dem Volk Irans Gerechtigkeit versprochen - und dieses Grab ist der Beweis, was er damit gemeint hat. Es ist ein Symbol für das theokratische Regime, das Sie, Exzellenz, in den vergangenen zwanzig Jahren geführt haben.

Vor 30 Jahren sind Millionen Iraner, vor allem junge Menschen, auf die Straße gegangen, um für drei Dinge zu demonstrieren:

  1. die drei Grundrechte, die wir Azadi-e Baian, Azadi-e Qalam und Azadi-e Andish-e nennen: die Freiheit des Gedankens sowie des gesprochenen und geschriebenen Wortes.
  2. die persönliche Freiheit des Individuums
  3. eine Islamische Republik.

Doch unsere Hoffnungen wurden enttäuscht; wir halfen dabei, eine Verfassung zu etablieren, die man nur verbrecherisch nennen kann. Imam Chomeini setzte seine Vorstellung einer vilayat-i faqih durch - die Diktatur eines alleinherrschenden Ajatollahs. Er hat damit eine Krise für den Iran und den Islam selbst heraufbeschworen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Exzellenz, Sie haben noch jeden Versuch eines gewaltfreien Protests mit Gewalt und Unterdrückung erstickt. Die Ernennung eines obersten geistlichen Führers nach den Prinzipien der vilayat-i faqih hat zu unlösbaren Konflikten geführt. Die turnusgemäße Wahl eines Präsidenten hat weder für das Justizsystem eine Bedeutung, noch für die Außen- oder Sicherheitspolitik unseres Landes. Damit bleibt der Regierung jede Glaubwürdigkeit und Legitimation versagt. Präsident Chatami sah sich schließlich gezwungen, öffentlich zu bekennen, dass er die großen Hoffnungen seiner Anhänger enttäuschen musste - und keine der angekündigten Reformen durchsetzen konnte. Sie, der Führer Irans, haben noch jede Maßnahme eines Präsidenten blockiert, die Sie nicht für richtig hielten. In der Konsequenz haben sich Millionen Iraner desillusioniert von Präsident Chatami abgewendet - obgleich Sie dafür verantwortlich waren, dass er scheiterte.

Die Revolution, die einmal in Freiheit begann, führte zur Herrschaft von Präsident Ahmadinedschad - und zu Antisemitismus sowie einer Verleugnung des Holocaust. Präsident Ahmadinedschad brüstet sich damit, er würde Israel, ein Mitglied der Vereinten Nationen, von den Landkarten tilgen. Viele Iraner schämen sich wie ich für diesen unzivilisierten Antisemitismus, der nicht typisch für uns Perser ist.

Irans halboffizieller Antisemitismus und die tyrannische Herrschaft über das eigene Volk sind ein Ausdruck für das moralische Scheitern Ihres Regimes. Millionen Menschen in Teheran und in anderen Großstädten Irans haben Ihren moralischen Bankrott verdammt - und bei der Wahl in der vergangenen Woche für Hossein Mussawi gestimmt. Ihre Herrschaft ist vorbei, und ich hoffe doch, Exzellenz, dass Sie das auch erkannt haben. Und selbst wenn Sie es noch nicht wahrhaben wollen, so haben Sie doch bestimmt gehört, wie es Hunderttausende in Teheran gerufen haben: Allahu Akabar - Nieder mit der Diktatur!

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19.06.2009 von FLH80: Duldsam?

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