Von Ulrike Demmer und Shoib Najafizada, Kabul
Berlin/Kunduz - War der von einem deutschen Offizier angeforderte Luftangriff auf zwei von Taliban gekaperte Tankfahrzeuge im Norden Afghanistans ein richtiges und angemessenes Manöver - oder ein "großer Fehler", wie beispielsweise Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sagte? Seit Tagen steht die Bundeswehr in der Kritik - jetzt bekommt sie Rückendeckung. Der Gouverneur der afghanischen Provinz Kunduz bezeichnete das Vorgehen der Deutschen als vorbildlich. Der zuständige Oberst Georg Klein habe "die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit getroffen und dabei sehr besonnen gehandelt", sagte Mohammed Omar dem SPIEGEL.
Omar stattete dem deutschen Kommandeur in Kunduz am Montag einen Besuch im Camp ab. Ob und wie viele zivile Opfer zu beklagen seien, konnte der Gouverneur nicht sagen, "aber die Deutschen haben die volle Unterstützung der Bevölkerung. Bei uns sind keine Beschwerden über zivile Opfer eingegangen, wie das sonst in solchen Fällen üblich ist." Augenzeugen hätten berichtet, es seien 60 bewaffnete Taliban vor Ort gewesen und 15 bis 20 weitere Personen. "Aber nachts um halb drei traut sich in dieser Gegend, die über vier Kilometer vom nächsten Dorf entfernt ist, kein normaler Zivilist auf die Straße", sagte Omar. Wer sich bei den Tanklastern aufgehalten habe, müsse kriminell oder Unterstützer der Taliban gewesen sein. Die Kritik der Amerikaner komme wohl eher aus dem Bauch heraus, sagte Omar: "Wahrscheinlich haben die Amerikaner nicht gut gegessen und schlecht geträumt."
"Mein Sohn ist verbrannt"
Unklar ist weiterhin, wie viele Menschen bei dem Nato-Luftangriff ums Leben kamen - und ob es auch zivile Opfer gab. Die Bundeswehr spricht bislang von 56 getöteten Taliban, es gebe aber keine "konsolidierten Erkenntnisse" über zivile Opfer, wie Thomas Raabe, Sprecher des Verteidigungsministeriums, am Montag sagte. Die "Washington Post" hatte dagegen am Sonntag unter Berufung auf Ergebnisse eines Untersuchungsteams der Nato von bis zu 125 Toten berichtet, unter den Opfern seien auch Zivilisten.
Ghulam Mahyodin, ein Mann aus der Char Darah Provinz, berichtete SPIEGEL ONLINE, sein Sohn habe mit anderen Menschen aus einem nahe gelegenen Dorf Öl aus den Tanklastwagen zapfen wollen. Taliban seien bei dem Angriff nicht vor Ort gewesen, sie hätten das Gebiet schon längst verlassen. "Mein Sohn ist verbrannt", sagte Mahyodin, "ich erwarte, dass die Regierung den Fall ernsthaft untersucht."
Eine Dorfbewohnerin sagte SPIEGEL ONLINE am Telefon, sie habe gegen zwei Uhr morgens Lärm in der Nähe des Flusses gehört. Ihr Ehemann und ihr Sohn seien dorthin gelaufen, um zu sehen, was dort vor sich gehe. "Sie waren keine Taliban, sie wollten nur wissen, was los ist."
Der afghanische Präsident Hamid Karzai kritisierte den von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff bei Kunduz als "Fehleinschätzung" und gab die Zahl der Getöteten mit mehr als 90 an. Er frage sich, weshalb nicht Bodentruppen eingesetzt wurden, um den von den Taliban entführten Tanklastwagen zurückzubekommen, sagte Karzai dem "Figaro".
"Mehr als 90 Tote für einen einfachen Tanklaster, der obendrein in einem Flussbett feststeckte!", sagte Karzai. Während der Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, detaillierte Angaben zu dem Angriff vermied und eine umfassende Untersuchung ankündigte, sagte Karzai, McChrystal habe sich bereits entschuldigt. Zudem habe McChrystal darauf verwiesen, dass er den Angriff nicht selbst angeordnet habe.
"Offenbar von den USA gezielt gestreute Fehlinformationen"
Der Luftangriff am Freitag löste nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" schwere Verstimmungen innerhalb der Nato-geführten Isaf-Truppe aus. Ranghohe deutsche Offiziere seien empört über "offenbar von den USA gezielt gestreute Fehlinformationen", berichtete die Zeitung.
Nach Ansicht deutscher Militärs sei der Bericht der "Washington Post" eine "bodenlose Frechheit", berichtete die "Neue Osnabrücker Zeitung". Entgegen üblichen Verfahren habe das Nato-Untersuchungsteam einem US-Journalisten erlaubt, die Ermittlungen zu verfolgen. "Das stinkt zum Himmel", sagte ein Bundeswehr-Angehöriger. "Offensichtlich ist Oberst Klein das Bauernopfer, um das deutsche Engagement in Afghanistan zu diskreditieren."
Der Bundesregierung zufolge gibt es nach dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff keinerlei Spannungen mit Bündnispartnern. Es gebe "keine Risse" zwischen der Bundeswehrführung und McChrystal, sagte Thomas Raabe, Sprecher des Verteidigungsministeriums.
Auch im Verhältnis zu den europäischen Verbündeten erkenne er keine "Risse". Heftige Kritik des afghanischen Präsidenten Karzai an dem Einsatz sei offenbar in der "Sorge um seine Bevölkerung" begründet, fügte Raabe hinzu.
Das Außenministerium forderte, mit einer Bewertung des Vorfalls bis zum Abschluss einer Untersuchung zu warten. Das gebiete der Respekt vor "der professionellen Arbeit unserer Soldaten", sagte Außenamtssprecher Jens Plötner. "Wir dürfen auch in einer solchen schwierigen Lage Bündnissolidarität erwarten, dass wir gemeinsam die Fakten abwarten."
Linke will Afghanistan-Einsatz in Mittelpunkt des Wahlkampfs rücken
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte eine Afghanistan-Konferenz auf internationaler Ebene noch in diesem Jahr. Die Konferenz soll die Verhandlungen über die Verlängerung des sogenannten Afghan Compact vorantreiben, der das internationale Engagement in Afghanistan regelt. Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm sagte, neu sei, dass die Gespräche bereits auf Ende dieses Jahres vorgezogen werden sollten. Merkel hatte die Initiative am Sonntagabend zusammen mit dem britischen Premierminister Gordon Brown veröffentlicht. Am Dienstag will Merkel in einer Regierungserklärung Stellung zu dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff beziehen.
Kritik kam von der Opposition. Die Linke kündigte an, den Afghanistan-Einsatz nun in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu rücken. Sie fordert als einzige Partei den sofortigen Abzug der deutschen Truppen.
Grünen-Chef Cem Özdemir verlangte von Merkel "klare Worte" zur Bombardierung der beiden Tanklastzüge. Äußerungen von Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) seien "skandalös falsch" gewesen. Doch sprach sich der Grünen-Vorsitzende gegen einen voreiligen Abzug der Bundeswehr aus. "Wir wollen einen verantwortbaren Abzug", sagte er.
Die FDP-Verteidigungsexpertin Birgit Homburger kritisierte Jungs Informationspolitik als unzureichend und beantragte eine Sondersitzung des Verteidigungsausschusses für Dienstag.
Mit Material von dpa, ddp und Reuters
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