ThemaAfghanistanRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.09.2009
 

Afghanistan

Karzai gewinnt Wahl der Tricks und Täuschungen

Hamid Karzai: Afghanistans Präsident bleibt am RuderZur Großansicht
Getty Images

Hamid Karzai: Afghanistans Präsident bleibt am Ruder

54 Prozent und keine Stichwahl: Amtsinhaber Karzai hat bei der umstrittenen Wahl in Afghanistan die absolute Mehrheit erreicht. Doch mehr als ein Viertel der Stimmen wurde gefälscht, moniert die EU. Sie rechnet dem Präsidenten nach SPIEGEL-Informationen nur 41,78 Prozent zu.

Kabul - Jubel im Lager von Hamid Karzai: Bei der Präsidentschaftswahl in Afghanistan vor knapp vier Wochen kam der Amtsinhaber nach dem vorläufigen Endergebnis auf 54,6 Prozent der Stimmen, holte also die absolute Mehrheit. Sein wichtigster Herausforderer Abdullah Abdullah komme auf 27,8 Prozent, teilte die Wahlkommission IEC ungeachtet der massiven Betrugsvorwürfe mit. "Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist Karzai der Gewinner", sagte ein Sprecher des Präsidenten.

Vor einem amtlichen Endergebnis müssen nach einer Anordnung der Uno-unterstützten Beschwerdekommission (ECC) aber die Stimmen aus knapp zehn Prozent der Wahllokale neu ausgezählt und überprüft werden. Erst dann kann ein Sieger erklärt werden. Die Überprüfung wird nach ECC-Angaben Wochen dauern.

Die EU hat massive Zweifel an dem Ergebnis. Ihre Wahlbeobachter in Kabul haben die ausgezählten Stimmen selbst nachgerechnet. Sie rechnen Karzai nach Informationen des SPIEGEL nur 41,78 Prozent zu. Damit hätte der Präsident die absolute Mehrheit eindeutig verfehlt, ein zweiter Wahlgang wäre fällig. Die EU-Beobachter zählen nur gut 1,8 Millionen legale Stimmen für Karzai statt der knapp drei Millionen, die die Unabhängige Wahlkommission der Afghanen verkündet hat.

Grund für die Diskrepanz ist, dass die EU-Beobachter rund 1,15 Millionen Karzai-Stimmen für ungültig hält - und zwar nach den Kriterien, die die afghanische Kommission selbst vorher festgelegt hatten, um Fälschungen auf lokaler Ebene unwirksam zu machen. Das sind Wahlstationen, in denen entweder mehr als 600 Stimmen gezählt wurden oder der Stimmanteil eines Kandidaten über 90 Prozent lag. Die Beobachter der EU-EOM-Mission haben rund 3700 solcher Wahlstationen identifiziert. Ihre Zahlen hält die EU unter Verschluss, weil Brüssel sich in der heiklen Frage nicht zu sehr exponieren will.

Nach Informationen des SPEGEL klagen die EU-Beobachter über die mangelhafte Transparenz in der Arbeit der Wahlkommission. Diese habe nicht einmal eindeutig klären können, wie viele Wahlstationen es in dem riesigen Land überhaupt gegeben habe. Trotz mehrfacher Nachfragen hätten die Zahlen zwischen etwa 27000 und 26300 geschwankt - die Existenz von etwa 700 Wahlurnen wäre demnach noch immer unklar.

Auch Abdullah hätte nach der EU-Rechnung rund 260.000 Stimmen weniger. Dieses Minus wäre aber weniger erheblich, da es in der ersten Runde vor allem um die Frage geht, ob ein Kandidat die absolute Mehrheit bekommt.

Abdullah fordert Stichwahl

Abdullah warf den Anhängern Karzais vor, die Wahlfälschung sorgfältig vorbereitet zu haben. Der Wahlbetrug wurde Monate, "wenn nicht Jahre im Voraus" vorbereitet, sagte der frühere Außenminister in einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Abdullah warf Karzai Hochverrat vor. "Unter normalen Bedingungen würde dies eine Untersuchung wegen Hochverrats rechtfertigen. Aber wir haben leider keine unabhängige, funktionierende Justiz", sagte er.

Abdullah forderte im Interesse Afghanistans eine Stichwahl. Dabei erwartete er eine deutlich höhere Beteiligung als in der ersten Wahlrunde. "Wenn die Bürger sehen, dass der Betrug aufgeklärt und korrigiert wird, werden sie Vertrauen schöpfen und sich an einem zweiten Durchgang beteiligen", sagte er. Zudem werde es bei einer etwaigen Stichwahl nicht mehr Wahlfälschung "im gleichen Umfang wie in der ersten Runde" geben. Abdullah begründete dies damit, dass das Lager von Präsident Karzai nicht genug Zeit hätte, um Manipulationen vorzubereiten.

Ralf Beste/als/AFP/dpa/AP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 4149 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.09.2009 von Nachtschwester Ingeborg:

Die Wirklichkeit ist doch die, daß sowohl OEF Truppen in AFG kämpfen und ISAF Truppen den angeblichen "Frieden" sichern, oder hab ich da was falsch verstanden? ---Zitatende--- Ich denke mal eher, Sie haben wie üblich [...] mehr...

23.09.2009 von werner thurner: Die Wirklichkeit

Die Wirklichkeit ist doch die, daß sowohl OEF Truppen in AFG kämpfen und ISAF Truppen den angeblichen "Frieden" sichern, oder hab ich da was falsch verstanden? Das ISAF angegriffen hätte, habe ich nicht [...] mehr...

23.09.2009 von Helmut Pirkl: Nicht viel zu verspüren

Einzig und allein Karsai und die seinen brauchen die Unterstützung der USA und seiner Vasallen. Gegen sie richtet sich der Hass der Afghanen genauso wie gegen die Besatzer. Die Bevölkerung Afghanistans hat sicherlich inzwischen [...] mehr...

23.09.2009 von Helmut Pirkl: Nicht viel zu verspüren

Schlimmer als das, was jetzt in Afghanistan vorherrscht, kann es nicht werden, derweil die Afghanen die Massenvernichtungswaffen, worüber ihre Besatzer verfügen und auch einsetzen, nicht besitzen. Ein Bürgerkrieg wird überdies [...] mehr...

23.09.2009 von Nachtschwester Ingeborg:

"Seit November 2001 beteiligt sich Deutschland unter anderem mit Seestreitkräften und Spezialkräften an der Operation ENDURING FREEDOM (OEF) zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus." (Weißbuch 2006 zur [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Afghanistan

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zeitleiste: Chronik der Leidensjahre AfghanistansZur Großansicht
DER SPIEGEL

Zeitleiste: Chronik der Leidensjahre Afghanistans


Karzai und Afghanistan

Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren

Hamid Karzai

Präsidentschaftswahlen

Isaf-Einsatz

Probleme in Afghanistan

Opium-Wirtschaft

Afghanistan-Krieg






TOP



TOP