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27.08.2009
 

Freilassung eines Guantanamo-Gefangenen

Einmal Hölle und zurück

Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada

Guantanamo-Heimkehrer Jawad: "Ich will nur ein normales Leben"Zur Großansicht
AP

Guantanamo-Heimkehrer Jawad: "Ich will nur ein normales Leben"

Sieben Jahre saß Mohammed Jawad im Lager Guantanamo, jetzt ist er zurück in Afghanistan - doch nicht einmal seine Mutter erkannte ihn wieder. Für die verlorenen Jahre fordert der 19-Jährige von den USA eine Entschädigung.

Berlin/Kabul - Mohammed Jawad wirkt verstört. Immer wieder schaut er zu seinem Anwalt herüber. Mit Blicken fragt er, was er denn nun sagen soll. Jawad und der US-Jurist Eric Montalvo sitzen nebeneinander in einem weißen Zelt der afghanischen Anwaltsvereinigungen in der Hauptstadt Kabul, der junge Afghane trägt ein braunes Käppchen und ein weißes Gewand. Es ist Jawads erster Auftritt, erst vor drei Tagen ist er nach Afghanistan zurückgekehrt, nach sieben Jahren in Guantanamo Bay, dem berüchtigten Anti-Terror-Lager der USA auf Kuba.

Es ist nicht viel, was Jawad mitteilen will - oder kann. Mehrmals betont er seine Unschuld. "Ich war noch ein Kind, als sie mich festnahmen. Ich habe niemandem etwas getan." Über die Zeit in Guantanamo will er noch nicht reden. "Sie haben sehr schlimme Dinge mit mir gemacht", sagt er leise, "ich würde das alles am liebsten vergessen." Als er am Montag nach Kabul zurückkam, wurde er von Präsident Hamid Karzai empfangen. Dem, sagt Jawad, habe er ein bisschen über die Haft erzählt, aber öffentlich könne er darüber noch nicht sprechen.

Es ist eine schwierige Rückkehr für den heute 19-Jährigen. Die meisten seiner Familienmitglieder sind tot oder aus Afghanistan weggezogen. Seine Mutter, die einzige Verwandte, erkannte ihn am Montag nicht auf Anhieb. Erst ein Geburtsfleck auf seinem Kopf gab ihr die Gewissheit, dass der junge Mann vor ihrer Tür tatsächlich ihr Sohn ist. Das letzte Mal gesehen hat sie Mohammed vor sieben Jahren. Damals im Frühjahr 2002, der Junge war etwa zwölf Jahre alt, kehrte er von einer Verabredung zum Tee bei einem Onkel nicht zurück.

Dürftige Beweise und Folter

Wie bei vielen anderen Verdächtigen, die in Guantanamo landeten, waren auch in Jawads Fall die Beweise dürftig. In Guantanamo wurde er gefoltert. Einer der vom Militär bestellten Ankläger trat sogar wegen der vielen Verfahrensfehler zurück. Trotzdem saß Jawad sieben Jahre in dem Lager ein.

Mohammed Jawad wurde die Beteiligung an einem Handgranatenanschlag auf ein US-Militärfahrzeug vorgeworfen, bei dem Anschlag wurden zwei US-Soldaten getötet. Von den Afghanen hieß es damals, dass Jawad ein Geständnis abgelegt habe. Mit dieser dürftigen Information, die nach heutigen Erkenntnissen wohl unter massivem Druck zustande kam, wurde er, vermutlich gegen eine Belohnung, an die Amerikaner übergeben und landete nach einer Zwischenstation in Guantanamo Bay. Dort wurde sein Fall nicht weiter bearbeitet.

Selbst als Militärtribunale die Fälle der Häftlinge prüften, hielten die Ankläger wichtige Beweise absichtlich zurück, die Jawad entlastet hätten. So war etwa sein angebliches Geständnis in einer Sprache verfasst worden, die der Junge gar nicht spricht. Und die Afghanen verdächtigten eigentlich zwei andere Männer als Attentäter. Doch der US-Chefankläger, das hatte er damals selbst erklärt, wollte den Fall Jawad zur ersten Verurteilung eines Guantanamo-Insassen machen.

Schockwellen im Guantanamo-System

Im abgeschotteten Justizsystem in Guantanamo sorgte der Fall für erhebliche Schockwellen. Der zuständige Militärstaatsanwalt kündigte im September 2008 seinen Job und erhob schwere Vorwürfe. Die Beweisführung sei "sogar in den einfachsten Dingen nicht komplett und nicht verlässlich", dem Angeklagten werde "ein fairer Prozess verwehrt". Wer die Anklage in diesem Fall übernehme, bringe sich selbst in Gefahr "ethischer Verfehlungen", erklärte der Jurist damals.

Jawads Familie in Afghanistan wusste zu diesem Zeitpunkt nur, dass ihr Sohn in dem US-Gefangenenlager einsitzt, Details kannte sie nicht. Mitarbeiter der Anwälte hatten die Familie in Kabul aufgetan und auch die afghanische Regierung informiert. Im Westen wurde Jawad vor allem deswegen bekannt, weil er bei seiner Festnahme so jung war - das US-Militär behauptet bis heute, Jawad sei zum Zeitpunkt der Festnahme 16 oder 17 Jahre alt gewesen.

Doch all die Zweifel, Verfahrensfehler, Proteste nutzten Jawad über Jahre nichts. Als schließlich auch die Ankläger in Guantanamo an der Schuld des Jungen zweifelten, dauerte es trotzdem noch Monate, bis er per Militärflugzeug zur US-Basis nördlich von Kabul geflogen und dort freigelassen wurde.

Details über das "Frequent flyer"-Programm

Jawad fordert jetzt von den USA eine Entschädigung für die Jahre in Guantanamo. Zudem fordere er eine sofortige finanzielle Unterstützung für Essen und Unterkunft, erklärte sein Anwalt Eric Montalvo in Kabul. Es sei "inakzeptabel", Jawad nicht bei seiner Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu helfen.

Die Beschreibungen der Haftbedingungen könnten aus US-Sicht unerwünscht sein. Denn Jawad kann detailliert über das sogenannte "Frequent flyer"-Programm berichten, mit dem Gefangene über Tage wachgehalten wurden, um sie psychisch zu brechen. Ebenso soll er geschlagen und mit der Tötung seiner Familie bedroht worden sein. Solche Aussagen könnten in der afghanischen Öffentlichkeit für weitere antiamerikanische Ressentiments sorgen.

Mohammed Jawad sagt, er wolle nun ein ganz normales Leben führen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg.

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