Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Die scharfe Kritik amerikanischer Militärs am Luftangriff in Afghanistan, der von einem deutschen Oberst im Bundeswehrcamp in Kunduz angefordert wurde, hat für Verwunderung in der US-Hauptstadt gesorgt. "Es ist sicherlich ungewöhnlich, so offen Details einer Militäroperation und die Frage, wer genau den Einsatzbefehl gegeben hat, zu diskutieren", sagt Charles Kupchann, Professor an der Georgetown University und Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates in der Clinton-Regierung zu SPIEGEL ONLINE. Auch Stephen Szaboo, Leiter der Transatlantic Academy in Washington, zeigt sich verblüfft: "Ich bin erstaunt über diese Form der Kritik. Schließlich will die US-Regierung einen Sieg von Angela Merkel bei der Bundestagswahl und wünscht sich mehr Engagement der Deutschen in Afghanistan nach der Wahl."
Der US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, Stanley McChrystall, hatte moniert, dass die Deutschen nach der Bombardierung die Unglücksstelle nicht nach möglichen zivilen Opfern hätten durchsuchen lassen. Für Aufsehen sorgte auch ein Bericht der "Washington Post", dessen Reporter die Recherchen von McChrystals siebenköpfigem Untersuchungsteam nach der Bombardierung entgegen sonstiger Praxis begleiten durfte. Der Bericht ist kritisch: Der deutsche Oberst Georg Klein habe seine Entscheidung, aus Angst vor einem Selbstmordanschlag die von Taliban gestohlenen Tanklastwagen bombardieren zu lassen, nur auf einen einzigen Informanten gestützt. Somit habe der Luftangriff möglicherweise gegen neue Nato-Richtlinien verstoßen.
"Der General versucht, selbst gut dazustehen"
Die Schätzungen zur Zahl der Todesopfer bei dem Luftangriff reichen von 56 (Bundesverteidigungsministerium) bis zu 135 (afghanische Menschenrechtsorganisationen). Am heutigen Dienstag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag zu dem Vorfall Stellung nehmen. Thomas Raabe, Sprecher von Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), hat das Bombardement nach jetzigem Stand als "richtig" verteidigt. Seinen Informationen zufolge seien bei der Attacke fast ausschließlich Taliban-Kämpfer ums Leben gekommen.
Das sehen Top-Militärs der Amerikaner offensichtlich anders - genau wie Afghanistans Präsident Hamid Karzai, der im Interview mit "Le Figaro" den Einsatz als schweren Fehler bezeichnete. Karzai sagte auch, GeneralMcChrystall habe ihm versichert, er selbst habe nicht den Einsatzbefehl gegeben.
Ob McChrystals Kritik an den Deutschen mit der US-Regierung abgesprochen war, ist bislang nicht zu klären. "Der General versucht, selbst gut dazustehen", sagt Jackson Janes, Leiter des American Institute for Contemporary German Studies in Washington, zu SPIEGEL ONLINE. "Er hat erst vor drei Monaten das Oberkommando übernommen und versucht, eine neue Strategie zu verankern." Ähnlich äußerte sich Dan Hamilton, Direktor des Transatlantic Center an der Johns Hopkins University in der US-Hauptstadt: "Klare Priorität fürMcChrystall ist es, keine Zivilisten mehr zu töten. Also schadet dieser Zwischenfall seiner Argumentation, dass die westlichen Truppen die Zahl ziviler Opfer in Afghanistan deutlich reduzieren wollen."
McChrystal schadet die Debatte über tote Zivilisten
Die Kontroverse um den Einsatz komme zu einer schwierigen Zeit sowohl für die deutsche als auch für die amerikanische Regierung. In Deutschland stehen bald Bundestagswahlen an, und der Afghanistan-Einsatz ist höchst unpopulär in der Bevölkerung. Auch in den USA ist die Debatte über den Sinn der Militärmission voll entbrannt.
Oberbefehlshaber McChrystall ist selbst nicht unumstritten, denn er hat sich einen Namen als Leiter von rücksichtslosen Spezialeinheiten in Irak und Afghanistan gemacht, die Qaida-Mitglieder und Taliban-Führer jagten. Nun muss er in seinem neuen Job neue Richtlinien durchsetzen, die den Schutz der Zivilbevölkerung höher einstufen als die Tötung von Taliban. Außerdem wird McChrystall allen Erwartungen nach Präsident Obama noch diesen Herbst um mehrere Zehntausend weitere US-Soldaten bitten müssen - dabei hilft ihm eine Debatte über tote Zivilisten nicht.
Stephen Szabo glaubt, dass das Pentagon und das Militär durch die Kritik den Druck auf Merkel erhöhen wollen - und indirekt auch auf Obama. McChrystall und das Pentagon versuchen, die Debatte um die Bombardements zu pushen, um das Weiße Haus auf ihre Linie zu bringen", sagt Szabo. "Vor allem die Briten erhöhen den Druck auf die Amerikaner, die Deutschen zu mehr Kampfeinsätzen im gefährlichen Süden Afghanistans zu verpflichten. Obama muss entscheiden, ob er mehr Truppen sendet und wieviel mehr Druck er auf Verbündete wie Deutschland ausübt. Das Pentagon versucht, ihn unter Druck zu setzen."
"Wir brauchen mehr deutschen Einsatz"
Wie der SPIEGEL berichtete, werden US-Vertreter nach der Bundestagswahl von Berlin mehr Soldaten in Afghanistan verlangen. Amerikanische Diplomaten haben dies führenden CDU-Politikern bereits angekündigt. Das Bundestagsmandat begrenzt die deutsche Truppenstärke derzeit auf 4500 Soldaten. Es läuft aber im Dezember aus. Verteidigungsminister Jung hatte bereits im vergangenen Jahr die Obergrenze des Afghanistan-Mandats von 3500 auf 6000 Soldaten erhöhen wollen. Aus Rücksicht auf die CSU und die Landtagswahl in Bayern habe er es aber bei maximal 4500 Soldaten bewenden lassen.
Auch die Lockerung von Beschränkungen beim Einsatz deutscher Soldaten werden diskutiert. "Es ist wirklich sehr schade, dass die Deutschen in diesem Fall versuchten, aktiver zu agieren - und es ganz anders ausging als geplant", sagt Transatlantik-Experte Dan Hamilton. "Wir brauchen mehr deutschen Einsatz, nicht weniger."
Zumindest wird die Debatte über die Lufteinsätze aber eine Konsequenz haben, glaubt Stefani Weiss, Nato-Expertin bei der Bertelsmann-Stiftung in Brüssel. "Die Vorfälle", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "zwingen Kanzlerin Merkel zu einer sicherheitspolitischen Debatte, der sie bislang ausgewichen ist."
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... als dann als Sieger hervorgeht. mehr...
Das besetzte Frankreich 1940-1944 mit der Vichy-Regierung und das besetzte Afghanistan mit der Karzai-Regierung heute lassen sich zwar absolut nicht miteinander vergleichen, aber einige wenige Fakten ähneln sich. Die [...] mehr...
Ist sie auch! Und es gut, dass Guttenberg diese Meinung weiter vertritt. Entweder man zieht sofort die deutschen Soldaten ab - es sind keine Pfadfinder, die dort ein kleines Abenteuer suchen - und beendet den Krieg, der ja [...] mehr...
Wie lange waren die Russen dort? Und vorher die Briten? Wo zig-tausend Soldaten mit Waffen gegen eine Untergrundbewegung, ist das auf diplomatendeutsch kein Krieg? Da sind unsere Jungs also beim Brötchenschmieren verunglückt? [...] mehr...
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