Aus Sanaa berichtet Matthias Gebauer
Sanaa - Jemens Innenminister hat eine harte Verfolgung der Geiselnehmer von fünf deutschen Helfern im Nordjemen versprochen, die bereits zwei deutsche Geiseln und eine Südkoreanerin erschossen haben. "Die Verantwortlichen für dieses hinterhältige Verbrechen werden mit allen Mitteln zur Rechenschaft gezogen und ihre gerechte Strafe bekommen", kündigte Mutarhar Rashid al-Masri an. Die Rettung der Geiseln habe höchste Priorität für die Regierung und den Präsidenten Ali Abdullah Salih.
Die Statements sind die ersten Reaktionen der Regierung auf die Entführung von neun Ausländern nahe der nordjemenitischen Stadt Saada vor rund einer Woche. Drei weibliche Geiseln waren von den Entführern kurz nach der Verschleppung exekutiert worden. Von dem Rest der Gruppe, der fünfköpfigen Familie des Deutschen Johannes H. und einem Briten, fehlt bisher jede Spur. Weder die Entführer noch die Geiseln haben sich bisher bei der deutschen Botschaft gemeldet.
Schon in den vergangenen Tagen hatten Regierungsvertreter von einer umfangreichen Suche nach der Geiselgruppe gesprochen. Mit Hubschraubern würde Tag und Nacht gefahndet, hieß es. Beobachten lassen will die Regierung in Sanaa ihre Aktivitäten jedoch nicht. Seit Jahren gilt der Norden rund um Saada als Sperrzone für Journalisten.
Ob die Deutschen noch leben, konnte auch der Innenminister nicht sagen. "Wir wissen nichts genaues über ihr Schicksal", sagte er, "aber ich habe keine Anhaltspunkte, dass sie tot sind". Die Aussagen des Ministers sind bewusst vorsichtig. "Vielleicht ist es Wunschdenken", sagte er, "doch es würde mich wundern, wenn sie nicht noch leben." Worauf seine Einschätzung basiert, wollte er bei dem Treffen mit deutschen Journalisten nicht sagen.
Die Aussagen des Ministers sollten wohl vor allem klarmachen, dass die Regierung alles tut, um das Leben der Geiseln zu retten. Der Entführungsfall ist der bisher folgenschwerste in der Geschichte des Landes, in dem Verschleppungen von Ausländern zwar regelmäßig vorkommen, diese jedoch in der Vergangenheit meist durch Zugeständnisse schnell gelöst werden konnten. In diesem Fall aber ist eine Lösung sehr viel schwerer, folglich steht Sanaa unter erheblichem Druck.
Detailreich berichtete Masri deswegen, wie eng der Präsident die Fahndung verfolge. Ali Abdullah Salih habe bereits mehrere Sitzungen eines Sonderstabs von Militär, Polizei und Geheimdiensten geleitet und werde über jedes Detail unterrichtet, sagte sein Innenminister. Die Regierung hat die Belohnung für Hinweise auf Entführer und Geiseln massiv erhöht und bietet nun 50 Millionen Rial, umgerechnet knapp 185.000 Euro - in dem bettelarmen Land ein Vermögen.
Masri wiederholte bei dem Treffen, dass sein Ministerium weiterhin die Huthi-Rebellen als Täter im Visier habe. "Wir schließen nichts aus, doch ich persönlich denke, dass es die Huthis waren, jedenfalls sieht alles danach aus", so der Minister. Die Rebellen wollten seit Jahren den Ruf der Regierung in den Schmutz ziehen, genau dies geschehe durch ein solches Verbrechen. Der Minister bezeichnete den Fall stets als Terrorakt.
Die These wird von den schiitischen Rebellen, die von der Regierung seit Jahren brutal bekämpft werden, dementiert. Die von Abd al-Malik al-Huthi geführte Gruppe weist jede Verantwortung von sich. Jahja al-Huthi, Bruder des Rebellenführers, versicherte Ende der Woche in einem Telefoninterview mit dem SPIEGEL: "Wir suchen sowohl nach den Entführern als auch nach den Entführten, deren Unversehrtheit im Vordergrund steht."
Die Hintergründe der Entführung sind weitgehend unklar. Der Krisenstab vermutet nach SPIEGEL-Informationen, dass die entführten deutschen Christen einem religiösen Racheakt zum Opfer gefallen sein könnten. So kam es in Saada vor wenigen Monaten zu einer Auseinandersetzung, bei der Muslime Johannes H. bedrohten und aufforderten, seine Missionierungsversuche von Muslimen einzustellen. Auf solche Versuche steht im islamischen Recht die Todesstrafe.
Der Krisenstab geht davon aus, dass die Deutschen vor Ort als Missionare bekannt waren. Auf den Aufenthalt im Jemen hatten Johannes H. und seine Ehefrau sich unter anderem im hessischen Ort Eppstein vorbereitet, bei einer Organisation namens "Weltweiter Einsatz für Christus", die Mitglied in der "Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Missionen" ist. Das Konzept der Gruppe sieht einen klaren Auftrag vor, die "noch unerreichten Völker der Welt" zu missionieren.
Innenminister Masri wollte auf diese These ebenso wenig eingehen wie auf Pressespekulationen, die Regierung kenne die Täter bereits namentlich. Die Deutschen seien schon lange in der Region gewesen, sagte er fast lapidar, außerdem seien sie bei der Bevölkerung beliebt gewesen. Danach brach er die Pressekonferenz sehr schnell ab, da er über weitere Details nicht reden könne. Er kündigte aber an, dass er "schon sehr bald" weitere Informationen mitteilen könne.
Seine Hoffnung war deutlich zu erkennen. Zu gern würde er die Rettung der Geiseln bekannt geben und vor allem seiner Regierung diesen Verdienst zuschreiben.
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