Von Hasnain Kazim, Islamabad
Islamabad - Seit Sonntag ist Ramadan, der islamische Fastenmonat. Das Leben in der islamischen Welt läuft auf Sparflamme. Ob das auch für die Taliban gilt, ist allerdings fraglich. Politische Beobachter befürchten, dass die zerstrittenen und seit dem Tod Baitullah Mehsuds führungslosen Kämpfer in Pakistan die entspannte Atmosphäre nutzen werden, um wieder mit Anschlägen auf sich aufmerksam zu machen. Und auch in Afghanistan gehen Experten davon aus, dass die Islamisten neue Gewalttaten verüben werden.
Vor allem US-Militärs in Afghanistan - Feind Nummer eins der Radikalislamisten - sind besorgt, Pakistan könnte jetzt nach der erfolgreichen Vertreibung der Taliban aus dem Swat-Tal und nach dem Schlag gegen Mehsud eine Kampfpause einlegen. Am Dienstagabend bestätigten der designierte Nachfolger Hakimullah Mehsud und der Taliban-Kommandeur Waliur Rehman in einer gemeinsamen telefonischen Mitteilung gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass Baitullah Mehsud tatsächlich tot sei. Mehsud und Rehman sagten, Baitullah Mehsud sei durch eine Rakete, abgeschossen am 5. August von einer US-Drohne, schwer verletzt worden und erst vor zwei Tagen, am Sonntag, seinen Verletzungen erlegen.
Nach amerikanischen und pakistanischen Angaben war Baitullah Mehsud dagegen "nach allergrößter Wahrscheinlichkeit" sofort tot; das wochenlange Leugnen dieser Tatsache deuteten Vertreter beider Regierungen als Zeichen für einen Machtkampf innerhalb der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), Dachorganisation der pakistanischen Taliban-Gruppierungen, deren Chef Baitullah Mehsud war.
Allerdings waren sie nicht in der Lage, seinen Tod zu beweisen. Insofern dürfte die Bestätigung für Erleichterung in Washington und Islamabad sorgen. Hakimullah Mehsud räumte mit seinem Anruf außerdem das Gerücht aus der Welt, er sei bei einem internen Streit um die Nachfolge erschossen worden. Der gemeinsame Anruf mit seinem angeblichen Konkurrenten Rehman sollte Einigkeit demonstrieren.
USA fordern mehr Engagement von Pakistan
Die Amerikaner wollen jetzt nicht nachlassen. In Afghanistan stationierte US-Offiziere forderten bei einem Besuch des Afghanistan- und Pakistanbeauftragten der USA, Richard Holbrooke, die pakistanische Armee müsse nun den Druck in Waziristan, an der Grenze zu Afghanistan, aufrecht erhalten oder sogar noch erhöhen. Nur so könnten sich die USA auf den Kampf auf afghanischem Territorium konzentrieren.
Die Londoner Zeitung "The Times" zitiert einen US-General mit den Worten, die Pakistaner würden denken, für die Taliban sei das Spiel aus. Das Spiel sei zwar tatsächlich aus, aber jetzt beginne die nächste Stufe. Andere Offiziere beklagten, die Situation in Afghanistan würde sich verschlechtern.
Die Taliban würden, trotz engagierten Vorgehens des US-Militärs, immer noch Dörfer und Städte im Süden des Landes beschießen. Und im Osten sei das Haqqani-Netzwerk, benannt nach dem Taliban-Führer Jalaluddin Haqqani und seinem Sohn Sirajuddin, wieder erstarkt, nachdem die pakistanische Armee die Gruppe durch Angriffe geschwächt hatte. Angehörige dieses Netzwerks seien inzwischen die größte Gefahr für die amerikanischen Truppen und die afghanischen Streitkräfte.
Der "New York Times" sagten US-Generäle, die pakistanische Armee müsse ihre Aufmerksamkeit weiter auf die Stammesgebiete im Westen seines Staatsgebietes richten, wo nach wie vor Taliban und Mitglieder des Terrornetzwerks al-Qaida kämpften.
Generalmajor Curtis Scaparrotti, US-Kommandeur in Ost-Afghanistan, betonte gegenüber Holbrooke, gerade nach dem Tod Mehsuds, der die Taliban enorm geschwächt habe, sei es wichtig, dass Pakistan den militärischen Druck aufrechterhalte. Insgesamt habe sich die Zusammenarbeit zwischen amerikanischen und pakistanischen Truppen aber verbessert. Es gebe jetzt die Chance, gemeinsam das Haqqani-Netzwerk zu schwächen.
Marshallplan für Pakistan
Beim Partner kommen solche Ermahnungen nicht gut an. Dass Islamabad wegen der Kritik aus den USA verstimmt ist, zeigt ein Interview, das der pakistanische Botschafter in der Türkei, Sardar Tariq Azizuddin, der türkischen Tageszeitung "Today's Zaman" gab. Pakistan würde "keineswegs zu langsam" auf die Gefahr der Taliban reagieren, wies er Vorwürfe gegenüber seiner Regierung zurück.
Man müsse vielmehr hinterfragen, durch wessen Hilfe die Taliban eigentlich erst in der Lage seien, den Kampf gegen die USA oder die Nato aufzunehmen. Die Finanzierung und Unterstützung der Militanten sei das eigentliche Übel. Der Botschafter erklärte, dass es "Akteure in der Region" gebe, die ein Interesse an einem destabilisierten, chaotischen Pakistan hätten. Konkreter wurde er jedoch nicht.
Die USA sind auf Pakistan als Alliierte im Kampf gegen die Taliban angewiesen - und daher trotz Kritik um Wohlwollen bemüht. Am Montag wurde bekannt, dass Washington daher einen "Marshallplan für Pakistan" initiieren will. Rund fünf Milliarden Dollar seien bereits hinterlegt, teilte die pakistanische Botschaft in Washington mit.
Derzeit beraten Vertreter mehrerer Staaten, die ein demokratisches Pakistan fördern, in Istanbul über ein Hilfspaket. Mit dem Geld sollen im Kampf gegen die Taliban zerstörte Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Straßen und Brücken wiederhergestellt werden. Pakistan beziffert seinen Bedarf auf 30 Milliarden Dollar innerhalb von fünf Jahren, um weiterhin gegen die Taliban vorgehen und die eigene Wirtschaft trotzdem stabilisieren zu können.
Islamisten kämpfen brutal weiter
Dieser Kampf dürfte andauern. Zwar werden täglich neue Festnahmen von Taliban gemeldet, werden Bilder von zerstörten Häusern gesendet, in denen angeblich Terroristen lebten und die von Raketen getroffen wurden. Aber die Islamisten kämpfen mit aller Brutalität weiter.
Am Montag wurde beispielsweise ein afghanischer Journalist auf dem Weg in die pakistanische Stadt Peshawar von einem Killerkommando erschossen. Es hieß, der Reporter habe kritisch über die Islamisten berichtet und sei von den Taliban mehrfach aufgefordert worden, Peshawar zu verlassen. Er blieb - und musste nun mit seinem Leben bezahlen.
Die Taliban formieren sich derweil mit Hakimullah Mehsud an der TTP-Spitze neu. Mehsud selbst und Waliur Rehman teilten mit, dass ein 42-köpfiger Rat den neuen Chef bestimmt habe. Auch der bisherige Vize des getöteten TTP-Chefs Baitullah Mehsud, Maulvi Faqir Mohammad, erkannte Hakimullah als neuen Anführer an und teilte seine Ernennung gegenüber Journalisten in der Region Waziristan mit.
Ermordung der Schwiegerfamilie?
Mohammad hatte zuvor noch erklärt, Baitullah Mehsud sei gar nicht tot, sondern nur "ernsthaft erkrankt" und könne seine Pflichten daher nicht mehr wahrnehmen. In einer ersten Mitteilung hatte er sich selbst zu dessen Nachfolger Baitullah erkoren. Es scheint jedoch wahrscheinlich, dass die Mehrheit der Taliban-Kommandeure Hakimullah als ihren neuen Chef anerkennt, einen 28-jährigen Kämpfer aus dem Mehsud-Stamm, der durch seine Brutalität aufgefallen ist.
Möglich scheint unter den Islamisten derzeit alles: Am Wochenende meldeten pakistanische Zeitungen, Taliban hätten Mitglieder von Baitullah Mehsuds Schwiegerfamilie gefangengenommen. Sie würden ihnen vorwerfen, den Amerikanern Informationen über seinen Aufenthaltsort verraten zu haben - nur deshalb sei der Drohnenangriff erfolgt.
Baitullah Mehsud soll sich im Haus seines Schwiegervaters aufgehalten haben, als die Rakete einschlug. Pakistans Innenminister Rehman Malik teilte jetzt mit, er habe "glaubwürdige Hinweise" darauf, dass die Taliban "Baitullah Mehsuds Schwiegervater und weitere Verwandte" getötet hätten, als Strafe für diesen Verrat.
Innenminister Malik berichtete auch von drei verhafteten Terroristen in Islamabad, die geplant hätten, das Parlament in der Hauptstadt zu attackieren. Sorge vor einem Wiedererstarken der Taliban brauche man aber nicht zu haben, beruhigte er die Öffentlichkeit: Der Kampf gegen die Militanten werde fortgesetzt, auch während des Fastenmonats Ramadan. Eine Feuerpause, versprach er, werde es nicht geben.
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Die Wirklichkeit ist doch die, daß sowohl OEF Truppen in AFG kämpfen und ISAF Truppen den angeblichen "Frieden" sichern, oder hab ich da was falsch verstanden? ---Zitatende--- Ich denke mal eher, Sie haben wie üblich [...] mehr...
Die Wirklichkeit ist doch die, daß sowohl OEF Truppen in AFG kämpfen und ISAF Truppen den angeblichen "Frieden" sichern, oder hab ich da was falsch verstanden? Das ISAF angegriffen hätte, habe ich nicht [...] mehr...
Einzig und allein Karsai und die seinen brauchen die Unterstützung der USA und seiner Vasallen. Gegen sie richtet sich der Hass der Afghanen genauso wie gegen die Besatzer. Die Bevölkerung Afghanistans hat sicherlich inzwischen [...] mehr...
Schlimmer als das, was jetzt in Afghanistan vorherrscht, kann es nicht werden, derweil die Afghanen die Massenvernichtungswaffen, worüber ihre Besatzer verfügen und auch einsetzen, nicht besitzen. Ein Bürgerkrieg wird überdies [...] mehr...
"Seit November 2001 beteiligt sich Deutschland unter anderem mit Seestreitkräften und Spezialkräften an der Operation ENDURING FREEDOM (OEF) zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus." (Weißbuch 2006 zur [...] mehr...
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