Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub ist immer der schwerste, das gilt selbst für US-Präsidenten. Barack Obama ist aus den Kurzferien auf Martha's Vineyard nach Washington zurückgekehrt - und auf dem Schreibtisch wartete eine brandneue Analyse des Krieges, der laut "New York Times" Obamas "Vietnam" werden könnte: der Einsatz in Afghanistan.
Die Untersuchung hat es in sich. Stanley McChrystal, US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, zeigt sich in seiner aktuellen Beurteilung der Lage nach acht Jahren Krieg zwar grundsätzlich optimistisch. "Die Situation in Afghanistan ist ernst, aber ein Erfolg ist noch erreichbar", sagt der General. Doch die Strategie müsse sich drastisch ändern: Ziel solle künftig weniger sein, Taliban zu töten, als die Sicherheit im Land zu erhöhen und auf bessere Regierungsstrukturen und mehr Entwicklungshilfe zu setzen.
Aber in seinem vertraulichen Bericht, den McChrystal dem zuständigen US-Regionalkommandeur David Petraeus vorlegte und an das Pentagon in Washington und die Nato-Führung in Brüssel schickte, macht der General nach Experteneinschätzung indirekt klar: Möglich wird all dies nur mit noch mehr Soldaten sein.
Dies ist auch als Weckruf an Verbündete wie Deutschland zu verstehen, die bislang vor einer Erhöhung der Truppenkontingente zurückschrecken. Wie der SPIEGEL berichtete, werden US-Vertreter nach der Bundestagswahl von Berlin mehr Soldaten in Afghanistan verlangen. Amerikanische Diplomaten haben dies führenden CDU-Politikern bereits angekündigt. Das Bundestagsmandat begrenzt die deutsche Truppenstärke derzeit auf 4500 Soldaten. Es läuft aber im Dezember aus. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hatte bereits im vergangenen Jahr die Obergrenze des Afghanistan-Mandats von 3500 auf 6000 Soldaten erhöhen wollen. Aus Rücksicht auf die CSU und die Landtagswahl in Bayern habe er es aber bei maximal 4500 Soldaten bewenden lassen.
Der Afghanistan-Einsatz wird bei amerikanischen Wählern immer unbeliebter
Derzeit sind rund 100.000 internationale Soldaten in Afghanistan stationiert. 21.000 zusätzliche US-Soldaten hat Obama nach Amtsantritt entsandt, bald werden 68.000 Amerikaner dort im Einsatz sein.
Experten erwarten jedoch, dass weit mehr Truppen nötig sein werden, um die geplante neue Strategie durchsetzen zu können. Auch die Zahl der afghanischen Sicherheitskräfte, die unter anderem von den Deutschen ausgebildet werden, müsste dafür massiv steigen. General David Petraeus hatte für seinen Befriedungsauftrag im Irak bis zu 600.000 lokale Sicherheitshelfer zur Verfügung. Bislang können die Afghanistan-Oberbefehlshaber nur auf knapp 220.000 Einheimische in Polizei und Armee bauen, meist mäßig ausgerüstet und ausgebildet.
Die meisten Experten in Washington rechnen nun damit, dass McChrystal bald auch offiziell Obama um mehr Truppen bitten wird - und dafür mit seinem Bericht den Boden bereiten wollte. Doch der Einsatz wird bei den amerikanischen Wählern immer unbeliebter. 47 amerikanische Soldaten kamen allein im August um - der bislang blutigste Monat überhaupt für US-Truppen. Im Monat davor waren es kaum weniger. Obamas Nationaler Sicherheitsberater Jim Jones ließ in der "Washington Post" daher durchblicken, der Präsident werde nur ungern weitere Soldaten entsenden. Dessen Sprecher Robert Gibbs betonte aber, es herrsche Konsens, dass die Ressourcen in Afghanistan bislang nicht ausreichend gewesen seien.
Obama geht weiterhin auf Distanz zu Karzai
Mehr Truppen werden aber ohnehin nicht genügen. Wichtiger Bestandteil von McChrystals neuer Strategie ist der härtere Kampf gegen Korruption und für politische Reformen. Doch die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan verliefen gerade wenig ermutigend. Zwar zeichnet sich allmählich ab, dass Amtsinhaber Hamid Karzai den Vorsprung vor seinem Herausforderer Abdullah Abdullah ausbaut. Doch vor allem afghanische Frauen trauten sich wegen der Repressalien der Taliban kaum an die Wahlurnen. Berichte über Wahlfälschung und Korruption in Karzais Umfeld häufen sich.
Obama hat sich von Karzai zu Beginn seiner Amtszeit distanziert, er zögerte ein erstes Telefonat wochenlang hinaus. Aber der Präsident konnte keine Alternative präsentieren und musste doch wieder mit Karzai zusammenarbeiten. Aber auch jetzt hält sich das Weiße Haus mit offener Unterstützung zurück - so sehr, dass Karzai angeblich bei einem Treffen mit dem US-Sonderbeauftragten Richard Holbrooke in Kabul am 21. August seinem Unmut über fehlende Rückendeckung aus Washington laut Luft machte.
Der Krieg ist noch einmal blutiger geworden
"Wer auch immer gewinnt, keiner wird in der Lage sein, vernünftig zu regieren", sagt Anthony Cordesman, Afghanistan-Experte am Center for Strategic and International Studies in Washington. Der Wahlfrust könnte das Land weiter spalten und die Befriedung noch schwieriger machen - was die Unterstützung für den Militäreinsatz in den USA weiter bröckeln ließe. Der einflussreiche konservative Kolumnist George Will verlangt bereits einen Abzug aus Afghanistan. Die linke Basis der Demokraten verfolgt mit Argwohn, dass der Krieg trotz aller Ankündigungen, es werde eine neue Strategie geben, erst einmal viel blutiger geworden ist.
Obama, dem auch heftige Kämpfe im Kongress zur Gesundheitsreform und Klimaschutz bevorstehen, hat sich nach der Rückkehr aus seinen Ferien am Montag noch einmal auf den Golfplatz geschlichen. Letzte Chance auf Entspannung. Es kommen härtere Tage.
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Die Wirklichkeit ist doch die, daß sowohl OEF Truppen in AFG kämpfen und ISAF Truppen den angeblichen "Frieden" sichern, oder hab ich da was falsch verstanden? ---Zitatende--- Ich denke mal eher, Sie haben wie üblich [...] mehr...
Die Wirklichkeit ist doch die, daß sowohl OEF Truppen in AFG kämpfen und ISAF Truppen den angeblichen "Frieden" sichern, oder hab ich da was falsch verstanden? Das ISAF angegriffen hätte, habe ich nicht [...] mehr...
Einzig und allein Karsai und die seinen brauchen die Unterstützung der USA und seiner Vasallen. Gegen sie richtet sich der Hass der Afghanen genauso wie gegen die Besatzer. Die Bevölkerung Afghanistans hat sicherlich inzwischen [...] mehr...
Schlimmer als das, was jetzt in Afghanistan vorherrscht, kann es nicht werden, derweil die Afghanen die Massenvernichtungswaffen, worüber ihre Besatzer verfügen und auch einsetzen, nicht besitzen. Ein Bürgerkrieg wird überdies [...] mehr...
"Seit November 2001 beteiligt sich Deutschland unter anderem mit Seestreitkräften und Spezialkräften an der Operation ENDURING FREEDOM (OEF) zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus." (Weißbuch 2006 zur [...] mehr...
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