Von Ann-Dorit Boy, Moskau
Russlands Menschenrechtler stehen unter Schock: Wieder ist eine ihrer bekanntesten Mistreiterinnen brutal ermordet worden. Am späten Mittwochnachmittag wurde in einem Waldstück nahe der inguschetischen Stadt Nasran die Leiche von Natalja Estemirowa gefunden - mehrere Schusswunden in Kopf und Brust. Die 50-jährige Menschenrechtlerin und Journalistin galt als prominenteste Aktivistin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien.
Die Tochter russisch-tschetschenischer Eltern hatte seit dem zweiten Tschetschenienkrieg 1999 Menschenrechtsverletzungen wie Entführungen, Folter und Ermordungen in der nordkaukasischen Republik dokumentiert. Zuletzt habe sie - sehr zum Missfallen der örtlichen pro-russischen Eliten - eine willkürliche Hinrichtung aufgedeckt, berichtet Alexander Tscherkassow von der Moskauer Zentrale der Organisation Memorial.
Estemirowa war am Morgen vor dem Mord in der Nähe ihres Hauses in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entführt worden. Augenzeugen beobachteten, wie vier Männer sie in ein weißes Auto zerrten. Estemirowa soll laut geschrieen haben, dass sie entführt werde. Doch niemand kam ihr zu Hilfe.
Die Journalistin hatte in der Vergangenheit unter anderem mit der kremlkritischen Tschetschenien-Reporterin Anna Politkowskaja und dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow zusammengearbeitet. Politkowskaja war 2006 in ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen worden. Der 34-jährige Markelow wurde im Januar dieses Jahres in Moskau auf offener Straße erschossen.
Estemirowa, die als Witwe allein mit ihrer Tochter in Grosny lebte, arbeitete für lokale Zeitungen und schrieb regelmäßig auch für die Moskauer Oppositionszeitung "Nowaja Gasjeta", die neben Anna Politkowskaja bereits mehrere Mitarbeiter durch Morde verloren hat. Für ihr langjähriges und mutiges Engagement war Estemirowa 2007 mit dem ersten Anna-Politkowskaja-Preis ausgezeichnet worden. Sie hatte auch die Robert-Schumann-Medaille des Europaparlaments sowie eine Auszeichnung des schwedischen Parlaments erhalten.
Nach der Ermordung Estemirowas sind die russischen Menschenrechtler einmal mehr in Angst. "Natascha ist ihrer gesellschaftlichen Tätigkeit sehr sichtbar nachgegangen. Wenn ihr etwas passieren kann, dann kann uns allen etwas passieren", sagte Alexander Tscherkassow von Memorial. Der Leiter der Organisation, Oleg Orlow, war 2007 bereits einmal von Unbekannten entführt und nach wenigen Stunden wieder freigekommen.
Schlimmer als die Angst ist aber die Verbitterung darüber, dass auch dieses Verbrechen unaufgeklärt bleiben könnte. "Nichts wird jetzt passieren", sagt Tscherkassow. "Es ist nach den Morden an Anna Politkowskaja und Stanislaw Markelow nichts passiert. Es wird auch jetzt nichts passieren."
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