Aus Kabul berichtet Matthias Gebauer
"Priorität", dieses Wort fiel in der afghanischen Hauptstadt fast in jedem Satz. Nebeneinander standen sie im Präsidentenpalast, der afghanische Präsident Hamid Karzai und der gerade erst gekürte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, und umgarnten sich gegenseitig mit warmen Worten. Rasmussen sicherte zu, dass Afghanistan seine "erste Priorität" sei und auch die vorderste des ganzen Verteidigungsbündnisses.
Karzai gefielen die Höflichkeiten. Lächelnd nickte der Präsident, der in zwei Wochen für eine weitere Amtszeit antritt, eigentlich die ganze Zeit, während Rasmussen sprach. Der holte nochmal das Wort Priorität hervor. Dass seine erste Reise als Nato-Chef nach Kabul führt, zeige einzig und allein, wie wichtig das Land für die Nato sei. Übersetzt sollte das wohl auch heißen, das Afghanistan in den kommenden Jahren sein prioritäres Sorgenkind bleiben wird. Die Mission am Hindukusch ist nicht nur die größte, sondern auch die heikelste, die das Militärbündnis je zu bestehen hatte.

Nato-Chef Rasmussen (r.) mit US-General Stanley McChrystal: Genau zum Besuch hagelte es Hiobsbotschaften
Überraschend war die Reise in der Tat. Kaum im Amt, flog Rasmussen in dem Land ein, aus dem wenig gute Nachrichten kommen. Zwei Wochen vor den Wahlen ist die Gewalt auf einem Höchststand und niemand mag sagen, wie sich die Lage vor dem zweiten Urnengang seit dem Sturz der Taliban noch entwickeln wird. Gerade im Süden und Osten Afghanistans, so berichten die Organisatoren der Wahl, sind noch viele Bezirke so fest in der Hand der Taliban, dass die Abstimmung am 20. August für jeden Wähler zur lebensgefährlichen Meinungsäußerung zu werden droht.
Punktgenau zum Besuch hagelte es Hiobsbotschaften. Eine Gefährdungskarte vom Innenministerium zeigt, wie wenig die Regierung in Afghanistan noch zu sagen hat. Tiefrot ist fast die Hälfte des Landes markiert, hier drohen täglich Angriffe durch Taliban. 133 von 356 Distrikten Afghanistans gelten als hochgefährdet, mindestens 13 von ihnen befinden sich komplett unter feindlicher Kontrolle. Für Insider ist die afghanische Karte noch immer geschönt, die internen Analysen, die in westlichen Botschaften an den Wänden hängen, zeichnen das Bild noch etwas drastischer.
Doch auf Einzelheiten ließen sich Rasmussen und Karzai gar nicht ein. Vielmehr war der Nato-Chef gekommen, um Afghanistan Versprechen zu geben. "Zusammen", sagte er, "werden wir den Feind bekämpfen." Und auch die umstrittenste Frage im Bündnis, wie lange denn dieser Kampf, den man in Deutschland noch immer nicht Krieg nennen will, für die Nato-Staaten noch dauern solle, beantwortete Rasmussen deutlich. "Wir werden so lange bleiben, bis der Job erledigt ist", kündigte er an. In vielen Mitgliedstaaten dürfte diese Aussage für ernste Gesichter sorgen.
Denn dieser Job, der Weg zu einem "florierenden, freien Afghanistan" (Rasmussen), erscheint in der augenblicklichen Lage fast unerreichbar fern, in der sich jeden Tag Meldungen über neue Anschläge und Angriffe der Taliban abwechseln. Die Ankündigungen, man wolle noch mehr und vor allem schneller afghanische Sicherheitskräfte ausbilden, damit diese dann in der Zukunft die Aufgaben der Schutztruppe Isaf übernehmen können, sie scheinen mittlerweile wie ein Traum.
Die USA werden weitere Truppen fordern
Was auf die Nato zukommt, wurde recht deutlich. Rasmussen gestand ein, dass er keine Alternative zu einem stärkeren militärischen Vorgehen sehe. Spätestens nun wird Rasmussen lernen, dass damit auf ihn der gleiche Job zukommt wie auf seinen Vorgänger - er wird bei den Mitgliedern um mehr Truppen betteln müssen. Von US-General Stanley McChrystal wird er hören, dass die USA neben ihren bereits entsandten Soldaten für die Wahl wohl noch einmal mehrere tausend Kämpfer schicken werden. Dafür wird Washington auch weitere Nato-Einheiten fordern.
Doch Rasmussen wäre nicht Nato-Chef, wenn er nicht wie der Ex-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer nach außen das Talent zu einem fast naiven Optimismus hätte. So sprach er von den Präsidentenwahlen in zwei Wochen, als ob es die vielen Zweifel an einem reibungslosen Ablauf gar nicht geben würde. "Was wir brauchen, sind freie Wahlen, die den Willen der Afghanen widerspiegeln", frohlockte Rasmussen. Die Wahlen seien damit ein Zeichen, dass sich die Afghanen gegen die Gewalt stemmen würden. Die Nato würde tun, was sie kann, um dies sicherzustellen.
Schmerzhafter Deal mit Taliban droht
Rasmussens Gastgeber wirkte in der kitschigen Szenerie fast ein bisschen realistischer. Wenn er wiedergewählt würde, sagte Hamid Karzai, sei seine erste Priorität der Friedensprozess mit den Taliban. Faktisch wird Karzai oder sein Nachfolger um einen für den Westen sehr schmerzhaften Deal mit den Radikal-Islamisten gar nicht herumkommen. Mit diesem vermutlich ziemlichen schmutzigen Poker allerdings will die Nato nichts zu tun haben. Ein solcher Friedensprozess, so Rasmussen, könne nur die Kabuler Regierung aushandeln.
Karzai scheint sich recht sicher zu sein, dass er diese Verhandlungen führen wird. Zum Abschluss seiner vermutlich letzten Pressekonferenz in dieser Amtsperiode winkte er den versammelten Journalisten selbstsicher lachend zu: "Bis zum nächsten Mal."
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Keineswegs, sie ist trivial beweisbar. Muß ich Ihnen da wirklich auf die Sprünge helfen? Suchen Sie sich eines der unzähligen tagtäglichen Beispiele aus (aktuell, historisch, wie sie wollen). mehr...
TATP. Und der Aldi in Kabul heißt Ali, weil die Taliban kein "d" aussprechen. mehr...
Das halte ich für ausgeschlossen, da Spiegelfechters Offerten hier stets in feinstem Kommunistenrot erscheinen! mehr...
Also in der Gegend um Kunduz gibt es keinen Krieg? Interessant! mehr...
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