Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Kabul am frühen Donnerstagmorgen: ein Selbstmordattentäter lenkt einen mit Sprengstoff beladenen Lkw direkt vor die indische Botschaft und zündet seine Bombe. Zwölf Menschen sind sofort tot, mehr als 80 Menschen werden verletzt. Die Taliban übernehmen die Verantwortung für den Anschlag.
Eine düstere Momentaufnahme aus dem Krieg in Afghanistan, der für die internationale Allianz noch lange nicht gewonnen ist, im Gegenteil. Und niemand spricht diese Wahrheit so laut und deutlich aus wie der neue Oberbefehlshaber der US-Truppen, den Barack Obama im Juni an die Front im Hindukusch geschickt hat: Stanley McChrystal.
Der Auftrag des US-Präsidenten: Der General sollte die Situation analysieren und eine neue Strategie vor Ort umsetzen. McChrystal stellte sehr schnell eine neue konkrete Forderung. Entweder schicken wir mehr Soldaten ins Land, oder wir werden diesen Krieg verlieren. Er beließ es nicht dabei, geheime Memos zu verfassen und die politische Elite zu informieren. Er trug die Debatte in die Öffentlichkeit. Überall war er zu sehen, in London hielt er eine Rede, er trat in der beliebten TV-Nachrichten-Sendung "60 Minutes" auf.
Die Nation kennt wenig andere Themen im Moment, die Leitartikel und Analysen der Zeitungen, die Talkshows der wichtigen TV-Sender, alle beschäftigen sich unablässig mit dem Krieg in Afghanistan. Nur einer bleibt auffällig still - Barack Obama. Der Präsident zögert, vor den Augen aller. "Tun wir das Richtige?", fragt er, wenn er sich überhaupt einmal zu seinen Zweifeln äußert. Die Kommentatoren sagen, ihm stelle sich für Afghanistan nicht die Wahl zwischen gutem und schlechtem Ausgang.
Die Optionen lauteten: schlecht, noch schlechter, am schlechtesten.
Der Präsident will die Truppen nicht aus Afghanistan abziehen, doch auch nicht drastisch verstärken, nur so viel ist bekannt. Vielleicht soll schon diese Woche eine Entscheidung darüber fallen, heißt es, vielleicht wird sie noch Wochen auf sich warten lassen. Stanley McChrystal ist überzeugt, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, wenn die Wende am Hindukusch gelingen soll.
Ein Soldat mit Mut zur Meinung
Der US-Oberbefehlshaber in Afghanistan sagt es unverblümt und unmissverständlich: Amerika muss sich mehr engagieren, und zwar jetzt. 40.000 Soldaten zusätzlich, sofort. Andere Optionen, etwa der Plan von Vizepräsident Joe Biden, sich künftig mit weniger Soldaten auf die Terroristenjagd zu konzentrieren, führten zu "Chaosistan".
Ob er ein solches vorsichtigeres Vorgehen unterstützen würde, wird McChrystal gefragt. Seine Antwort: nein. Eine ungewöhnliche Aussage für einen Soldaten, der Befehle auszuführen hat.
Obamas Parteifreunde stürzen sich auf dieses Wort, als sei plötzlich McChrystal zum Feind in Afghanistan geworden. "Es wäre besser, wenn solche Hinweise der Kommandostruktur folgten", sagt Sicherheitsberater Jim Jones. Verteidigungsminister Robert Gates mahnt, solche Ratschläge sollten "klar, aber privat" ausfallen. Nancy Pelosi, demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, moniert: "Bei allem Respekt für den General: Seine Empfehlungen sollten den Präsidenten über die Befehlskette erreichen und nicht in Pressekonferenzen geäußert werden."
Kritiker des Generals erinnern an die Geschichte. Sie verweisen auf General Douglas MacArthur, der den Korea-Konflikt auf China ausweiten wollte. Der damalige Präsident Harry Truman sträubte sich, MacArthur protestierte öffentlich, er unterlief Befehle - und wurde von Truman gefeuert.
Oder General William Westmoreland: Er forderte von Lyndon B. Johnson im Vietnamkrieg immer mehr Truppen, bis sich Amerika völlig verrannt hatte. Viele fürchten nun Vergleichbares; August war der blutigste Monat für US-Truppen in den vergangenen acht Jahren.
Die politischen Gegner Barack Obamas hingegen umarmen McChrystal wie einen Helden. Er müsse den Präsidenten daran erinnern, dass die US-Truppen in Gefahr seien, je länger der eine Entscheidung heraus zögere, sagt John Boehner, Chef der Republikaner im Repräsentantenhaus. "Obama sollte dem Rat der Militärs folgen", empfiehlt Mitch McConnell, Republikaner-Führer im US-Senat.
General im politischen Manöver
Der Oberbefehlshaber in Afghanistan ist wie jeder hochdekorierte US-General politisch versiert. Als ein deutscher Oberst zwei Tanklastwagen der Taliban Ende August bombardieren ließ und dabei vermutlich viele Zivilisten ums Leben kamen, war McChrystal ohne Absprache aus Washington rasch mit Kritik zur Stelle. Er wollte den Afghanen klarmachen, dass die Amerikaner keine Schuld traf und seine Strategie weiter gelte, mit größter Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu agieren. Ein schnelles und wichtiges politisches Signal. Die Deutschen reagierten verärgert.
McChrystals 66-Seiten-Bericht über die düstere Lage in Afghanistan landete auf ungeklärte Weise in der "Washington Post" - und brachte die Debatte dadurch richtig in Schwung. McChrystal-Freunde betonen, ihm ginge es nicht um politische Machtspiele, nur um seine Mission. Er werde auch dann nicht zurücktreten, wenn Obama seinen Empfehlungen nicht folgen sollte.
"Er war zu direkt", räumt Michael O'Hanlon ein, Militärexperte der Brookings Institution, aber der General dürfe Strategien kritisieren, die er für falsch halte, oder Mängel ansprechen, die US-Truppen gefährden.
Die Rehabilitation des Generals Eric Shinseki
Das erwarten seine Soldaten auch. In den Bush-Jahren war aus der Truppe häufig die Klage zu hören, dass Amerikas Generäle Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Präsident Bush nicht widersprachen, als sie mit immer weniger Soldaten immer mehr Krieg führen wollten.
Einzige Ausnahme: General Eric Shinseki, der wie McChrystal keinen Zweifel daran ließ, dass der Krieg ohne eine deutliche Truppenaufstockung nicht zu führen und zu gewinnen sei. Rumsfeld widersprach heftig, Shinseki wurde in den Ruhestand gedrängt.
Doch inzwischen ist der Mann rehabilitiert; Obama hat ihn für seinen Mut zur Kritik ausdrücklich gelobt - und zum Minister für Veteranen-Angelegenheiten ernannt. Ein Zeichen, dass auch McChrystals Karriere noch einen guten Verlauf nehmen wird? Am Ende eines Treffens zur Afghanistan-Politik am Dienstag machte Obama ihm Hoffnung, berichten US-Medien. "Ich habe ihn berufen", sagte er demnach. "Ich wollte, dass er die Lage schonungslos analysiert."
Jetzt muss der Präsident seine Schlüsse ziehen.
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Die FAZ schreibt heute, dass Karzai sogar nur auf westlichen Druck zum Sieger eklärt wurde. Das ist noch die Steigerung von 'wahrer Demokratie'. mehr...
Das ist wahre Demokratie. Dafür opfern wir gerne unser Geld und das Leben unserer Soldaten. Diese Art von gelebter Demokratie wird sicher auch noch den letzten Afghanen von der guten Sache überzeugen. mehr...
Karzai ist jetzt auch von den USA als rechtmäßiger Präsident anerkannt. Wem soll man da gratulieren , den USA oder Karzai ? Eine filmreife Komödie. mehr...
Na und? Es sind Blätter mit Kleinstauflagen, das erstere sogar antizionistisch. Wenn deren Leser das so wollen, warum nicht? mehr...
Nach meiner Erinnerung hat der Westen die damalige Regierung von Afghanistan (Taliban) nach einem Ultimatum aus dem Amt gebombt. Also war das eine Kriegshandlung zwischen zwei Staaten (obwohl faktisch sehr einseitig zu Lasten [...] mehr...
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