Doch was wäre die Folge eines übereilten Abzugs? Afghanistan würde in einen Bürgerkrieg gezogen, der sich durch das Einmischen und Taktieren der Nachbarstaaten über Jahre hinziehen könnte. Das Machtvakuum, das durch ein Verschwinden der Westmächte entstünde, würde rasch von ihnen gefüllt. Schon seit Jahren beobachtet man im nördlichen Gürtel Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan, im westlichen Nachbarland Iran und im östlichen Pakistan, aber auch in den regionalen Großmachtstaaten Indien und China das hilf- und strategielose Treiben des Westens in Afghanistan. Mit Erschrecken, aber auch mit Häme stellt man fest: Die Nato ist unfähig, das Problem in den Griff zu bekommen.
Afghanistan also würde, nach einem Abzug der westlichen Truppen, wieder in die alten Lager zerfallen: auf der einen Seite die Nordallianz, auf der anderen die Taliban. Turkmenen, Usbeken und Tadschiken würden wieder die Nordallianz bilden und stützen. Hilfe käme von Iran, dem einzigen Land mit schiitischer Bevölkerungsmehrheit: Die gegnerischen Taliban, Sunniten wahabitischer Ausprägung und mit guten Verbindungen ins reiche Saudi-Arabien, halten Schiiten für Ungläubige. Indien, an einer Eindämmung des islamistischen Terrorismus interessiert, würde ebenfalls den Taliban-Gegnern helfen. China, nordöstlicher Nachbar Afghanistans, müsste sich als Rivale Indiens um Einflusssicherung in Zentralasien bemühen; eine Unterstützung der Taliban durch Peking wäre jedoch kaum denkbar. Und natürlich würde auch Russland, trotz seiner dunklen Vergangenheit in dem Land, wieder mitmischen wollen.
In allergrößten Schwierigkeiten aber befände sich die Atommacht Pakistan. Früher eifriger Unterstützer der Taliban, müsste Islamabad seine Politik neu definieren. Zur Nordallianz besteht schon immer ein schlechtes Verhältnis - aber die Taliban unterstützen, obwohl Pakistan selbst seit Jahren unter dem Terror von Selbstmordattentätern und Bombenlegern leidet? In der pakistanischen Bevölkerung fände dieser Kurs mit Sicherheit keine Unterstützung. Auch pakistanische Generäle und Sicherheitspolitiker betonen, ein Rückfall in alte Verhaltensmuster sei nicht denkbar. Aber wer weiß, wie schnell sich die Meinungen ändern, wenn Afghanistan zum Schauplatz eines asiatischen Machtkampfs wird? Aus ihrer Ratlosigkeit jedenfalls machen die Mächtigen in Pakistan kein Geheimnis: Allah behüte, dass die Nato einfach so verschwindet!
Abzug wäre Bankrotterklärung des Westens
Denn der Flüchtlingsstrom würde zunehmen, und schon jetzt ist Pakistan mit den Millionen Entwurzelten aus Afghanistan und weiteren Hunderttausenden Flüchtlingen innerhalb des eigenen Landes wegen der Militäroffensive gegen die Taliban am Rande dessen, was der Staat leisten kann. Zigtausende Menschen leben unter katastrophalen Bedingungen in Zeltstädten, ohne fließendes Wasser, ohne Strom.
Ein übereilter Abzug der Isaf-Truppen wäre, da sind sich auch deutsche Kenner der Region einig, eine Bankrotterklärung der Nato. Babak Khalatbari, Leiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Pakistan und Afghanistan, sähe darin eine Niederlage des Westens, Gregor Enste von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung spricht von einer Kapitulation vor den Problemen des Landes.
Das Ziel, Afghanistan zu einen, wird wohl nicht gelingen. Zu fremd sind sich die Ethnien, zu verschieden sind die Interessen der politischen und religiösen Gruppierungen, zu unterschiedlich die wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen Bedingungen der Provinzen. Für die Menschen in Kunduz ist Kandahar eine fremde Welt, für die Menschen in Herat spielt Kabul keine Rolle.
Bisher hat die Nato noch keine Exit-Strategie formuliert. Mal fordern Politiker aus den beteiligten Staaten einen "baldigen Abzug", um die Afghanen zu mehr Selbständigkeit zu zwingen, dann heißt es wieder, der Einsatz werde noch "mindestens zehn Jahre" dauern. Gerade erst haben die Amerikaner doch eine Aufstockung der Truppen beschlossen. Und tatsächlich verlangen manche, man müsse kämpfen, "bis der letzte Taliban getötet ist". Aber ist das möglich? Wer ist ein Taliban und wer nicht? Und sind die Milizen der Nordallianz wesentlich weniger radikal?
Wenn die USA ohne Bildung von staatlichen Minimalstrukturen, ohne eine geregelte Übergabe an die Afghanen und ohne Einbindung der Taliban, der Nordallianz, der Nachbarstaaten und der asiatischen Mächte im Rahmen einer Regionalkonferenz abziehen, würden sie ihren alten Fehler wiederholen. Oder um Friedman zu antworten: Das Baby muss adoptiert werden, koste es, was es wolle. Es auszusetzen, wäre eine historische Dummheit mit unabsehbaren Folgen für die ganze Welt.
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