Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



Afghanistan

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
02.09.2009
 

Afghanistan

Westen feiert Erfolg im Opiumkrieg gegen Taliban

Von Carsten Volkery, London

Opium-Ernte in Afghanistan: "Keinen Grund zum Zurücklehnen"
Zur Großansicht
REUTERS

Opium-Ernte in Afghanistan: "Keinen Grund zum Zurücklehnen"

Der neue Opium-Bericht der Uno weckt Hoffnungen: Zum zweiten Mal in Folge sinkt die Produktion in Afghanistan, die britische Regierung spricht gar von einem "dramatischen Turnaround". Doch die Drogenbarone bleiben mächtig - und könnten den Rauschgiftmarkt jederzeit mit Tausenden Tonnen fluten.

Gute Nachrichten aus Afghanistan sind rar. 2009 ist schon jetzt das blutigste Jahr für die Isaf-Truppen am Hindukusch. Die Schlagkraft der Taliban nimmt zu, während die Zustimmung der Öffentlichkeit im Westen zu dem Auslandseinsatz stetig sinkt.

Es war daher kaum verwunderlich, dass der diesjährige Uno-Bericht über den Opiumanbau in Afghanistan von den westlichen Regierungen begierig aufgenommen und verbreitet wurde. Britische Regierungsvertreter sprachen in London von einem "dramatischen Turnaround in Helmand", dem Herz der afghanischen Opiumproduktion.

Die Schlafmohn-Anbaufläche sei im Vergleich zum vergangenen Jahr landesweit um 22 Prozent gesunken, steht in dem "Afghanistan 2009 Opium Survey", der am Mittwoch in Kabul vorgestellt wurde. 20 der 34 afghanischen Provinzen gelten nun als "Opium-frei". 2008 waren es erst 18, im Jahr davor 13.

Im zweiten Jahr in Folge konnte die Opiumproduktion in Afghanistan damit gesenkt werden. Es gebe "unbestreitbare Fortschritte", sagte Antonio Mario Costa, Direktor des Uno-Büros für Drogen und Kriminalität (UNODC). "Allmählich beginnt der afghanische Opiummarkt auszutrocknen."

Erfolg in der Opium-Hochburg

Der größte Erfolg wurde in der von den Briten patrouillierten Provinz Helmand erzielt, wo zwei Drittel des afghanischen Opiums herkommen. Hier ging die Anbaufläche überdurchschnittlich um 33 Prozent zurück. Im Vorjahr war sie nur marginal gesunken, weil Briten und Amerikaner zu sehr mit Militäroffensiven gegen die Taliban beschäftigt waren. Auf dem Nato-Gipfel in Budapest im vergangenen Oktober hatten die Alliierten dann beschlossen, sich stärker auf die Bekämpfung des Opiumanbaus zu konzentrieren. Seither wurden 89 Operationen speziell gegen Labore und Drogenbarone durchgeführt.

Die Rolle des Opiums im Afghanistankrieg kann kaum überschätzt werden. Es ist die wichtigste Geldquelle der Taliban, jährlich bringt ihnen der Drogenhandel nach Uno-Schätzungen 100 Millionen Dollar ein. Es gebe regelrechte "Drogenkartelle" mit Beziehungen zu den Taliban, sagte UNODC-Chef Costa. 90 Prozent des Opiums der Welt werden in Afghanistan hergestellt.

Laut britischen Regierungsvertretern ist der Rückgang der Opiumproduktion auf mehrere Faktoren zurückzuführen: Preisverfall auf den Märkten gekoppelt mit Alternativ-Angeboten für Bauern und aggressiverer Strafverfolgung. Besonders Briten und Amerikaner gehen härter gegen die Drogenbarone vor.

Hoffen auf die "Food Zones"

Ein Coup gelang den Briten im Februar, als sie am Flughafen in Herat Haji Abdullah festnehmen konnten, den Kopf des drittgrößten afghanischen Drogenrings. Vor wenigen Wochen wurde er von einem afghanischen Gericht zu 20 Jahren Haft und einer Geldstrafe von zehn Millionen Dollar verurteilt. Gefängnisstrafen von 15 Jahren oder mehr sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Die britische Regierung sieht dies als Bewies, dass die afghanische Justiz allmählich wirksamer werde. Sie führt dies auch darauf zurück, dass Richter und Staatsanwälte besser vor Racheakten geschützt würden.

Großbritannien ist in der westlichen Allianz die "lead nation" für die Drogenbekämpfung. Die Soca, vor einigen Jahren als britisches Pendant zur amerikanischen Bundespolizei FBI gegründet, berät seit 18 Monaten die afghanischen Behörden und hat die nationale Anti-Drogen-Polizei (CNPA) mit aufgebaut. Diese ist inzwischen in allen 34 Provinzen vertreten - ihre Operationsstärke variiert jedoch beträchtlich. In Helmand ist nur eine der kleineren Einheiten aktiv. Schmiergelder bleiben das große Problem, die Drogenbarone können sich meist freies Geleit kaufen. Ziel der westlichen Helfer ist, korruptionsfreie Spezialeinheiten aufzubauen.

Als weiterer Erfolgsfaktor gilt das "Food Zone"-Programm. Der Gouverneur von Helmand, Gulab Mangal, ließ Getreidesamen an 32.000 Haushalte verteilen, um Bauern eine Alternative zum Mohnanbau zu bieten. Tatsächlich ging der Mohnanbau in den "Food Zones" zurück. Außerhalb stieg er jedoch an - ein Zeichen, dass Opium für die Bauern eine attraktive Einnahmequelle bleibt.

Noch ein Trend beunruhigt Beobachter: Die Produktivität der Pflanzen erhöht sich. So mag die Anbaufläche dieses Jahr um 22 Prozent zurückgegangen sind, die Opiumproduktion sank jedoch nur um zehn Prozent. Ob sie auch nächstes Jahr noch schrumpft, wagt niemand vorherzusagen.

Gigantische Opium-Vorräte

Immer noch produziert Afghanistan dem Uno-Bericht zufolge deutlich mehr Opium, als die Welt überhaupt konsumiert. Auf 6900 Tonnen wird die diesjährige Produktion geschätzt. Die Nachfrage auf dem Weltmarkt liegt seit Jahren konstant bei 5000 Tonnen im Jahr. Zudem lagern nach Uno-Schätzung noch 10.000 Tonnen in Afghanistan - gebunkert, damit die Preise nicht noch weiter fallen. Costa sprach von einer "Zeitbombe" und forderte, die Vorratslager aufzuspüren.

Diese Zahlen relativieren die Erfolgsmeldungen der Drogenbekämpfer: Bei allen Operationen in Helmand zusammen wurden gerade einmal 70 Tonnen Opium sichergestellt. In London hieß es daher, der Kampf gegen die Drogenbarone müsse mit unverminderter Härte fortgesetzt werden. Auch andere Nato-Partner müssten sich verstärkt engagieren. Es gebe "keinen Grund zum Zurücklehnen".

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Hintergründe, Artikel, Fakten

finden Sie auf den Themenseiten zu...


FORUM

Afghanistan - Demokratisierung oder Taliban-Terror? Diskutieren Sie mit anderen Lesern!









Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern