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03.08.2009
 

Schauprozesse gegen die Opposition

Teheran macht bitterböse Satire wahr

Von Katajun Amirpur

Das iranischen Regime zieht gegen den "bloggenden Mullah" Mohammed Ali Abtahi vor Gericht. Den Prozess gibt es schon seit Wochen auf YouTube zu sehen - ein bekannter Satiriker hat sich ausgemalt, wie das Verfahren ablaufen könnte. Jetzt wird seine absurde Satire traurige Wirklichkeit.

Köln - Satire kann sehr realistisch sein. Manchmal wird sie von der Wirklichkeit geradezu eingeholt.

Mit einer entsprechenden Humor-Einlage besonderer Art hat sich der im Exil lebende Iraner Ebrahim Nabawi in seinem Blog zu Wort gemeldet. Nabawi schreibt für Roozonline, einer in Frankreich produzierten Online-Zeitung - wohl das meist gelesene iranische Internet-Organ. Das Thema ist alles andere als amüsant: Es geht um die jüngsten Schauprozesse in Teheran.

Ja, er habe einen Mann getroffen, vor einigen Jahren in Mekka, der ihn für die CIA angeworben hat, erklärt Nabawi. Ja, er habe Mohammed Chatami gefragt, ob er mit ihm die samtene Revolution in Iran anleiern wollte, doch der hat nicht gewollt, weil man ja die Wahl sowieso gewinnen würde; da hat er sich an Mussawi und Karrubi gewandt. Weil es im Basar nur grünen Samt gab, hat man eben eine grüne Revolution gemacht.

All das ist auf einem Videoclip zu sehen, den Ebrahim Nabawi, Irans berühmtester Satiriker, vor einem Monat ins Netz gestellt hat.

Irans Ex-Vizepremier Mohammad Ali Abtahi in Gefängniskluft beim Schauprozess in Teheran: "Bloggender Mullah"Zur Großansicht
REUTERS

Irans Ex-Vizepremier Mohammad Ali Abtahi in Gefängniskluft beim Schauprozess in Teheran: "Bloggender Mullah"

Nabawis Satire wurde inzwischen von der Wirklichkeit eingeholt. Dutzende Regimegegner bezichtigen sich vor Tribunalen, auf Anweisung des Westens gegen Ahmadinedschad protestiert zu haben. Doch mit seiner Satire-Aktion hat Nabawi Irans Öffentlichkeit auf die zu erwartenden Geständnisse vorbereitet. Ohnehin glaubt niemand mehr an die würdelosen Selbstbezichtigungen. Denn solcherart Geständnisse haben in der Islamischen Republik inzwischen eine lange Tradition. Seit der Revolution von 1979 werden immer wieder Oppositionelle und Dissidenten im Fernsehen vorgeführt, die dort sich selbst bezichtigen und lügen müssen, dass sich die Balken biegen.

So auch Nabawi: In seiner Satire entschuldigt er sich beim iranischen Volk, dass er sich zu unsittlichen Beziehungen habe hinreißen lassen auf seinen Auslandsreisen - zu Frauen wie Angelina Jolie, Scarlett Johansson, Carla Bruni und ja, auch Sophia Loren und Marilyn Monroe waren darunter. Nun wünsche er sich nichts mehr, als dass Mahmud Ahmadinedschad alle Wahlen immer mit 80 Prozent und gerne auch 150 Prozent gewinnen würde. "Und wenn es noch etwas gibt, dass ich jetzt bereuen soll, dann bereue ich auch das jetzt. Va rahmatollahi va barakatuhu (Und Gottes Barmherzigkeit und seinen Segen)."

Nabawi trägt im Video Gefängniskleidung, er spielt den ehemaligen Vizepremier Mohammed Ali Abtahi, den die Regierung für einen der Anstifter der Proteste nach den Präsidentschaftswahlen hält. Der Komiker gesteht alles, was das Herz begehrt; das Absurdeste vom Absurden, das Lächerlichste vom Lächerlichen. Also in etwa das, was der echte Abtahi am Samstag in Teheran vor einem Revolutionsgericht gestanden hat: Es sollten Unruhen im Iran provoziert werden, damit im Lande Chaos ausbrechen würde wie in Afghanistan oder dem Irak. Akbar Hascheri Rafsandschani, der Ahmadinedschad bei den Wahlen 2005 unterlag, habe die Proteste geschürt. Und es gebe einen Geheimpakt zwischen ihm, Mussawi und anderen Oppositionspolitikern.

So berechenbar ist das Regime

Schon in der ersten Juliwoche ahnte Nabavi also, dass man sich an erster Stelle und vor allem Abtahi vornehmen würde. Im Westen wurde er als bloggender Mullah bekannt. Nabawi, der schon vor Wochen schrieb, dass er sich allergrößte Sorgen gerade um Abtahi mache, ahnte auch, dass man Abtahi so vorführen werde, wie Nabawi ihn hier darstellt: ohne Turban, um den Kleriker noch weiter zu demütigen und in Gefängniskleidung; und dass er von einem Blatt ablesen würde mit verstörtem Blick.

So nah am Geschehen kann Satire sein. Und so berechenbar das iranische Regime.

Der letzte Blog-Eintrag des bloggenden Mullahs Abtahi stammt vom 15. Juni, dem Tag, als in Teheran Millionen auf die Straße gingen, um gegen den Wahlbetrug zu demonstrieren. Darunter steht: Heute wurde Mohammad Ali Abtahi verhaftet. Er wird sich wieder melden, wenn er wieder frei ist. Der letzte Blog-Eintrag auf Englisch stammt übrigens vom 13. Juni, dem Tag nach der Wahl: Hier erläutert Abtahi, warum er an Wahlbetrug glaubt. Im Revolutionsgericht erklärte Abtahi laut der amtlichen Nachrichtenagentur Fars nun, es sei eine "Lüge", wenn im Zusammenhang mit den Wahlen von Betrug gesprochen werde.

Der Mann, der Abtahis Geständnis vorwegnahm, der 1958 geborene Nabawi, ist in Iran eine Legende. Er wird in seiner Heimat ungemein viel gelesen - selbst der Klerus amüsiert sich über ihn. Groß-Ajatollah Hossein Ali Montazeri, der bereits vor zwei Wochen in Anspielung auf die zu erwarteten Geständnisse erklärte, diese seien wertlos, da vermutlich unter Folter zustande gekommen, ist beispielsweise einer seiner größten Fans.

Er kam Ende der neunziger Jahre als Autor der "Fünften Kolumne" der Zeitung Jamee groß heraus, wurde daraufhin zweimal inhaftiert und noch berühmter, nachdem er seine Gefängnisaufzeichnungen veröffentlichte. Im Jahre 2005 musste er Iran verlassen und lebt seitdem in Belgien. Kultstatus erlangte sein Kommentar zum angeblichen Selbstmord des Geheimdienstagenten Said Emami im Gefängnis.

Wertlose Geständnisse unter Folter

Emami, dessen Aussage zu den Hintergründen der Kettenmorde von einflussreichen Personen im Regime befürchtet worden war, soll Enthaarungsmittel getrunken haben. Nabawi schrieb damals, im Jahre 1999: Falls er kein Enthaarungsmittel zur Verfügung gehabt hätte, wäre der Suizid noch durch folgende Möglichkeiten durchzuführen gewesen: vom Duschkopf springen, die Seife verschlingen, am Warmwasserstrahl ersticken - oder im Bad ausrutschen.

Wie gesagt, Nabawis ätzende Satire ist näher an der Wirklichkeit, als uns lieb sein kann.

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