Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Berlin/Kabul - Hunderte Soldaten, scharfe Waffen aus der Luft, Vokabular, das bisher tabu war: Die von der Bundeswehr unterstützte Offensive der afghanischen Armee gegen die Taliban bei Kunduz setzt neue Maßstäbe. Es handelt sich um die bislang größte Operation deutscher Soldaten am Hindukusch, sie helfen den Afghanen mit 300 Mann, Panzern und Luftunterstützung der internationalen Schutztruppe Isaf.
Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan teilte am Mittwoch erstmals Details der Operation mit und sprach dabei von "notwendiger Eskalation" und "Abschreckungseffekt". Die Offensive, fügte er hinzu, solle noch etwa eine Woche dauern. Auch am Mittwoch rückten die Afghanen wieder in dem Dorf Chahar Darreh ein und suchten nach Angaben eines hohen Militärs "von Haus zu Haus" nach Aufständischen. Die Afghanen allerdings stellen sich bei ihrer Jagd auf Taliban auf eine sehr viel längere Zeit ein als die Bundeswehr.
Seine Soldaten würden nach Abschluss der gegenwärtigen Mission in weitere Gebiete rund um Kunduz vorrücken, die als Verstecke von Taliban gelten, sagte General Murad Ali Murad, der die afghanischen Kräfte kommandiert, zu SPIEGEL ONLINE. "Schon in der nächsten Woche werden wir weitere Operationen beginnen und hoffen auf die Unterstützung durch die Deutschen." Eine Reaktion der Bundeswehr auf die Pläne der Afghanen gibt es bislang nicht.
Hauptziel der Operation ist die Vertreibung der Taliban aus den umkämpften Gebieten noch vor den afghanischen Präsidentschaftswahlen am 20. August. Die Aufständischen drohen auch in der Region Kunduz offen damit, Wahllokale anzugreifen und potentielle Wähler zu töten. "Das Ziel muss es sein, die Taliban aus der Region Kunduz dauerhaft zu vertreiben", sagte der Gouverneur der Provinz Kunduz, Omar, zu SPIEGEL ONLINE. Seinen Worten zufolge haben mindestens 20 ausländische Rebellen mit Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida sowie rund 300 Taliban die Provinz infiltriert. "Wenn wir nicht gegen sie kämpfen, übernehmen sie die Region", warnte der Gouverneur.
Einsatz für die Afghanen allein aussichtslos?
Diese Darstellung deckt sich mit den Erkenntnissen von Bundeswehr und Bundesnachrichtendienst (BND). In den vergangenen Monaten haben die Experten Hinweise auf das Einsickern von ausländischen Kämpfern erhalten. Ebenso hat der BND Indizien, dass die Führung der Taliban die lokalen Kommandeure angewiesen hat, mehr gegen die Bundeswehr zu unternehmen. Ein Grund ist offenbar, dass künftig deutlich mehr Logistik-Transporte der internationalen Schutztruppe Isaf über die Nordroute, also mitten durchs Einsatzgebiet der Deutschen, geführt werden sollen. Diese wären für die Taliban wichtige Anschlagsziele.
Im Fokus der Afghanen stehen neben dem Taliban-Ort Chahar Darreh zwei weitere Distrikte rund um Kunduz, in denen die Aufständischen in den vergangenen Wochen immer offener agierten, Schulen bedrohten und die Bevölkerung schikanierten. Ob die Armee logistisch in der Lage ist, in diese Regionen einzurücken, ist nur schwer einzuschätzen. Allerdings weisen die Offiziere in Kunduz immer wieder darauf hin, dass zumindest die von den Deutschen trainierten Armeeeinheiten mittlerweile einsatz- und kampfbereit seien. Ohne die Unterstützung der Bundeswehr aber wäre der Einsatz für die afghanischen Soldaten wohl aussichtslos.
Wie angespannt die Lage ist, verdeutlichen die Darstellungen von Provinzgouverneur Omar. Bei Gefechten und einem Raketenangriff sind seinen Angaben zufolge erst am Dienstag wieder bis zu zwei Dutzend Menschen getötet worden. Bei einem Raketenangriff radikal-islamischer Aufständischer seien am Dienstag in der Provinz Kunduz 14 Zivilisten "getötet oder verletzt" worden. Demnach habe die Rakete ein Gebäude getroffen, in dem sich Studenten versammelt hatten. Örtliche Medien berichteten, bei dem Angriff seien elf Zivilisten umgekommen. Er habe sich gegen Sicherheitskräfte gerichtet, das Ziel aber verfehlt.
Erstmals Einsatz scharfer Waffen aus der Luft
Die gegenwärtige Operation von Deutschen und Afghanen gegen die Taliban wird zwar hauptsächlich von afghanischen Soldaten durchgeführt, bedeutet aber für die Bundeswehr einen weiteren Schritt hin zu einer Kampfmission gegen die Taliban, die ihre Angriffe gegen die Deutschen in den vergangenen Monaten massiv verstärkt haben.
Bei der Offensive sind nach Informationen von SPIEGEL ONLINE erstmals scharfe Waffen aus der Luft zum Einsatz gekommen. So unterrichtete die Bundeswehr vertraulich den Bundestag, dass am vergangenen Sonntag nach einer Anforderung von Luftunterstützung fünf mutmaßliche Taliban-Kämpfer durch Bomben und Bordfeuer von Isaf-Kampfjets getötet worden seien. Angaben der Bundeswehr zufolge gab es bei den Angriffen der Isaf-Flugzeuge, die üblicherweise von den USA gestellt werden, keine Opfer unter der Zivilbevölkerung.
Der Beschuss von Stellungen aus der Luft ist in Nordafghanistan ein Novum. In den vergangenen Wochen hatte die Bundeswehr in Kampfsituationen zwar mehrmals Luftunterstützung der Isaf angefordert, jedoch keinen Befehl zum Abwerfen von Bomben gegeben. Es reiche oft aus, so die bisherige Linie der Militärs, wenn die lauten Jets in niedriger Höhe über die Einsatzorte donnern und Leuchtmunition abfeuern. Zum Einsatz scharfer Waffen aus der Luft kam es der Information an das Parlament zufolge nun erstmals am 15. Juni sowie erneut am vergangenen Sonntag.
Bei den Gefechten am Sonntag kam nach Informationen von SPIEGEL ONLINE neben den Isaf-Kampfjets auch eine "Predator"-Drohne der US-Armee zum Einsatz. Sie feuerte eine "Hellfire"-Rakete auf eine Stellung der Taliban nahe Kunduz, nachdem von dort mit Maschinengewehren und Panzerfäusten auf afghanische Soldaten geschossen worden war. Über Opfer des Angriffs am Sonntag wurde nichts bekannt. Bisher hatte die Bundeswehr US-Drohnen in Nordafghanistan nur zum Beschuss von Sprengfallen angefordert.
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