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06.09.2009
 

Afghanistan

Nato geht von 125 Toten durch Tanklastzug-Attacke aus

Afghanistan: Blutiger Angriff gegen Taliban
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dpa

Wie viele Menschen starben bei dem von Deutschland angeforderten Angriff auf zwei Tanklastwagen in Afghanistan? Die Nato geht von 125 Opfern aus, mindestens zwei Dutzend Tote sollen Zivilisten gewesen sein. Die Bundeswehr gerät durch diese Version in Bedrängnis.

Kunduz - Die US-Kampfflugzeuge vom Typ F-15E hatten schwere Waffen an Bord. Zwei Bomben von jeweils 500 Pfund warfen sie am Freitagmorgen um 2.32 Uhr in Nordafghanistan ab. Die Bomben fanden ihr Ziel: zwei von den Taliban gekaperte Tanklastwagen. Der Feuerball war kilometerweit zu sehen. Ein Offizier der Bundeswehr in Kunduz hatte den Angriff angefordert - im deutschen Lager fürchtete man, dass die Tankwagen für Attentate auf Polizeistationen oder das deutsche Feldlager eingesetzt werden sollten.

Unklarheit herrscht noch immer über die Zahl der Opfer - und darüber, ob auch Zivilisten ums Leben kamen. Die Bundeswehr sprach bislang von 56 Toten, bei den Opfern habe es sich um Kämpfer gehandelt, nicht um Unschuldige.

Erste Erkenntnisse eines nach Afghanistan geschickten Nato-Untersuchungsteams lassen nun Zweifel an der von der Bundeswehr genannten Opferzahl aufkommen. Einem Bericht der "Washington Post" zufolge kamen bei dem Angriff 125 Menschen ums Leben. Mindestens zwei Dutzend der Toten seien keine Aufständischen gewesen, heißt es in dem Bericht. Die genaue Zahl der Opfer wird sich vermutlich nie ermitteln lassen. Als am Freitag Mittag die ersten deutschen Soldaten am Ort der Attacke eintrafen, waren viele Leichen - gemäß der islamischen Tradition - bereits beerdigt.

Taliban sollen Dorfbewohner zur Hilfe gezwungen haben

Die "Washington Post" zitiert einen afghanischen Geschäftsinhaber, der nach eigenen Angaben sechs Cousins bei dem Angriff verlor. Keiner von ihnen sei ein Aufständischer gewesen, sagte Mirajuddin. Die Taliban seien ins Dorf gekommen und hätten die Anwohner gezwungen, dabei zu helfen, die feststeckenden Fahrzeuge wieder freizubekommen.

"Sie kamen zu jedem Haus", sagte Mirajuddin, "sie fingen an, Leute zu schlagen, zeigten ihre Gewehre." Die Dorfbewohner sollten Maschinen einsetzen, um die Lastwagen aus dem Schlamm zu schleppen. "Bringt eure Traktoren und helft uns. Was konnten wir da tun?" Ein zehnjähriger Junge, der von einem Bombensplitter am Bein verletzt worden war, sagte, er sei aus Neugier auf einem Esel zu den Tanklastern geritten.

Verteidigungsministerium bezweifelt Opferzahlen

Das Verteidigungsministerium wies die Zahl von bis zu 125 Toten am Sonntag entschieden zurück. "Die Zahlen sind absolut nicht nachvollziehbar", sagte Ministeriumssprecher Thomas Raabe. "Wir haben weiterhin keine Erkenntnisse über getötete Zivilisten." Bei dem Angriff sei nicht gegen Isaf-Regeln verstoßen worden. Die Szenerie sei über eine längeren Zeitraum beobachtet worden, erst nach Auswertung "mehrerer Aufklärungsmittel" sei die Entscheidung gefallen, Luftunterstützung anzufordern.

Laut "Washington Post" wurde die Entscheidung zum Angriff zum großen Teil aufgrund der Einschätzung eines einzigen Informanten getroffen. Ein afghanischer Informant habe der Bundeswehr berichtet, dass sich in der Nähe der Tanklastzüge ausschließlich Taliban aufhielten. Ein hoher Bundeswehroffizier in Kunduz wies das zurück. Es habe mehrere Quellen gegeben, versicherte der Offizier.

US-Konteradmiral Gregory Smith, der Sprecher von Nato-Kommandeur Stanley McChrystal, sagte am Sonntag, die Nachtaufnahmen der F-15E-Maschinen seien von geringer Qualität gewesen. "Man kann nur Schatten sehen."

Die Nato will auch untersuchen lassen, inwieweit Kommunikationsprobleme zwischen Bundeswehrsoldaten und den US-Streitkräften bei dem Angriff eine Rolle gespielt haben. Es müsse ermittelt werden, ob es Sprachbarrieren zwischen den deutschen Kommandeuren in Kunduz und den US-Piloten gegeben habe.

McChrystal besucht Opfer im Krankenhaus

McChrystal war am Samstag nach Afghanistan gereist, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. "Jedesmal, wenn jemand verletzt wird, gibt dies für alle Anlass zur Besinnung", sagt McChrystal bei seinem Besuch im Krankenhaus, "besonders wenn es noch sehr junge Leute, sogar Kinder sind." Es sei die Verantwortung des Nato-Kommandos, die Afghanen zu beschützen.

Als McChrystal im Juni das Kommando in Afghanistan übernahm, gab er als Ziel aus, die Zahl der zivilen Opfer zu verringern. "Von dem, was ich heute gesehen habe, ist es für mich klar, dass Zivilisten an diesem Ort zu Schaden kamen", sagt McChrystal den ihn begleitenden Journalisten.

Nach der neuen taktischen Anweisung der Nato sollen die Isaf-Länder Luftangriffe nur als letztes Mittel anordnen. Legitim sind solche Angriffe etwa dann, wenn es ein hohes Risiko für Tote unter den eigenen Soldaten gibt.

Der Uno zufolge starben von Januar bis Ende Juli rund 200 Zivilisten bei Luftangriffen der Isaf. Luftangriffe bleiben danach neben Selbstmordattacken der Taliban die Hauptursache für Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Der Militärangriff auf die Tankfahrzeuge stieß auf internationale Kritik. Der französische Außenminister Bernard Kouchner bezeichnete den Einsatz als "großen Fehler". Und die für Außenpolitik zuständige EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner sprach von einer "großen, großen Tragödie".

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung wies derartige Kritik zurück. Er habe "überhaupt kein Verständnis" für jene Stimmen, die ohne Kenntnis der Sachlage und der Hintergründe bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt Kritik an dem militärischen Vorgehen üben, sagte der CDU-Politiker der "Bild am Sonntag".

hen/dpa/AP/Reuters

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Also in der Gegend um Kunduz gibt es keinen Krieg? Interessant! mehr...

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