Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



Libyen

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
02.09.2009
 

Gaddafis Revolutionsfeier

Die Welt, wie sie dem Diktator gefällt

Aus Tripolis berichtet Matthias Gebauer

Große Militärparade, Kampfjets und eine völlig verklärende History-Show: Der 40. Jahrestag der Machtergreifung war der große Tag für Muammar al-Gaddafi. Für Hunderte Millionen Dollar ließ der Diktator ein Fest inszenieren, bei dem die lästige Realität nicht störte.

Phillipe Skaff war nach dem großen Finale zwar leicht verschwitzt aber happy. Mit einer riesigen Zigarre stand der Chefplaner der globalen PR-Firma Grey gestern Nacht hinter der riesigen Bühne, die seine Leute in Libyens Hauptstadt aufgebaut hatten. Skaff war froh, sagte er, dass die Show, für die er monatelang gearbeitet hatte, "erfolgreich abgelaufen" war. "Wir haben es geschafft, Libyen zum ersten Mal in einem ganz anderen Licht darzustellen", so der PR-Guru, "dies ist der Anfang einer großen Chance für eine friedliche Zukunft, für eine neue Brüderlichkeit".

Kaum hatte Skaff den bedeutungsschwangeren Satz gesagt, zog seine eigene PR-Dame die Reißleine. Aussagen über den politisch heiklen Hintergrund der Hunderte Millionen Dollar teuren Image-Show für den libyschen Despoten Muammar al-Gaddafi sind unerwünscht. Kürzlich hatte Skaff kühn prophezeit, die von ihm geplante Party zum 40. Jahrestag der Machtergreifung von Muammar al-Gaddafi werde ein "Wendepunkt" für das sich langsam öffnende Land und noch mehr für den trotz allen Besserungsbeteuerungen immer noch ziemlich verrufenen Despoten.

Gaddafi selbst hätte Skaffs Satz nach Ende des rund zehnstündigen Feier-Marathons vermutlich unterschrieben. Gerade eben war über dem Hafen der Hauptstadt ein Feuerwerk, das man sonst nur bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften sieht, für ihn abgefackelt worden, da drängten seine zahllosen Bodyguards ihn sanft zur Limousine. Gaddafi aber schien gar nicht gehen zu wollen, er genoss den Auftritt, manchmal zuckte sogar ein Lächeln über sein sonst maskenhaftes Gesicht.

Eliteeinheinheiten und Militärkapellen aus ganz Afrika

Was am Jahrestag von Gaddafis Machtübernahme mit Hilfe von Dutzenden ausländischer Event-Experten inszeniert wurde, war in der Tat der Traum eines Diktators: Ein rauschendes Fest, an dem sich am meisten Gaddafi selber erfreute, und bei dem sein Volk stets auf Sicherheitsabstand gehalten wurde. Vor allem aber war es eine Zehn-Stunden-Party, bei der Gaddafi getreu seiner eigenen Wahrnehmung einzig als revolutionärer und milder Führer dargestellt wurde, stets nur das Beste für sein Land im Sinn. Wenigstens einen Tag lang war die Welt so, wie sie Gaddafi gefällt.

Die lästige Vergangenheit, der von Gaddafi gesteuerte Staatsterrorismus, seine Sehnsucht nach Massenvernichtungswaffen, all das gehörte am großen Feiertag nicht zur dieser gewünschten Realität. Selbst Gaddafis Kehrtwende, sein Abschwören vom Terror, seine neue Kooperation mit dem Westen, die milliardenschweren Abfindungen für Terroropfer, die er für seine Rückkehr auf die Weltbühne zahlte, nichts davon wurde auch nur angedeutet. Vielmehr sonnte sich Gaddafi in der gekauften Inszenierung als sanfter und weiser Landesvater.

Begonnen hatte das Spektakel mit einer rund fünfstündigen Militärparade auf dem Platz der Märtyrer. Aus ganz Afrika hatten die Organisatoren Militärkapellen und Eliteeinheiten rangekarrt, die vor einer riesigen Ehrentribüne mit Gaddafi in der ersten Reihe marschierten. Immer wieder donnerten französische "Mirage"-Jets im Tiefflug über die Szenerie, die vor allem den angereisten afrikanischen Machthabern als zukünftige Spielzeuge ihrer Macht imponierten. Gaddafi nahm die Parade immer wieder salutierend ab, ganz so, als ob er alle Armeen Afrikas befehlige.

Zu Gast: Ein Diktator und ein gesuchter Kriegsverbrecher

Die wirkliche Show aber stand erst in der Nacht an. Nach einem von Hunderten französischen Köchen zubereiteten Gala-Dinner versammelten sich die rund 300 Ehrengäste gemeinsam mit Gaddafi vor einer 120 Meter breiten Bühne für die von der Firma Grey und den Event-Experten Public Systems organisierte "Celebration". An Größenwahn war der Aufwand kaum zu übertreffen - die Ausmaße des rund zweistündigen Entertainment-Dauerfeuers entsprachen einem Rockkonzert von Madonna oder Michael Jackson während seiner erfolgreichsten Zeit.

Doch statt mit Hunderttausenden Libyern, die der Despot so gerne seine Brüder und Schwestern nennt, saß Gaddafi wie in einem privaten Garten-Kino mit seinen wenigen Freunden vor der gigantischen Bühne mitten in der Hauptstadt. Aus Simbabwe war der berüchtigte Diktator Robert Mugabe eingeflogen und aus dem Sudan der weltweit gesuchte Umar al-Baschir. Am Nachmittag hieß es sogar, einer der bekanntesten Köpfe somalischer Piratenbanden sei ebenfalls in Tripolis für das Fest eingetroffen, was jedoch niemand bestätigen konnte.

Aus dem westlichen Ausland war fast niemand angereist, nach dem Eklat um den frenetischen Empfang für den Lockerbie-Bomber Ali al-Mikrahi schickten selbst Libyen-Freunde wie Italien nur den Botschafter, Frankreich zumindest einen Top-Beamten aus dem Außenamt. Einziger europäischer Präsident war der aus Malta, später am Abend tauchte auch noch Julia Timoschenko aus der Ukraine auf. Aus Deutschland kam der ebenfalls leicht exzentrische Prinz Ernst August, sicherlich an Libyen interessierte Wirtschaftsbosse blieben fern.

Umfassende Verklärung der Geschichte

Die Show mit Hunderten Tänzern, sagenhafter Akrobatik, ausgetüftelter Laser-Show und imposanter Musik wirkte dann auch wie eine absurde Mega-Werbeveranstaltung, die fernab der Wirklichkeit die Traumwelt Gaddafis in einem viel zu großen Format abbildete. Nach einem kurzen Exkurs in die Geschichte ging es eigentlich nur noch um ihn - oder besser, wie er sich gerne sehen will. Auf meist mehr als 20 Jahre alten Aufnahmen wurde sein Weg an die Macht wie ein Märchen erzählt, in dem der Held, meist von einer Bühne oder auf der Straße, die Huldigungen seines Volks genießt.

"Umfassend" solle die komplexe Vergangenheit Libyens erklärt werden, hatte Planer Skaff noch vor Wochen angekündigt. Doch die dunklen Seiten von Gaddafis Machenschaften wurden aus der Geschichte getilgt. Nach und nach, das sagen jedenfalls Mitarbeiter von Grey, hätten die Berater Gaddafis alle zweifelhaften Passagen aus der Show streichen lassen. Die von Libyen organisierten Anschläge wie auf die Berliner Discothek "La Belle" oder den 747-Jet über Lockerbie fehlten so natürlich in der revolutionär verklärenden History-Show für den Despoten.

Die Gaddafi-Feier wird noch für Aufregung sorgen. Vor allem in Großbritannien und den USA taugen die in die Helden-Choreografie implementierten Bilder des Lockerbie-Attentäters für derbe Schlagzeilen. Auch dass die US-Bombenattacken auf Libyen im Jahr 1988, die Ronald Reagan damals als Vergeltung für den "La Belle"-Anschlag befahl, plump als rein "amerikanische Aggression" dargestellt wurden, ebenso das spätere Uno-Embargo gegen den Wüstenstaat, bestätigt nicht das Bild eines geläuterten Despoten sondern vielmehr, dass Gaddafi sich kaum geändert hat.

Feier ohne Volk

Für Gaddafi sieht die Bilanz wohl anders aus. Minutenlang sonnte er sich in der Aufmerksamkeit der vielen westlichen Journalisten, die sein Regime freizügig wie selten ins Land ließ. Er liebte die Aufmerksamkeit, das Gefühl, dass er wichtig ist. Auch die Professionalität der Produktion wird Folgen zeigen. Statt unscharfer Bilder vom libyschen TV gab es von dem Event ohne Gebühr Livebilder von beweglichen Kränen und mehreren Hubschraubern. Was die Kommentatoren auf die Bilder texten, ist Diktator Gaddafi ziemlich egal - Hauptsache, sein Konterfei geht um die Welt.

Vor allem die Bilder aus den Hubschraubern, die ein grün erleuchtetes Tripolis zeigen, werden dem Diktator in der Nachschau sicher gut gefallen. Von den angekündigten 300.000 Libyern allerdings war in der Stadt wenig zu sehen. Einige tausend wurden erst nach Beginn der Show hinter einen Zaun ins Zentrum gelassen, dort konnten sie die Mega-Party ihres Führers verfolgen. Ansonsten aber feierte der Diktator sich selbst weitgehend allein. Die beschworene goldene Zukunft Libyens, sie beginnt wohl frühestens nach dem Ende der Ära von Gaddafi.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Hintergründe, Artikel, Fakten

finden Sie auf den Themenseiten zu...











Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern