Von Ulrike Putz, Tel Aviv
Keine Einleitung, kein Kommentar, nur blanke Drohung: Die Meldung, die die staatliche iranische Nachrichtenagentur Fars am Freitag über die Ticker der Redaktionen im In- und Ausland schickte, war schwere Kost. "Strafmaß für Unruhestifter und Krawallmacher nach dem islamischen Strafgesetzbuch", lautete die Überschrift.
Was folgte, war zwar trockener Gesetzestext, aber einer, der die Angehörigen der in iranischen Gefängnissen einsitzenden Demonstranten in größte Angst versetzt haben dürfte. Denn Fars listete auf, was jenen droht, die in den vergangenen Wochen bei Protesten gegen den mutmaßlichen Wahlbetrug verhaftet wurden: lange Gefängnisstrafen, unter Umständen gar die Todesstrafe.
"Zusammenschluss von zwei oder mehr Personen im In- und Ausland, um den inneren Frieden der Islamischen Republik Iran zu gefährden: zwei bis zehn Jahre Haft", zitiert die Nachrichtenagentur das Gesetzbuch. "Propaganda gegen die Islamische Republik Iran: drei Monate bis ein Jahr". Und dann: "Komplott mit Absicht des Regimewechsels, Bewaffnung und Bildung militanter Gruppen: Todesstrafe".
Schnörkellos geht es weiter. Die Ereignisse der vergangenen Wochen, in denen Iran die schwerste Krise seit der Islamischen Revolution vor 30 Jahren erlebt hat, werden mit keinem Wort erwähnt.
Dass Fars ausgerechnet jetzt erläutert, was den Demonstranten alles passieren kann, hat seinen Grund. An diesem Samstag hat gegen rund hundert Angeklagte ein Prozess wegen Unruhestiftung begonnen. Der Nachrichtenagentur Isna zufolge wird ihnen vorgeworfen, sich an den Ausschreitungen nach der umstrittenen Präsidentenwahl beteiligt und dabei die nationale Sicherheit gefährdet, die öffentliche Ordnung gestört und öffentliches Eigentum beschädigt zu haben.
So hätten die Verhafteten Kontakt zu Terrorgruppen unterhalten, Waffen und Handgranaten getragen, iranische Sicherheitskräfte angegriffen und Bombenanschläge geplant. Die Beschuldigten hätten "Hooligan-Gruppen" gebildet, militärische Einrichtungen attackiert, der "feindlichen Presse" Bilder zukommen lassen und Staatseigentum beschädigt, berichtet Irna. Einige der Beschuldigten hätten mutmaßlich Verbindungen zu sogenannten Mohareb-Gruppen, also gottesfeindlichen Gruppierungen.
Schauprozesse, mit denen das Regime einschüchtern will
Die iranischen Sicherheitskräfte hatten bei den Protesten gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad am 12. Juni zunächst rund 2000 Demonstranten festgenommen. Derzeit sollen noch etwa 250 von ihnen in Haft sitzen.
Die Namen der ersten Angeklagten sind nicht bekannt. Anzunehmen ist, dass es sich vornehmlich um Männer handelt. Die Ungewissheit, ob nicht der eigene Sohn, Vater oder Ehemann darunter sein könnte, muss für die Familien der Inhaftierten quälend sein. Dies ist Teil des Kalküls - Beobachter in Teheran sprechen von Schauprozessen, mit denen das Regime die anhaltenden Proteste nach den umstrittenen Präsidentenwahl eindämmen und Gegner einschüchtern will.
Dieser Logik folgend werden die staatlichen Medien früher oder später breit über die Prozesse berichten. Dass Nachrichten aus unabhängiger Quelle aus dem Gerichtssaal gelangen, ist nicht zu erwarten. Im Revolutionsgericht dürfen oft weder Anwälte noch Angehörige dabei sein, wenn geurteilt wird. Beobachter rechnen damit, dass die Entscheidung über die Angeklagten schnell fallen werden.
Mehr als 50 von ihnen waren erst am vergangenen Donnerstag verhaftet worden. Am 40. Tag nach dem gewaltsamen Tod von zehn Demonstranten bei einer Kundgebung in Teheran hatten Reformanhänger versucht, der Toten öffentlich zu gedenken. Doch in mehreren Städten Irans schlugen die Sicherheitskräfte die Trauerkundgebungen nieder.
Was passiert, wenn Ahmadinedschad den Amtseid ablegt?
Die Meinungen über die Schauprozesse gehen auch unter Irans Politikern und Geistlichen weit auseinander. Ein ranghoher islamischer Würdenträger, Ayatollah Nasser Makarem Schirasi, rief am Freitag zur Freilassung der Demonstranten auf. Dies sei der Schlüssel zu Ruhe im Land, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Mehr. Es müsse freikommen, wer nichts Falsches getan habe oder wessen Fehler nach den islamischen Gesetzen ignoriert werden könnten. Er hoffe, dass zum Jahrestag der Geburt des zwölften Imams Mahdi keine Demonstranten mehr in Haft säßen. Imam Mahdi ist ein von den Schiiten verehrter Heiliger, sein Gedenktag ist am 7. August.
Auch Ahmadinedschad hatte die Justiz aufgefordert, bis zu diesem Tag alle Demonstranten freizulassen. Ahmadinedschad soll am 5. August zum zweiten Mal den Amtseid als Präsident Irans ablegen.
In seiner Ansprache zum Freitagsgebet drohte der als Hardliner bekannte Ajatollah Ahmed Dschanati den Führern der Reformbewegung, der Tag werde kommen, an dem sie zur Rechenschaft gekommen würden. Ohne sie namentlich zu nennen, warf der Geistliche den unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Hossein Mussawi und Mahdi Karrubi vor, für Tote bei den Demonstrationen verantwortlich zu sein.
Sollten Protestierende zu unrecht verhaftet worden sein, so sollten sie umgehend freikommen, sagte Dschanati. Jene jedoch, die gestanden hätten, den Frieden im Iran gebrochen zu haben, seien Kriminelle und als solche zu behandeln.
Menschenrechtsgruppen und Reformer in Iran haben in den vergangenen Wochen wiederholt gewarnt, inhaftierte Demonstranten seien unter Folter zu teils absurden Geständnissen gezwungen worden. Ob diese Selbstbezichtigungen als Grundlage für die anstehenden Prozesse genommen werden, ist unklar. Beobachter fürchten dies jedoch.

Mit Material von AFP
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