Aus Bet Lahia im Gaza-Streifen berichtet Ulrike Putz
Nur ein Mal während des Gesprächs laufen Sabah Abu Halima die Tränen übers Gesicht. "Seit Ramadan ist, kommen all die Erinnerungen zurück", sagt die 49-Jährige über die einmonatige Fastenzeit, die vergangene Woche begann. Wenn sie vor Sonnenaufgang aufsteht, um das Frühstück zu bereiten, wenn sie nachmittags kocht, um der Familie nach Einbruch der Dunkelheit das Abendessen zu servieren: Immer verfolgt sie der Gedanke an ihren Ehemann, an Ramadan im vergangenen Jahr. "Er hat Stunden auf dem Markt verbracht, um für das Fastenbrechen einzukaufen", sagt Abu Halima von ihrem Mann Sadala. Mit dem Zipfel ihres grauen Schleiers wischt sie still ihre Tränen weg: Der Schutzwall, den sie um sich gebaut hat, hat Risse. Zusammenbrechen darf Sabah Abu Halima nicht.
Mit acht Kindern, sieben Söhnen und der lang ersehnten, ein Jahr alten Tochter, beging das Ehepaar Abu Halima im vergangenen Jahr die Fastenzeit. Die Bauernfamilie, die ihre Felder in Bet Lahia im Norden des Gaza-Streifens bewirtschaften, lebte in bescheidenen Verhältnissen - aber man war zufrieden. Die weit verzweigte Verwandtschaft, die einen Gutteil der Einwohner Bet Lahias stellt, gab ein Gefühl von Geborgenheit. Die Gurkenernte, Kartoffeln und Möhren warfen genug ab, um davon leben zu können.
Doch dann brach kurz nach Weihnachten 2008 der Krieg zwischen Israel und der den Gaza-Streifen regierenden radikalen Hamas aus. Bet Lahia war einer der Hauptschauplätze. Am dritten Tag der israelischen Bodenoffensive traf ein israelisches Geschoss das Haus der Abu Halimas. Der Vater und fünf Kinder, darunter die einzige Tochter, starben. Die Mutter und die restlichen Kinder erlitten schwere Brandwunden: Anscheinend hatte eins der von Israel eingesetzten und hoch umstrittenen Phosphor-Geschosse das Bauernhaus getroffen.
"Hier wurde meine Tochter ins Feuer geschleudert"
Sadah Abu Halima führt durch die Räume, in denen ihre Lieben starben: "Hier schlug die Bombe ein", weist sie auf ein Loch in der Zimmerdecke. "Hier wurde meine Tochter, die ich gerade stillte, ins Feuer geschleudert."
Die überlebenden Söhne haben einen Teil der Wohnung neu gestrichen, doch einige Zimmer sind nach wie vor rußgeschwärzt. "Wir haben kein Geld, um weiter zu renovieren. Wir haben jeden Tag vor Augen, was hier passiert ist", sagt die Mutter.
Abu Halima und ihre Kinder leben von der Fürsorge anderer: Auch die Gewächshäuser, die die Familie ernährten, haben den Krieg nicht überstanden. "Selbst wenn wir wieder Gemüse anbauen wollten, wir haben kein Geld, um Dünger zu kaufen", sagt Mohammed, einer der Söhne der Familie. Zwar unterstützte die Hamas sie mit kleinen Geldgeschenken, verschiedene Hilfsorganisationen kommen für die Versorgung der Brandwunden auf, die allen in der Familie nach wie vor zu schaffen machen. Doch für einen Neustart reicht weder das Geld noch die Kraft der dezimierten Familie.
"Wenn Gott gütig ist, straft er die Israelis"
Selbst die sonst belastbaren Familienbande helfen nicht: Weil die Häuser und Felder des Clans eng beieinander liegen, wurden fast alle getroffen, als der Krieg kam. "Meine Onkel kämpfen selbst ums Überleben, die können nichts abgeben", sagt der 24-jährige Mohammed.
Mutter Abu Halima hat keine Hoffnung, dass sich ihr Schicksal irgendwann zum Besseren wenden könnte. Auch ihren Kindern sei die Zukunft genommen: "Farah ist jetzt drei Jahre alt, aber ihr Leben ist vorbei", sagt die Mutter, und zieht das Hemdchen des Kindes hoch. Farahs Oberkörper, ihre Oberarme, ihr Rücken sind bedeckt von Narbengeflecht. "Wie wird sie so einen Mann finden, eine Familie gründen?", fragt Abu Halima. "Es wäre besser gewesen, wenn auch sie gestorben wäre. Dann würde sie jetzt in Frieden schlafen."
Der Mutter bleibt, wenn sie sich aus ihrer Lethargie aufrappelt, nur noch der Hass. "Ich habe nur noch Gott, und wenn er gütig ist, dann straft er die Israelis für das, was sie getan haben", sagt Abu Halima. "Wenn ich könnte, würde ich mich unter den Israelis in die Luft sprengen", sagt sie. "Sie haben mir fünf Menschen genommen, ich nähme 50 von ihnen."
Der Wiederaufbau stockt, es fehlt an Zement
Die Geschichte der Familie Abu Halima ist sicher eine der trostlosesten, die man vom Gaza-Krieg und seinen Folgen erzählen kann. Doch sieben Monate nach dem dreieinhalbwöchigen Konflikt, bei dem zum Jahreswechsel 2008/2009 etwa 1300 Palästinenser und 13 Israelis umkamen, leben auch die Menschen, die es weniger hart getroffen hat, größtenteils im Elend. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe: Der Krieg beendete den palästinensischen Raketenbeschuss auf Israel, nicht jedoch die Blockade, mit der Israel verhindert, dass ausreichend Waren und Güter in den Gaza-Streifen gelangen. Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser stockt, weil es keinen Zement gibt. Noch immer leben viele, die ihre Häuser verloren haben, in den Zeltstädten.
"Wie hausen mit unseren neun Kindern in zwei Zelten", sagt Olfat Karawi. Leben will sie ihren Zustand nicht nennen: "Wir haben kein fließendes Wasser, keinen Strom, keinen Kühlschrank, keine Waschmaschine, das ist kein Leben", sagt die 24-Jährige, die im Alter von 13 mit einem Cousin verheiratet wurde und seitdem fast jedes Jahr ein Kind bekam. Ihr Haus, das ebenfalls im Norden des Gaza-Streifens stand, wurde am 4. Januar zerstört. "Die Panzer schossen in die oberen Stockwerke, wir waren im Keller und hofften, dass es damit gut ist." Irgendwann in der Nacht sei ihnen gedämmert, dass das ganze Gebäude bombardiert werden könnte. "Um sechs Uhr morgens sind wir mit weißen Fahnen aus dem Haus und zu Fuß mit den Kindern nach Süden gelaufen."
Mini-Rente und Essenspakete
Die Karawis sind doppelt geschlagen: Ihre Familie wurde 1948 aus dem israelischen Kernland vertrieben. Seitdem lebte sie im Jabalia-Lager im Norden des Gaza-Streifens. Dass sie den Status von Flüchtlingen haben, half der Familie in der Vergangenheit, über die Runden zu kommen: Sie bekommt von der Uno eine Mini-Rente, kriegt Essenspakete, die Kinder gehen auf Uno-Schulen.
Seitdem die Karawis jedoch im Januar ein weiteres Mal fliehen mussten, erleben sie erneut, was es heißt, als Flüchtling anderen zur Last zu fallen: "Die Leute hier sind nicht solidarisch", sagt Mutter Karawi von den Nachbarn ihrer Zeltstadt in Bet Lahia. Wortreich erklärt sie, das Elend in Gaza sei zu groß, als dass die Menschen noch nett zueinander sein könnten. "Jeder denkt nur an sich selbst und die engsten Verwandten." Größtes Problem sei die Verteilung der Hilfsgüter, die von internationalen Organisationen gestiftet wurden: "Hier im Viertel haben sie das Oberhaupt eines Clans eingesetzt, damit er die Sachen verteilt." Die Karawis, obwohl seit 1948 im Nachbarort ansässig, gelten als Fremde und würden deshalb übergangen, sagt Mutter Olfat.
Den Karawis blieb nichts anderes übrig, als sich im Provisorium einzurichten: An den Zeltleinen flattert Wäsche, ihr Territorium im Lager haben sie mit Auberginen- und Maispflanzen markiert. Glaubt Mutter Karawi, dass ihre Familie irgendwann wieder auf einen grünen Zweig kommen wird? "Wenn Israel die Blockade aufhebt und die Männer in Gaza wieder arbeiten können, dann wird es Hoffnung geben", sagt sie.
Und wann ist das?
"Das weiß nur Allah, und der hat uns schon lange warten lassen."
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