Von Carsten Volkery, London
Die Entscheidung hat einen Nerv in der britischen Öffentlichkeit getroffen. Schon zwei Wochen ist es her, dass der schottische Justizminister Kevin MacAskill den todkranken -Attentäter Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi aus humanitären Gründen aus einem Glasgower Gefängnis entließ - doch die Aufregung ebbt nicht ab.
Die oppositionellen Konservativen und Liberaldemokraten im britischen Unterhaus laufen Sturm, das schottische Parlament erklärt die Entscheidung im Nachhinein für falsch, die meisten Medien und selbst Mitglieder der in London regierenden Labour-Partei gehen auf Distanz. Die Freilassung fühle sich "nicht richtig" an, sagt die frühere Innenministerin Jacqui Smith.
Das Unverständnis rührt daher, dass Mikrahi der Einzige ist, der je für den Terroranschlag auf den Pan-Am-Flug 103 verurteilt wurde. Bei der Explosion über dem schottischen Ort Lockerbie 1988 waren 270 Menschen gestorben. Den Massenmörder nach nur acht Jahren aus dem Gefängnis zu entlassen, erscheint der Mehrheit der Briten als ungerecht. Der Heldenempfang für Mikrahi in seiner Heimat wurde als Provokation empfunden - ebenso wie die Videobilder bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der "Revolution" des greisen Muammar al-Gaddafi am Dienstag.
Vor allem erhitzen sich die Gemüter auf der Insel jedoch an der Frage, ob die Freilassung tatsächlich aus rein humanitären Gründen erfolgte oder aber noch andere Motive mit hineinspielten. Zwar scheint sich der Zustand des krebskranken Mikrahi tatsächlich dramatisch verschlechtert zu haben - er wurde am Mittwoch in Tripolis auf die Intensivstation verlegt und liegt laut "Times" im Sterben -, doch es bleiben jede Menge Fragezeichen.
Zu kurz war die Zeitspanne zwischen Mikrahis Freilassung und einem lukrativen Förder-Deal zwischen Libyen und dem britischen Ölkonzern BP. Zu verdächtig war das Treffen des britischen Wirtschaftsministers und Vizepremiers Peter Mandelson mit Gaddafis Sohn Saif al-Islam in einer Ferienvilla auf Korfu unmittelbar vor der schottischen Entscheidung.
Ein wenig nachgeholfen?
Als dann in den vergangenen Tagen auch noch Schriftstücke auftauchten, in denen die britische Regierung der libyschen Seite signalisierte, man wolle den krebskranken Mikrahi lieber nicht im schottischen Gefängnis sterben sehen, ergab sich schon ein recht deutliches Bild. Offensichtlich war die Londoner Regierung doch nicht so neutral, wie sie selbst behauptete, sondern hatte aus nationalen wirtschaftlichen Interessen der Entscheidung des schottischen Justizministers ein wenig nachgeholfen. So stand es zumindest in den Zeitungen.
Premierminister Gordon Brown hat deshalb ein Problem - denn genau dies hatte er stets weit von sich gewiesen. Mit der Freilassung Mikrahis habe London nichts zu tun, die Entscheidung liege allein in den Händen der unabhängigen schottischen Justiz, hatte er argumentiert. Praktischerweise konnte er so auch die Proteste aus den USA und Israel gegen die Freilassung des verurteilten Terroristen an die Verantwortlichen in Edinburgh umleiten.
"Es gab keine Verschwörung, keine Vertuschung, keine Doppelzüngigkeit, keinen Öl-Deal, keinen Versuch, die schottischen Minister zu beeinflussen, keine privaten Versprechen von mir an Oberst Gaddafi", bekräftigte Brown bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Sommerurlaub am Mittwoch.
Gaddafi dankt "meinem Freund Brown"
Doch obwohl das Dementi kaum umfassender hätte ausfallen können, bleiben Zweifel. Zum einen brüsten sich die Libyer damit, dass der Fall Mikrahi bei allen Geschäftsverhandlungen mit den Briten in den vergangenen Jahren zur Sprache gekommen sei. Gaddafi hatte gleich nach der Freilassung Mikrahis nicht etwa dem schottischen Justizminister, sondern "meinem Freund Brown" gedankt. Zum anderen würden die Schotten eine Entscheidung von solch außenpolitischer Tragweite wohl kaum treffen, ohne sich der Rückendeckung aus London gewiss zu sein.
Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Labour-Premier für Gaddafi einsetzt. Browns Vorgänger Tony Blair hatte 2003 den damaligen Paria aus der Isolation in die internationale Staatengemeinschaft zurückgeholt. Gaddafi musste versprechen, sein Nuklearprogramm aufzugeben und den Kampf gegen den Terror zu unterstützen, dafür öffnete Blair ihm das Tor zum Westen. Es war ein diplomatischer Coup, und seither ist die Regierung in London einer der ersten Ansprechpartner Libyens. Der Handel zwischen beiden Ländern boomt, man will gemeinsam in die Zukunft blicken.
Die Schlüsselfigur im britisch-libyschen Verhältnis ist der anglophile Gaddafi-Sohn Saif al-Islam, der an der London School of Economics studiert und kürzlich eine Luxusvilla in London gekauft hat. Er betrieb 2003 im Namen seines Vaters die Annäherung an den Westen. Sein Gesprächspartner auf britischer Seite war Mark Allen, damals oberster Terrorbekämpfer des Auslandsgeheimdienstes MI6. Inzwischen ist Allen Berater bei BP. Es sind Personalien wie diese, die stutzig machen.
Kommentatoren werfen Brown "moralische Eitelkeit" vor
Brown und seine Unterstützer tun den Vorwurf, bei der Mikrahi-Begnadigung gehe es um Öl und britische Geschäftsinteressen, als Verschwörungstheorie ab. Tatsächlich gibt es keine harten Beweise. Doch ergeben die bisher vorhandenen Indizien zu Browns Verdruss ein durchaus plausibles Bild. Die in den vergangenen Tagen veröffentlichten Briefe zeigen, dass Briten wie Libyer den Gefangenen als wichtige "Verhandlungsmasse" sahen.
Insbesondere in den USA, woher viele der Lockerbie-Opfer stammten, sorgt Browns Krisenmanagement für Irritationen: Zunächst hatte er zwei Wochen lang geschwiegen und den Eindruck erweckt, er sei - wie die US-Regierung - gegen die Freilassung Mikrahis. Nach der Veröffentlichung verschiedener Regierungsdokumente war er nun aber doch gezwungen zu erklären, er unterstütze die schottische Entscheidung. Die Opposition bezichtigte den britischen Premier der "Doppelzüngigkeit", weil er den USA gegenüber anders geredet habe als gegenüber Libyen.
Aus Sicht vieler Kommentatoren bestätigt die Episode, dass Brown wie sein Vorgänger Blair gern nach außen ein ethischen Ideal vor sich herträgt, aber im Verborgenen vor schmutzigen Deals nicht zurückschreckt. "Ihre moralische Eitelkeit ist so groß, dass sie es nie zugeben könnten, dass ihre Verhandlungen über Mikrahi nichts mit Gerechtigkeit zu tun hatten, sondern mit traditioneller Realpolitik, die eine Tory-Regierung wohl ohne Scham eingestehen würde", kommentierte Dominic Lawson im "Independent".
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Haben Sie Angst vor irgendwelchen "Keulen"? Sodass Sie nicht sagen dürfen, welcher Staat hier mit dem Säbel rasselt? If you know what I mean ;-) Der Staat, den ich meine, ev. der gleiche, den Sie meinen, steht [...] mehr...
Nur komisch, dass Alexander der Große in einem kurzen Leben eine höchst fruchtbare Verbindung europäischer und orientalischer Kultur erzielte, die allerdings auch damals von vielen seiner Landsleute nicht begriffen wurde! Vom [...] mehr...
Das brauche ich nicht sagen zu wollen, das ist Fakt. http://en.wikipedia.org/wiki/Pan_Am_Flight_103 http://www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/crime/article7149108.ece [...] mehr...
Darf ich Sie daran erinnern, dass Libyen zwei Geiseln hatte? Was hätte die Schweiz denn tun sollen? Einmarschieren? Wohl kaum... Botschaft schliessen? Dann würden die beiden Geiseln für immer und ewig in üblen Gefängnissen [...] mehr...
Grüne Ideologie kann unter Umständen recht zielorientiert und auch sehr gewinngringend sein, oder:-) mehr...
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