Von Ulrike Putz, Jerusalem
Der Flieger aus Teheran landete am 2. Juli in den frühen Morgenstunden. Übernächtigte Passagiere passierten die libanesische Passkontrolle am Flughafen von Beirut, sammelten ihr Gepäck ein, wurden am Ausgang von Freunden und Verwandten begrüßt.
Irgendwann waren die letzten durch, doch von Clotilde Reiss keine Spur.
Die 23-Jährige Französin hatte nach fünf Monaten in Iran ihren Job als Französisch-Lehrerin aufgegeben. Mit Sack und Pack wollte sie auf dem Heimweg nach Paris einen Zwischenstopp in Beirut einlegen, alte Freunde besuchen. Doch die Mutter einer Freundin, die sich erboten hatte, sie mit dem Auto abzuholen, wartete vergeblich.
Am nächsten Morgen aufgeregte Telefonate: Wo ist Clotilde? Maxime Souville, ein Freund, der die junge Politikwissenschaftlerin noch aus Paris kennt und bei dem sie in Beirut wohnen sollte, fand heraus: Ihr Name stand nicht auf der Passagierliste des Flugs Teheran-Beirut. Das französische Konsulat im Libanon schaltete sich ein. Am Abend stand fest, dass Reiss in der Nacht zuvor auf dem Teheraner Flughafen verhaftet worden war.
Seit diesem Samstag kennt die gesamte Welt Clotilde Reiss: Die Französin sprach vor dem Revolutionsgericht in Teheran ein angebliches Geständnis in die Mikrofone.. Reiss ist eine der bislang etwa 150 Männer und Frauen, denen in Iran ein Schauprozess gemacht wird, wegen der Verwicklung in Demonstrationen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl. Reiss wird die Gefährdung der nationalen Sicherheit, das Sammeln von Informationen und das Anstacheln von Krawallmachern zur Last gelegt.
Sollten die Richter sie für schuldig befinden, droht Reiss eine monate-, vielleicht jahrelange Gefängnisstrafe.
Das Geständnis, das die junge Französin den staatlichen iranischen Medien zufolge vor Gericht abgegeben haben soll, verdient den Namen nicht. Reiss soll zugegeben haben, an Protesten gegen die mutmaßlich gefälschte Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads teilgenommen zu haben. Sie habe Bilder und kurze Berichte von den Demonstrationen an Freunde gemailt, soll sie gestanden haben. Freunde und Familie seien beunruhigt gewesen, "ich schickte ihnen E-Mails, um ihnen zu sagen, dass die Versammlungen friedlich sind" - so zitieren die iranischen Medien Reiss. Sie habe sich entschuldigt und um Gnade gebeten.

Dass das Regime versucht, aus der Beteiligung an Protesten mit Hunderttausenden Teilnehmern einen Vorwurf gegen Reiss zu konstruieren, nennen ihre Freunde "absurd". "Das Land hat Kopf gestanden," sagt Maxime Souville in Beirut, und angesichts dessen gehe doch jeder interessierte Iraner vor die Tür, um nachzusehen, was los sei. Clotildes Vater Rémi Reiss sagte der französischen Nachrichtenagentur AFP, seine Tochter sei unschuldig. "Sie hat sich nichts vorzuwerfen, und man kann ihr nichts vorwerfen." Clotildes Motivation sei die Kunst, die Kultur, sie habe Iran noch besser kennen lernen wollen.
Tatsächlich ist Reiss schon seit Kindertagen mit der Kultur des Landes vertraut. Die iranische Kinderfrau der Familie zog sie in Paris auf, brachte ihr schon im Kleinkindalter persisch bei. Nach dem Abitur studierte Reiss in Lille Politikwissenschaften und erhielt als exzellente Studentin jedes Jahr Auszeichnungen. Das berichtete der Dekan ihres Studiengangs.

Reiss schrieb ihre Magisterarbeit über das iranische Bildungssystem und Schulbücher seit der Revolution 1979. Sie reiste mehrfach durchs Land, bevor sie zu Jahresanfang einen Posten als Französisch-Dozentin an der Universität Isfahan antrat. Der Vertrag sollte über zwei Jahre gehen, doch dann gab es Ärger mit dem Arbeitsvisum. Reiss plante, Iran Ende Juni zu verlassen, als am 12. Juni die Wahlen und ihr umstrittenes Ergebnis das Land in Aufruhr versetzten.
Die Familie und Freunde von Reiss setzen seit der Verhaftung vor sechs Wochen auf die globale Öffentlichkeit als Verbündete. Mehr als 33.000 Internet-Nutzer haben sich auf einer Facebook-Seite als Unterstützer der jungen Frau eingetragen. Zu Reiss' Geburtstag am 31. Juli schickten ihr viele Freunde Glückwunschkarten ins verschriene Teheraner Evin-Gefängnis - ob sie ankamen, ist unbekannt.
Doch erst die Bilder von ihrem Auftritt vor Gericht haben Reiss' Fall zu der Prominenz verholfen, von der sich ihre Angehörigen erhoffen, dass sie Clotilde hilft. Angesichts ihres Gerichtsauftritts hat sich nun auch die Europäische Union zu Wort gemeldet. Für die schwedische Ratspräsidentschaft sagte Schwedens Außenminister Carl Bildt am Sonntag, die iranische Führung müsse begreifen, dass sie mit den Anklagen gegen Reiss und zwei Mitarbeiter der britischen und französischen Botschaft "die gesamte EU herausfordert".
Nur einmal durfte ein Vertreter der französischen Botschaft Reiss bislang in der Haft besuchen. Bei der Visite vor einem Monat sei die Politologin "gesund und in guter geistiger Verfassung" gewesen, auch wenn sie sich über ihre weitere Zukunft Sorgen gemacht habe, gab das französische Außenministerium damals bekannt. Zu Beginn ihrer Gefangenschaft habe Reiss außerdem drei kurze Telefonate von jeweils zwei Minuten führen dürfen. Seit dem Besuch des Diplomaten vor vier Wochen sei der Kontakt zu Reiss jedoch abgebrochen.
Die iranischen Gefängnisse sind berüchtigt. Gerade ist der Chef eines der berüchtigsten Gefängnisse in Teheran entlassen und festgenommen worden, berichtet die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna. Drei Aufseher, die Gefangene geschlagen haben sollen, seien ebenfalls verhaftet worden. Zuvor seien mindestens drei im Gefängnis Kahrizak einsitzende Demonstranten in der Anstalt gestorben. Im Juli hatte Revolutionsführer Ali Chamenei wegen dieser Vorfälle die Schließung des Gefängnisses angeordnet.
Kahrizak diente ursprünglich als Haftanstalt der iranischen Sittenpolizei. Am Donnerstag hatte die Teheraner Polizei ein Statement abgegeben, nachdem es dort nach den Wahlen zu schweren Verletzungen der Bürgerrechte gekommen sei. Polizeichef Esmail Ahmadi-Moghaddam gestand ein, dass einige verhaftete Protestler gefoltert wurden.
Auf anderen Social Networks posten:
http://www.tagesschau.de/ausland/iranatom110.html Diplomatie contra Idiotie??? http://www.tagesschau.de/ausland/iranatom114.html Wer ist schneller, der Iran oder der Westen? Nun, und wer ist letzten Endes erfolgreicher? [...] mehr...
Oder Niemand soll so naiv sein und glauben, die US Marine Stünde im Persischen Golf, um die moslemischen Minderheit zu beseitigen. Entweder wissen wir was die Weltmacht heisst und wie sie zustande gekommen ist und was für [...] mehr...
http://www.tagesschau.de/ausland/iranatom108.html mehr...
Der Iran ist der stärkste Repräsentant einer moslemischen Minderheit, die seit Jahrhunderten unter ständigen Angriffen und Verschwörungen des verbrecherischen Saudi-Arabiens leben musste und das wird sich bald ändern. Niemand [...] mehr...
Sehr Geehrter Herr Ernst August, guten Morgen! Danke für Ihr Posting und Aufmerksamkeit. Seit 30 Jahren versucht das Regime im Iran Israel und USA, Westen, Schahsregime... zu nutzen,damit sich selbst und ihre Taten [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Iran-Konflikt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH