Von Shoib Najafizada, Kabul
Wie viele Menschen starben bei dem von der Bundeswehr angeforderten Nato-Angriff auf zwei von Taliban gekaperte Tanklastzüge in Afghanistan?
Während die Nato am Dienstag erstmals einräumte, dass bei dem Angriff auch Zivilisten verletzt und getötet wurden, verbreiten die Extremisten ihre ganz eigene Theorie. Demnach kamen bei dem Angriff ausschließlich Zivilisten ums Leben, Taliban seien dagegen nicht zu Schaden gekommen.
Die radikalen Islamisten veröffentlichten eine Liste mit den Namen von 42 Zivilisten, die angeblich bei dem Nato-Angriff getötet wurden. Die Liste geht demnach auf eine eigene Untersuchung der Taliban zurück. Das Papier sei nicht vollständig, erklärten die Taliban, vielmehr seien darauf lediglich einige der Opfer aufgeführt. Dazu erklärten die Taliban: "Das Untersuchungsteam hat viele Beweise gesammelt und mit vielen Leuten in der Region des Angriffs gesprochen."
Als Grund für die von ihnen angestellte Untersuchung nannten die Taliban Berichte in afghanischen Medien, wonach vor allem zivile Opfer zu beklagen gewesen seien. Vertreter der Regierung in Kabul und die Nato hätten aber stets betont, dass Taliban getötet worden seien.
Zum Zeitpunkt des Luftangriffs - die zwei Bomben wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums am 4. September um 1.49 Uhr abgeworfen - hätten sich aber ausschließlich Zivilisten am Ort des Anschlags aufgehalten, behaupten die Taliban jetzt. Sämtliche Taliban hätten in einiger Entfernung zu den Tankfahrzeugen Gespräche geführt, als die Bomben einschlugen. Die Taliban hatten den Zivilisten nach eigenen Angaben gestattet, aus den im Schlamm festgefahrenen Tanklastwagen Benzin abzuschöpfen. Die vielen Menschen seien wegen des Fastenmonat Ramadan so früh auf den Beinen gewesen, erklärten die Taliban. "Sie wollten alle Benzin haben."
Polizeichef bezweifelt Darstellung der Taliban
Polizeichef Abdul Razaq äußerte Zweifel an der Darstellung der Radikal-Islamisten. Wenn es so viele zivile Opfer zu beklagen gäbe, würden sich die Hinterbliebenen bei den Behörden melden, sagte Razaq. Dies sei aber nicht der Fall. Selbst wenn einer Familie in Kunduz oder Chahar Darreh eine Henne verlorengehe, "kommen sie zur Polizei, um sich zu beschweren", sagte Razaq.
Dem Polizeichef zufolge wurden bei dem Nato-Angriff mindestens 47 Taliban getötet. Getötete Zivilisten - Razaq nannte keine Details - hätten in Verbindung zu den Taliban gestanden.
Ähnlich äußerte sich auch afghanische Generalleutnant Mirsa Mohammad in Kunduz, der eine von Präsident Hamid Karzai eingesetzte Untersuchungskommission leitet. Für die Entführung der Tanklastwagen sei der örtliche Taliban-Kommandeur Mullah Abdur Rahman verantwortlich, sagte der Regierungsbeauftragte.
Taliban haben Verbündete mit Mobiltelefonen angefordert
Der Talibanführer habe sechs bewaffnete Männer angewiesen, die Fahrzeuge zu entführen und die Fahrer zu töten. Als die Tanklastwagen am Ufer des Kunduz steckengeblieben seien, habe Rahman mit seinem Mobiltelefon aus mehreren Dörfern Verbündete und Sympathisanten angefordert.
Nach Berichten von Augenzeugen seien dann mehr als 45 bewaffnete Taliban-Kämpfer und andere Personen aus den Dörfern zusammengekommen. Für die Todesfälle sei Rahman verantwortlich, sagte Mirsa Mohammad. Auch wer als Zivilist zu den entführten Tanklastwagen gekommen sei, habe nicht rechtmäßig gehandelt.
Die Untersuchungskommission sprach am Dienstag von mindestens 82 Toten und 20 Verletzten. Ein Bericht soll am Mittwoch Karzai übergeben werden.
Die internationale Schutztruppe Isaf erwartet ein endgültiges Ergebnis der Untersuchung des von der Bundeswehr angeordneten Luftangriffs erst in "mehreren Wochen". Die Isaf teilte am Dienstag mit, eine erste Einschätzung am Ort des Bombenangriffs durch Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal und andere Offiziere habe ergeben, dass Zivilisten bei dem Luftangriff vom vergangenen Freitag "getötet oder verletzt" wurden.
McChrystal habe die gemeinsame Untersuchungskommission daraufhin ernannt, um den Vorfall gründlich prüfen zu lassen. Als Leiter setzte McChrystal den kanadischen Generalmajor C.S. Sullivan ein, teilte die Nato-geführte Isaf weiter mit. In dem Gremium würden außerdem ein deutscher Offizier, ein Offizier der US-Luftwaffe sowie ein Rechtsberater mitarbeiten. Die Kommission werde sich mit dem afghanischen Untersuchungsteam koordinieren, das Präsident Hamid Karzai einsetzte. Die Ergebnisse würden den afghanischen und deutschen Behörden mitgeteilt werden.
Mit Material von dpa und AP
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