Von Sven Röbel
Moser beteuert wieder, dass alles nur ein Missverständnis war. Dass er den iranischen Kollegen nur flüchtig kenne, von der Begegnung im Zug. Dass er als Fachanwalt für Familienrecht überhaupt nichts mit Politik zu tun habe. Die Geheimdienstleute diskutieren auf Farsi. Dann soll Moser einen handschriftlichen Lebenslauf verfassen und aufschreiben, welchen Beruf seine Eltern haben, in welchen Ländern er schon war, wo seine Schwester wohnt. Schließlich sagt der Dolmetscher: "Sie glauben, dass es ein Fehler war, Dich festzunehmen. Vielleicht kommst Du heute noch frei."
Montag, 29. Juni 2009, Teheran, Evin-Gefängnis
Um ein Uhr früh wird Häftling Moser noch einmal aus der Zelle geholt und in einen benachbarten Gebäudetrakt gefahren. Er darf sich auf ein Sofa setzen und hört wieder den Dolmetscher. "Du darfst jetzt die Augenbinde abnehmen, aber sieh niemanden an!" Der Rechtsanwalt tut es trotzdem: Der Richter ist ein Mann Mitte 30, mit sauber gestutztem Bart, Brille und schwarzem Anzug ohne Krawatte. "Alles ist ein Missverständnis", sagt er, "entschuldige, dass wir so lange gebraucht haben, das herauszufinden." Moser müsse sich keine Sorgen machen: All seine Daten würden gelöscht, er könne jederzeit wieder nach Iran einreisen und würde auch künftig keine Probleme mit dem Visum haben. Zum Abschluss sagt der Richter, dass es ja eine lange Verbindung zwischen dem deutschen und dem iranischen Volk gäbe: Beide seien ja "arisch".
Montag, 29. Juni 2009 Teheran, Evin-Gefängnis
Nach dem Gespräch mit dem Richter muss Andreas Moser den Rest der Nacht wieder hinter Gittern verbringen. Jetzt, nach vier Tagen Einzelhaft bricht er zusammen. Schlägt mit dem Handtuch gegen die Zellenwand, hämmert mit den Fäusten an die Metalltür, schreit, brüllt, weint - ohne Reaktion. Am Montagmorgen wird er schließlich in eine neue Zelle gebracht und trifft endlich einen Mitgefangenen.
Der Mann, ein Zwei-Meter-Hüne um die 40, hat schütteres Haar und eine feste Stimme. Er spricht perfektes Englisch. "Du bist der Deutsche, stimmt's?", fragt er Moser. "Wie lange bist Du hier?" "Fünf Tage", antwortet der Anwalt. "Ich 15 Jahre", sagt der Mann. Heute sei sein letzter Tag. "Soll ich draußen jemandem Bescheid geben?" Moser bittet den Mann, dass er sich seinen Namen einprägt und die deutsche Botschaft informiert. Dann wird der Iraner abgeführt.
Dienstag, 30. Juni 2009 Teheran, Evin-Gefängnis
Am Abend erhält Häftling Moser eine Plastiktüte mit seinen Sachen zurück. Ein Gefängnisbeamter fragt ihn, wer ihn denn abholen würde. Der Deutsche weiß nicht so recht. Dann nennt er den Namen eines Teheraner Ingenieurs, den er bei seiner ersten Iran-Reise kennengelernt hat. Okay, man würde dort anrufen, verspricht der Wärter.
Späte Abenddämmerung liegt über der Stadt, als Andreas Moser zu einer niedrigen Pforte geführt wird. Ein Uniformierter öffnet die Tür und brüllt den Namen nach draußen, wie bei einem Bühnenauftritt - "Mr. Andreas!". Dann darf der Anwalt aus der Pforte treten. Er steht vor einem riesigen Abhang, den Rücken zu einer gewaltigen, dunkelgrauen Gefängnismauer.
Das Bild, das er jetzt sieht, sagt er, wird für immer in sein Gedächtnis eingebrannt bleiben: Am Horizont glitzern die Lichter von Teheran, und vor ihm, von gelben Scheinwerferlicht angestrahlt, steht ein Meer aus schweigenden, wartenden Menschen. Hunderte stehen dort, manche in Decken gehüllt, manche kauernd auf dem Boden. Als Andreas Moser durch das Menschenmeer geht, bildet sich respektvoll ein Spalier. Von allen Seiten werden ihm Namen zugeflüstert: Von Vätern, Brüdern, Ehemännern, von Freunden, Kommilitonen, Bekannten. Hat er sie gesehen? Leben sie noch?
Moser ist wie erstarrt, geht mechanisch den Abhang hinunter. Irgendwann erkennt er das Gesicht seines Bekannten, der ihn für die Nacht bei sich aufnimmt. Am nächsten Morgen fährt Moser zur deutschen Botschaft - noch am gleichen Tag fliegt er nach Hause.

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