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24.06.2009
 

Exil-Iraner in Deutschland

"Wir können sie nicht im Stich lassen"

Zu Tausenden demonstrieren Iraner in Deutschland gegen die Präsidentschaftswahl in ihrer Heimat. Die Exil-Iranerin Awa Bidar spricht auf SPIEGEL ONLINE über die Qual, die Unruhen aus der Ferne verfolgen zu müssen, ihre Wut auf das Regime - und die Zerrissenheit zwischen Stolz und Sorge.

Es wäre sicherer, wenn ich bei Demonstrationen mein Gesicht bedecken oder eine große Sonnenbrille tragen würde. Meine Freunde warnen mich, unverhüllt zu marschieren - denn auch der Protest im Ausland sei gefährlich.

Man könnte mich identifizieren. Bislang habe ich mich noch nicht maskiert. Ich schäme mich, Angst zu zeigen, auch wenn ich sie habe.

Auf der Großdemonstration in Berlin am vergangenen Sonntag trug jemand neben mir ein großes Bild der iranischen Oppositionsanhängerin Neda, die - wie es überall heißt - von einem Scharfschützen in Teheran erschossen wurde. Ich schaute auf ihr blutüberströmtes Gesicht und weinte. Das Foto von Neda lässt mich nicht los.

Mein eigenes Leben ist seit Tagen völlig bestimmt von den Protesten in meiner Heimat. Die Zeit vergeht unglaublich schnell, und ich tue nichts anderes, als angespannt E-Mails zu lesen, Nachrichten zu verfolgen und auf die Demonstrationen in Deutschland zu gehen. Das Telefon klingelt ununterbrochen. Meine Arbeit bleibt liegen. Nachts liege ich erschöpft im Bett, den Kopf voll mit Gedanken, die mich nicht einschlafen lassen.

Stundenlang lese ich die Kommentare der iranischen Internet-Nutzer aus aller Welt. Die Flut der Gefühle, die Anspannung und die Trauer, die Sorge und die Hoffnung lösen sich dann in Tränen auf. Ich kann nur beten. Gott möge uns helfen.

"Jeder muss sich beteiligen"

Wie oft haben mich die Geschehnisse in Iran schon in Unglauben versetzt. Und wie oft habe ich mit meinen Freunden, mit Verwandten oder mit Fremden darüber diskutieren müssen, ob die schweigenden Stimmen entscheiden können, wer an die Macht kommt. Dann, in den Wochen vor der Präsidentschaftswahl, war das Land plötzlich in einer grenzenlosen Euphorie, die Menschen in Hoffnung auf "Change" wie ausgewechselt. Und immer wieder wurde der Wunsch laut, Ahmadinedschad würde endlich gehen.

Doch was machen wir nun? Sollen wir noch weitere vier Jahre Rückschritt ertragen? Ich schäme mich zutiefst, mit welcher Überzeugung ich für die Teilnahme an den Wahlen eingetreten bin. Diese Täuschung ist nicht mehr zu ertragen.

Die Deutschen sind jetzt sehr solidarisch, ich bekomme viele mitfühlende Worte von meinen Freunden und Kollegen. Während des Protestmarsches schauten die Menschen aus ihren Fenstern, einige hatten grüne Stofffetzen an ihren Balkonen befestigt. Die Rufe einiger Parteien nach Neuwahlen haben mich sehr beeindruckt. Doch der politische Druck muss größer werden, Deutschland darf Mahmud Ahmadinedschad nicht als Irans Präsidenten anerkennen.

Als ich die Berichte über die spontanen Proteste der Menschen auf der Straße sah, die ihre Stimmen zurück wollten, war es so, als habe man meine Gedanken gelesen. Die Massenproteste riefen Bilder der Revolution von 1979 hervor, die Parolen waren dieselben.

Auch meine Familie ist wieder dabei: meine Schwestern, mein Bruder und seine Kinder. Meine Mutter hat am Telefon zu mir gesagt: "Man kann nicht nach Freiheit streben, ohne dafür Opfer zu bringen. Sollen andere auf die Straßen gehen und für unsere Rechte kämpfen und ihr Leben riskieren, und wir dürfen hinterher dann die Freiheit genießen? Wir können sie doch nicht im Stich lassen, jeder muss sich beteiligen." Sie ist sehr traurig, da sie wegen einer Krankheit nicht mitdemonstrieren kann.

"Mein Bruder wurde beinahe erschossen"

Wenn ich die politischen Unruhen in Iran beobachte, spüre ich eine tiefe Zerrissenheit. Einerseits empfinde ich tiefe Wut und Trauer für die unschuldigen Opfer. Die Nachrichten über Tote und Verletzte, nächtliche Angriffe auf Häuser und Studentenheime, Massenverhaftungen von Oppositionspolitikern, Studenten oder Demonstranten treiben mich in den Wahnsinn.

Dazu kommt die Hilflosigkeit, und das Gefühl, aus der Ferne nicht eingreifen zu können. Mein Bruder wurde am vergangenen Montag beinahe erschossen. Er selbst, so erzählte es mit meine Mutter, entging knapp einem Schuss. Sein Nebenmann wurde getroffen.

Andererseits bin ich stolz, einem Volk anzugehören, das so furchtlos aufgestanden ist. Nun sieht die Welt mit Begeisterung und Bewunderung auf uns, wie die Iraner ihr Leben in die Hand nehmen und ihre Rechte einklagen. Ich wünschte, ich wäre dort und könnte meine Stimme erheben. Es ist so ergreifend, wenn Hymnen oder Lieder aus der Zeit der islamischen Revolution bei den Demos abgespielt und gesungen werden. Ich fühle mich, hier aus der Ferne, sehr verbunden mit den Menschen auf den Straßen.

Auch wenn allein der Gedanke, dass meiner Familie etwas passieren könnte, mein Herz rasen lässt, kann ich nicht anders, als sie zum Weitermachen zu ermutigen.

"Wir werden wieder auf die Straße gehen"

Fassungslos war ich, als am vergangenen Freitag unser oberster Religionsführer Ali Chamenei den Demonstranten eine Kampfansage machte. Er wies die Vorwürfe des Wahlbetrugs zurück und warnte vor weiteren Protesten.

Mit seinen Worten, seinen harten ungerechten Urteilen über die Massenproteste, die angeblich von westlichen Großmächten geschürt und gesteuert worden seien, kam in mir eine unermessliche Wut und Hilflosigkeit hoch. Ich konnte an nichts anderes denken als: Was passiert nun mit den Menschen, die nichts anderes verlangt haben als eine Neuwahl, eine faire freie Neuwahl?

Wenn ich mit Ali Chamenei sprechen könnte, würde ich ihm eines sagen: Unser junges, jedoch politisch reifes Volk wird seine Forderungen, für die es seit hundert Jahren kämpft, nicht aufgeben. Wir werden wieder auf die Straße gehen, auch wenn wir dafür mit unserem Leben bezahlen müssen. Und ich würde ihn fragen, wie er die Klageschreie einer Mutter ertragen kann, vor deren Augen ihr Kind verblutet. Ich glaube an Gott und Gerechtigkeit. Chamenei sollte es auch.

Republik Iran

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REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.

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