Exzellenz, die aktuellen Demonstrationen sind ein Signal des iranischen Volks, der Kinder der Revolution, dass man Ihre Herrschaft nicht länger ertragen will. Ihr Regime wird nicht mehr dazu in der Lage sein, Entscheidungen durchzusetzen, wenn es nicht Gewalt anwenden will. Ich beschwöre Sie: Sehen Sie ein, dass Iran an einen Wendepunkt gelangt ist. Entweder akzeptieren Sie den Willen der Menschen und machen einen friedlichen demokratischen Wandel möglich - oder Sie bekämpfen den Protest der Menschen und richten ein Blutbad an, das Iran ins Chaos stürzen wird. Fragen Sie sich bitte selbst: Kann ein Regime, das von der Mehrheit der Bevölkerung gehasst und abgelehnt wird, den Übergang zu einer demokratischen Gesellschaftsform schaffen, in der Recht und Gesetz gelten? Hat es einen solchen Wandel in der Geschichte jemals gegeben, ohne dass dabei Blut vergossen worden ist?
Exzellenz, es hängt jetzt von Ihrem Willen, Ihrer Entscheidung ab. Sie können sich dafür entscheiden, wie es der damalige Präsident Südafrikas, De Klerk, getan hat, den Weg für den Wandel freizumachen - oder den Willen des Volks mit Gewalt unterdrücken, wie Sie es in der Vergangenheit praktiziert haben. Aber ich beschwöre Sie: Nehmen Sie zur Kenntnis, dass Millionen von Iranern Mussawi vertrauen. Er war es, der die jüngsten Wahlen gewonnen hat, nicht Ahmadinedschad. Er könnte die Rolle einnehmen, die Mandela bei der friedlichen Machtübergabe in Südafrika gespielt hat. Sofern Sie ihm die Chance dazu geben.
Natürlich werden die Menschen fragen, was mit den Leuten geschehen soll, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben - wie die Massenexekutionen, die im Namen des Islamischen Staates angeordnet wurden. Aber auch hier könnte Südafrika mit seinen Wahrheitskommissionen das Vorbild liefern. Der Wille der Bevölkerung muss nicht dazu führen, dass Blut vergossen wird. Auch könnten die Vereinten Nation eine wichtige Rolle spielen. Die Organisation hat große Erfahrung mit solchen Gesellschaften im Übergang. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sollte mit dem Sicherheitsrat darüber sprechen. Handelt es sich dabei um eine Verletzung iranischer Souveränität? Ich denke nein.
Exzellenz, Sie haben offensichtlich Zweifel am Ergebnis der jüngsten Präsidentschaftswahlen, sonst hätten Sie nicht eine Überprüfung der Auszählung angeordnet. Die Massendemonstrationen in den iranischen Städten zeigen sehr deutlich, dass sich das Volk den politischen Wandel wünscht. Warum sich nun der Uno-Sicherheitsrat mit der Situation in Iran befassen sollte? Weil ein Iran, das von interner politischer Gewalt gezeichnet ist, eine Gefahr für die gesamte Region wäre - wie natürlich auch für das iranische Volk selbst. Außerdem stellen die modernen Waffensysteme und das angereicherte Uranmaterial im Besitz Irans eine Gefahr für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit dar, solange dieser Konflikt nicht gelöst ist. Es ist Aufgabe der Vereinten Nationen, Sie davon zu überzeugen, dass ein friedlicher Übergang möglich ist, sofern Sie dies nicht selbst erkennen. Letzten Endes ist es aber an den Iranern selbst, einschließlich derer im Exil, diesen Wandel voranzutreiben.
Exzellenz Chamenei - Sie wissen wie ich, dass es noch keiner Tyrannei gelungen ist, ein politisches System zu schaffen, dass von Dauer ist. Ihre Berater haben Sie in den vergangenen Jahren nicht richtig informiert; Sie sind blind gewesen und konnten nicht erkennen, was wirklich vorgeht in diesem Land. Die Wahrheit ist doch, dass die herrschende Klasse von den Menschen verachtet wird. Ihre Puppe, Ahmadinedschad, versucht, seine einfachen Botschaften unter das iranische Volk zu bringen; auch er wird verachtet. Wenn Sie auch weiterhin mit Gewalt gegen Ihr eigenes Volk regieren, dann haben Sie ganz offensichtlich nichts aus dem tragischen Ende des letzten Schahs von Persien gelernt.
Die Mütter meiner Verwandten, die Sie haben hinrichten lassen, werden Ihnen nie vergeben. Aber sie werden es Ihnen erlauben, sich friedlich zurückzuziehen - der Freiheit und dem Frieden ihrer Enkelkinder zuliebe. Die Zeit drängt jetzt für die Menschen im Iran - und auch für die internationale Gemeinschaft.
Ich wünsche Ihnen Weisheit und Frieden,
Gezeichnet
Afshin Ellian

Übersetzung: Olaf Kanter
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH