Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Die Leiche von Robert F. Kennedy liegt aufgebahrt in der St. Patrick's Cathedral in New York, es ist der 8. Juni 1968, Zeit für die Trauerrede. Und es ist ganz klar, wer ans Mikrofon treten wird. Es ist ja nur noch einer übrig: Edward, der Jüngste, Spitzname "Ted". "Mein Bruder muss nicht verklärt werden", sagt er, mit brüchiger Stimme, "wir sollten ihn einfach als einen guten und anständigen Menschen in Erinnerung behalten, der Unrecht sah und versuchte, es zu beseitigen."
Der jüngere Bruder erinnert an den älteren, der schon gehen musste. Es ist eine Art Familientradition bei den Kennedys. John musste für Joe sprechen, den ältesten Bruder, der 1944 im Krieg ums Leben kam. Bobby dann 1963 für John, nach dessen Ermordung. Nun Ted für Robert.
Wer aber spricht jetzt für Ted? Wenn am heutigen Samstag in Boston des letzten Kennedy-Bruders selbst gedacht wird, der am Dienstagabend dieser Woche im Alter von 77 Jahren einem Gehirntumor erlag, wird kein Bruder mehr übrig sein. Die Traueransprache hält stattdessen: Barack Obama, der 44. Präsident der USA, der sein Amt maßgeblich der Hilfe von Ted und anderen Kennedys zu verdanken hat.
Deutlicher lässt sich kaum zeigen, dass im politischem Universum der USA die "Fackel an die nächste Generation von Amerikanern weitergereicht wurde"- wie Ted Kennedy zur Unterstützung von Obama im Wahlkampf selbst aus der Inaugurationsrede seines Bruders John zitierte.
Auch sonst nimmt das Begräbnis Kennedys historische Ausmaße an. Alle lebenden US-Präsidenten werden bei der Trauerfeier dabei sein - bis auf George Bush, der die Familie durch seinen Sohn George W. ausreichend vertreten sieht. 45.000 Menschen warteten stundenlang vor der John F. Kennedy Library in Boston, um Abschied zu nehmen. Am Freitagabend erinnerten in einer stillen Zeremonie Freunde und politische Rivalen an Kennedy, darunter der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain. Beigesetzt wird der Senator auf dem Arlington-Nationalfriedhof in Washington, nur ein paar Meter entfernt von Robert und John. Die US-Kabelsender übertragen seit Tagen jedes Detail live.
Abschied vom Mythos
Ist das Trauer-Spektakel einfach ein Abschied vom Kennedy-Mythos? Ted Kennedy hat es geschafft, durch schiere Langlebigkeit und taktisches Geschick im US-Senat zum Patriarchen der Familie aufzusteigen. Das ist umso erstaunlicher, weil er das schwarze Schaf des Clans war. Lange stand Ted im Schatten seiner Brüder, später fuhr er eine junge Frau tot und floh, immer wieder verlor er sich in Skandalen. Noch 1991 musste er in einer spektakulären Rede in Harvard seine persönlichen Schwächen zerknirscht eingestehen, nach Magazinberichten, in denen seine Alkoholexzesse und seine Affären mit meist sehr jungen Frauen fein säuberlich festgehalten wurden. Erst nach seiner zweiten Heirat 1992 avancierte Kennedy zur grauen Eminenz des Senats, dem er 46 Jahre angehörte.
Aber das geballte Gedenken verrät mehr als die Faszination der Kennedy-Familie. Die hat schon lange nachgelassen, zu viele Skandale haben den Glanz getrübt, zu verkorkst präsentiert sich der Nachwuchs. Ein Nachfolger für Patriarch Ted ist nirgendwo in Sicht, obwohl ein Familienmitglied sich vielleicht um dessen Senatssitz bewerben wird. Doch als Ted Kennedys Nichte Caroline Anfang dieses Jahres Interesse an Hillary Clintons Senatsposten in New York bekundete, scheiterte ihre Bewerbung kläglich binnen Wochen.
Der ungewöhnlich emotionale Abschied Amerikas von Ted Kennedy ist vielmehr auch der Abschied von einer gewissen politischen Kultur, mit der die Familie wenig zu tun hat. Die Kennedys konnten rücksichtslos sein, gewissenlos auch, unzählige Historiker haben das aufgedeckt. Dennoch wirkte Langzeitsenator Kennedy bisweilen wie ein Relikt aus einer anderen, besseren Zeit.
Eine Zeit, in der die beiden Parteiblöcke in der US-Politik sich noch nicht diametral gegenüberstanden, in der Kompromisse noch möglich waren. Kennedy hat den Ausgleich perfekt beherrscht, mit Freund und Feind zimmerte er seine vielen Gesetzespakete. Selbst mit George W. Bush arrangierte er sich, für einen Durchbruch bei der Bildungsreform.
Mann der Mitte
Doch die jüngeren Kongressmitglieder wollen von Kompromissen wenig wissen. Das Leben im Kongress ist viel hektischer geworden, der Mediendruck höher, immer mehr Spendengelder müssen Politiker für ihre Wiederwahl einsammeln. Eigentlich ist nun dauernd Wahlkampf, ständig muss es krachen und polarisiert werden, um die eigenen Anhänger zu mobilisieren. In beiden Lagern sind die Parteien dogmatischer geworden - die Demokraten etwas linker, die Republikaner noch konservativer. Die in der Mitte gibt es auf beiden Seiten eigentlich nicht mehr, sie hätten keine Chance auf die Wiederwahl.
Selbst bei der Trauerfeier in Boston wird dies zu spüren sein. Schon nutzen die Demokraten das Vermächtnis Kennedys, um für Obamas Gesundheitsreform zu werben, die dem Verstorbenen so ein wichtiges Anliegen war. "Ted Kennedys Traum von der Gesundheitsreform wird sich dieses Jahr erfüllen", verspricht bereits die kämpferische demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi.
Präsident Obama selbst hat sich zwar öffentlich verbeten, mit Kennedys Ableben politisch punkten zu wollen - doch ihm ist zweifellos bewusst, dass die Rede bei der Trauerfeier eine gute Gelegenheit bietet, für seine Gesundheitsreform zu werben. Immerhin hatte er Kennedy im Gegenzug für dessen Wahlkampfhilfe versprochen, dieses Thema als erstes anzugehen.
Keine Versöhnung zwischen Demokraten und Republikanern
Ironischerweise hätte Kennedy schon Anfang der siebziger Jahre über einen Kompromiss mit dem damaligen republikanischen Präsidenten Richard Nixon verhandelt, zur Einführung einer Krankenversicherung für alle. Der scheiterte damals nur knapp - heute aber werden fast identische Vorschläge von Republikanern als eine Art Sozialismus verteufelt.
An diesen Fronten wird auch die Sentimentalität über seinen Tod wenig ändern - anders als etwa nach der Ermordung John F. Kennedys, die Lyndon B. Johnson bei der Durchsetzung der Rassengleichberechtigung half. Schon schimpfen Republikaner laut, die Demokraten würden Kennedys Tod "missbrauchen", um die Gesundheitsreform "durchzuboxen". Sein Tod wird nicht für Versöhnung sorgen, aller Sentimentalität zum Trotz. "Die Fronten zwischen den Parteien sind mittlerweile zu tief", sagt Norm Ornstein, Kongress-Experte am American Enterprise Institute in Washington.
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entschuldig nicht das andere ! mehr...
Welcher berühmter US-amerikanischer Politiker (außer vielleicht Obama) war/ist nicht mit solchen Lastern (vor-)belastet? mehr...
Ebenso wahr ist aber auch sein Einsatz für "die im Schatten sieht man nicht". (Oder liege ich da völlig falsch?)Meiner Meinung nach hat er politisch jedenfalls mehr erreicht als seine Brüder - ohne der große [...] mehr...
...Teddy, das menschlich traurigste Lichtlein im sonst ja politisch ganz respektablen Kennnedy-clan, läßt die von mir sonst immer und auch weiterhin tapfer verteigten USA wohl (hoffentlich vorübergehend!) in Wunschträumen [...] mehr...
Nun ja, jedem das Seine. Wenigstens hat Kennedy darauf verzichtet, die Moralkeule zu schwingen. Im Gegensatz zu einigen seiner "hochmoralischen" Gegenspieler, die männliche Praktikanten auf der Herrentoilette [...] mehr...
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