Ankara - Die Türkei und Armenien hätten sich unter Vermittlung der Schweiz auf Verhandlungen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen geeinigt, teilten die Außenministerien der Nachbarländer am Montag in einer gemeinsamen Erklärung mit. Hierzu sollten innerhalb von sechs Wochen zwei Erklärungen unterzeichnet werden. Darüber solle nun in beiden Ländern beraten werden. Danach würden die Dokumente den Parlamenten beider Länder zur Ratifizierung vorgelegt. Wie aus Durchschriften der Papiere hervorgeht, soll innerhalb von zwei Monaten nach Inkrafttreten der Protokolle die Grenze zwischen den Ländern geöffnet werden.
Die Wurzeln des Konflikts liegen im frühen 20. Jahrhundert. In der Endphase des Ersten Weltkriegs wurden zahllose Armenier aus dem damaligen Osmanischen Reich vertrieben und getötet. Die Bewertung der Massaker war immer wieder Anlass für diplomatische Spannungen. Nach armenischer Darstellung verloren 1,5 Millionen Menschen ihr Leben im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Die Türkei betrachtet die historischen Ereignisse hingegen als Unruhen vor dem Hintergrund der Auflösung des Osmanischen Reichs. Sie hat die Verantwortung für die Tötung der Armenier stets zurückgewiesen und die genannten Zahlen als übertrieben bezeichnet.
Streitpunkt der beiden Staaten ist außerdem die Zukunft des Gebiets Berg-Karabach: Die türkische Regierung unterstützt die aserbaidschanischen Ansprüche auf die Region, die innerhalb von Aserbaidschan liegt, aber einen hohen armenischen Bevölkerungsanteil hat.
Die Bemühungen um eine Überwindung der diplomatischen Eiszeit setzten im September vergangenen Jahres ein, als der türkische Präsident Abdullah Gül zum WM-Qualifikationsspiel der armenischen Fußballnationalmannschaft gegen die Türkei nach Eriwan flog. Er war der erste türkische Präsident, der Armenien seit der Unabhängigkeit 1991 besucht hat. Die Türkei hat die Unabhängigkeit als eines der ersten Länder anerkannt, beide Staaten haben aber nie diplomatische Beziehungen aufgenommen. Die gemeinsamen Grenzen sind seit 1993 geschlossen.
Ob der Streit über die Massaker während des Ersten Weltkriegs bei den angekündigten Gesprächen thematisiert wird, war zunächst unklar. Der armenische Politikexperte Artyom Yerkanian sagte, ein Abkommen könnte im Oktober unterzeichnet werden. Am 14. Oktober steht erneut ein Fußball-WM-Qualifikationsspiel an, zu dem möglicherweise der armenische Präsident Serge Sarkisian in der Türkei erwartet wird. Bevor er der Reise zustimme, müsse es allerdings ernsthafte Fortschritte bei Gesprächen über die Grenzöffnung geben, sagte Sarkisian.
wit/AP/AFP/dpa/Reuters
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