ThemaAfghanistan-KriegRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
08.09.2009
 

Umstrittener Militäreinsatz

Warum die Nato in Afghanistan bleiben muss

US-Marines in Afghanistan: Die Lage ist zum VerzweifelnZur Großansicht
Getty Images

US-Marines in Afghanistan: Die Lage ist zum Verzweifeln

Die Nato steht wegen ihrer Angriffe in der Kritik, bei der Präsidentenwahl gab es Stimmbetrug, die Taliban erstarken. In dieser desolaten Situation fordern immer mehr Stimmen im Westen, Afghanistan sich selbst zu überlassen. Doch das wäre eine Katastrophe - für die ganze Welt, meint Hasnain Kazim, SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent in Islamabad.

Als die sowjetischen Truppen 1989 nach zehn verlustreichen Jahren aus Afghanistan abgezogen wurden, begann das Unheil: Die islamischen Krieger, damals noch Mudschahidin genannt, von Pakistan und den USA aufgebaute Widerstandskämpfer gegen die Rote Armee, wurden von Washington plötzlich alleingelassen. Die nützlichen Idioten hatten ihren Zweck erfüllt. Die Sowjets, böse Ungläubige für die einen, böse Kommunisten für die anderen, waren besiegt.

Was danach kam, ist eine hinlänglich bekannte Geschichte des Grauens: Afghanistan war zerstört, selbst gemäßigte Muslime fühlten sich verraten und verkauft. Unter den verschiedenen Strömungen der Mudschahidin brach ein Machtkampf aus, ab Mitte der neunziger Jahre eroberten die besonders radikalen Taliban, jetzt nur noch von Pakistan unterstützt, erst die Köpfe der Menschen und dann, als es zu spät war, sie noch aufzuhalten, fast das gesamte Land. Es war eine Zeit des Schreckens und der übelsten Form religiöser Machtausübung, öffentliche Hinrichtungen inklusive. Die USA lieferten als übermächtiger Feind die ideologische Rechtfertigung für den neuen "heiligen Krieg", der in die Terrorangriffe am 11. September 2001 mündete und den "Krieg gegen den Terror" provozierte.

Die Lage ist zum Verzweifeln

Wie kann man nach dieser historischen Erfahrung ernsthaft darüber sinnieren, Afghanistan erneut sich selbst zu überlassen? Wie kommt ein sonst so kluger Kolumnist wie Thomas L. Friedman dazu, aufgeschreckt durch die negative Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung über den Afghanistan-Einsatz in der "New York Times" zu schreiben: "Dies ist ein viel größeres Vorhaben als das, wofür wir uns ursprünglich verpflichtet haben. Bevor wir ein neues Baby - Afghanistan - adoptieren, brauchen wir eine neue nationale Diskussion über dieses Projekt: Was wird es kosten, wie lange könnte es dauern, welche US-Interessen machen es erforderlich und, vor allem, wer beaufsichtigt die Strategie?"

Sicher, die Lage ist zum Verzweifeln: Die Taliban, kurz nach dem Einmarsch der USA im Dezember 2001 als besiegt geglaubt, gewinnen wieder mehr Einfluss. Täglich melden Kommandeure der Islamisten die Einnahme neuer Regionen, in diesem Jahr sind mehr Isaf-Soldaten gefallen als in den ersten drei Kriegsjahren zusammen. Und auch wenn die Uno behauptet, erfolgreich im Kampf gegen den Drogenanbau zu sein - die Taliban sitzen auf Opiumvorräten, mit denen sie noch viele Jahre ihren Dschihad finanzieren können.

Die Nato-Truppen stehen derweil wegen der wachsenden Zahl ziviler Opfer durch ihre Angriffe in der Kritik, neuerdings auch die Bundeswehr. Längst hält eine Mehrheit der Afghanen die westlichen Soldaten nicht mehr für Befreier, sondern für Besatzer. Das arrogante, ruppige Auftreten insbesondere der US-Soldaten trägt nicht gerade zum guten Ruf bei.

Wenig hilfreich war auch das Verhalten von Verteidigungsminister Franz Josef Jung nach dem verheerenden Luftschlag gegen zwei gekaperte Tankwagen: Anstatt schnelle Hilfe für die Verletzten zuzusagen, bestritt er zunächst zivile Opfer. Erst nach erheblichem internationalen Druck räumte er kleinlaut ein, dass womöglich doch nicht nur Taliban getötet wurden - als käme es auf ein paar afghanische Zivilisten nicht an. Er bestärkte mit dieser unüberlegten Reaktion das vom Westen vermittelte Gefühl der Menschen, dass ein afghanisches Leben weniger wert ist als das eines westlichen Soldaten. So denkt man inzwischen, nach immer neuen Opfern durch US-Drohnen im Grenzgebiet, auch in Pakistan: Dem Westen sind wir egal, Hauptsache, wir nützen seinen Interessen.

Karzai hat Chance auf demokratische Legitimation verspielt

Die Präsidentenwahl in Afghanistan sollte, so hoffte man im Westen, ein neues Kapitel aufschlagen: Sie sollte eine demokratisch gewählte, allseits geachtete Leitfigur schaffen, die die ethnischen Gruppen versöhnt und die dem Land acht Jahre nach Kriegsbeginn endlich staatliche Strukturen verschafft. Aber wieso sollte das ausgerechnet Hamid Karzai, der jene acht Jahre lang versagt hat und den die Menschen für eine Marionette des Westens halten, jetzt gelingen? Weshalb sollten Hazaras, Tadschiken, Usbeken, Turkmenen auf der einen Seite, die übermächtigen Paschtunen auf der anderen sich plötzlich die Hände reichen? Karzai verspielte jede Chance auf echte demokratische Legitimation, indem er sich nicht nur von Drogen- und Kriegsfürsten unterstützen, sondern seine Anhänger bei Wahlfälschungen kräftig mitmischen ließ.

Es ist nicht viel, bei dem sich die Menschen in dieser unruhigen Weltgegend einig sind, aber darin schon: Das, was die Nato, allen voran der größte Truppensteller USA, aber auch die anderen, in Afghanistan bewirken, ist eine Katastrophe. Der Bau von Brunnen und Brücken, Schulen und Straßen wiegt nicht auf, was durch das "robuste Mandat", wie es im Bundeswehrjargon heißt, angerichtet wird.

Verständlich, dass man in den westlichen Hauptstädten frustriert ist: Wozu das Leben von Soldaten aufs Spiel setzen, helfen, Milliardensummen ausgeben - wenn es einem niemand dankt? Warum versuchen, Demokratie zu etablieren, wenn Demokratie nicht gewollt wird? Und die einfachen Soldaten sind enttäuscht, da ihre Entbehrungen, ihre Leistungen, ihre Bereitschaft, den Kopf hinzuhalten, wenig bis gar nicht gewürdigt werden - nicht von den Einheimischen und immer mehr auch nicht von der Öffentlichkeit in der fernen Heimat. Die physischen wie psychischen Belastungen sind dagegen enorm.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 2619 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
07.11.2009 von reinhard_m:

Das besetzte Frankreich 1940-1944 mit der Vichy-Regierung und das besetzte Afghanistan mit der Karzai-Regierung heute lassen sich zwar absolut nicht miteinander vergleichen, aber einige wenige Fakten ähneln sich. Die [...] mehr...

07.11.2009 von scoolodie: Klartext

Ist sie auch! Und es gut, dass Guttenberg diese Meinung weiter vertritt. Entweder man zieht sofort die deutschen Soldaten ab - es sind keine Pfadfinder, die dort ein kleines Abenteuer suchen - und beendet den Krieg, der ja [...] mehr...

07.11.2009 von scoolodie: Alles eine Frage der Zeit!

Wie lange waren die Russen dort? Und vorher die Briten? Wo zig-tausend Soldaten mit Waffen gegen eine Untergrundbewegung, ist das auf diplomatendeutsch kein Krieg? Da sind unsere Jungs also beim Brötchenschmieren verunglückt? [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Afghanistan-Krieg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP