Luftschlag in Afghanistan
Viele Opfer, viele Fragen
Von Anja Herr und Christian Teevs
EU-Politiker nennen es "eine Tragödie", Verteidigungsminister Jung spricht von einem militärischen Erfolg: Noch sind viele Details des Luftangriffs auf zwei Tanklaster in Nordafghanistan ungeklärt. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die wichtigsten Fragen - und die bisherigen Antworten.
Berlin - Warum hat Bundeswehr-Oberst Georg Klein das Bombardement der Tanklaster befohlen? Wie viele Menschen wurden getötet? Und wie läuft die Untersuchung in Afghanistan ab? Der Luftangriff in der Provinz Kunduz hat die Debatte über den Auslandseinsatz der Bundeswehr angeheizt. Am Wochenende gab es zudem deutliche Kritik von Verbündeten aus den USA und Europa.
Viele Fragen lassen sich nach wie vor nicht endgültig beantworten, die Aussagen von Bundesregierung, Nato und afghanischer Regierung widersprechen sich. Die Untersuchung des Vorfalls wird sich vermutlich noch lange hinziehen.
SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über die bislang bekannten Details des Luftangriffs, die Hintergründe und politischen Implikationen.
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BERICHT DER "WASHINGTON POST": WAS PASSIERTE IN KUNDUZ?
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Unabhängig von der politischen Diskussion ist noch immer nicht klar, was in der Nacht auf Freitag genau passiert ist: Wie gefährlich war die Situation für die Bundeswehr - und wie viele Menschen, wie viele Zivilisten starben?
Nach den bisherigen Erkenntnissen ließ die Bundeswehr am 3. September einen illegalen Kontrollpunkt der Taliban sieben Kilometer süd-westlich des deutschen Camps in Kunduz beobachten. In der Nacht zu Freitag brachten radikalislamistische Kämpfer dort zwei beladene Tanklastzüge in ihre Gewalt. Die beiden Fahrer wurden nach Angaben der Polizei geköpft. Der verantwortliche deutsche Kommandeur, Oberst Georg Klein, forderte daraufhin laut "Washington Post" einen amerikanischen B-1B-Bomber an, um nach den Transportern zu suchen.
Entdeckt wurden die Fahrzeuge schließlich, im Schlamm festgefahren, in einem Flussbett - sechs Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt. Nach Angaben der "Washington Post" konnte die Crew Männer mit Panzerfäusten und anderen kleineren Waffen erkennen. Dann drehte die Maschine ab, wegen Treibstoffmangels.
Laut Nato forderten die Deutschen daraufhin F-15E-Kampfjets an. Eine halbe Stunde später, etwa 2.20 Uhr am Freitagmorgen, waren die Maschinen vor Ort. Die Besatzung übertrug Live-Bilder in das deutsche Kommandozentrum. Zugleich versicherte ein Informant telefonisch, bei allen Umstehenden handele es sich um Taliban. Laut "Washington Post" waren auf den Luftaufklärungsbildern etwa hundert Menschen zu sehen gewesen. Die Frage ist, wer waren diese Menschen?
In der "Washington Post" heißt es, die Taliban hätten Dorfbewohner mit Waffengewalt zur Hilfe gezwungen, um die feststeckenden Fahrzeuge wieder freizubekommen. "Sie kamen zu jedem Haus", wird ein Geschäftsmann zitiert, "sie fingen an, Leute zu schlagen, zeigten ihre Gewehre."
US-Konteradmiral Gregory Smith, Sprecher von Nato-Kommandeur Stanley McChrystal, erklärte inzwischen dazu, die Nachtaufnahmen seien von geringer Qualität gewesen. "Man kann nur Schatten sehen."
Gegen 2.30 Uhr gab der deutsche Kommandeur in Kunduz den Befehl zum Luftschlag. Zwei Minuten später trafen die Bomben. Auf den Bildschirmen in der Kommandozentrale der Deutschen war die riesige Explosionswolke zu sehen. Der Feuerball leuchtete kilometerweit. Einige kleine Punkte, die wenigen Überlebenden, waren noch auf dem Bildschirm zu sehen. Es sei zu erkennen gewesen, heißt es bei der "Post", wie sie sich langsam von der Stelle wegbewegten.
Stunden später, um 6 Uhr deutscher Zeit, veröffentlichte die Bundeswehr auf ihrer Internetseite die Mitteilung: "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kunduz". Entgegen der Direktive des Isaf-Kommandeurs McChrystal schickten die Deutschen laut "Washington Post" zunächst kein Erkundungsteam los, am Morgen wurde ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug gestartet, das Fotos schoss. Thomas Raabe, Sprecher des Verteidigungsministeriums betonte später, deutsche Soldaten seien auf dem Weg zu dem Ort von Aufständischen angegriffen worden.
Erst um 12.30 Uhr trafen die ersten deutschen Soldaten am Ort des Geschehens ein und begannen mit der Untersuchung. Zu diesem Zeitpunkt waren die Leichen - gemäß islamischer Tradition - bereits weggebracht worden.
Die Bundeswehr spricht bislang von 56 Toten - Verteidigungsminister Jung beruft sich dabei auf den Gouverneur von Kunduz. "Der Bericht sagt, dies seien Taliban", so Jung. Die "Washington Post" berichtet unter Berufung auf ein Nato-Untersuchungsteam von 125 Toten. Mindestens zwei Dutzend der Toten seien keine Aufständischen gewesen.
Dass die Staatsanwaltschaft Potsdam nun prüfe, ob ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts gegen den deutschen Oberst eingeleitet werden müsse, hält Jung nicht für "sachgerecht". Der Mann habe eindeutig Gefahr für seine Soldaten abwenden müssen, so der Minister.
Die genaue Zahl der Opfer wird sich vermutlich nie ermitteln lassen.
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