Von Gregor Peter Schmitz, Washington
US-Präsidenten bekommen wenig Schlaf, und ihren Helfern graust davor, sie aufwecken zu müssen. Meist haben sie dann schlechte Nachrichten zu überbringen: Einen Terroranschlag, eine politische Krise irgendwo auf der Welt.
Doch als Robert Gibbs, Pressesprecher von Barack Obama, an diesem Freitagmorgen seinen Chef weckt, hat er nur gute Nachrichten parat: Das Nobelpreiskomitee in Oslo verleiht dem US-Präsidenten schon neun Monate nach seinem Einzug ins Weiße Haus den Friedensnobelpreis - "für seine außergewöhnlichen Bemühungen, internationale Diplomatie und Kooperation zwischen den Völkern zu stärken".
Selbst in Obamas Umfeld hatte niemand erwartet, dass er unter 205 Nominierten zum Zug kommen würde - zwei Jahre nach der Nobelpreis-Verleihung an Amerikas Ex-Vizepräsidenten Al Gore und sieben nach der Ehrung für Ex-Präsidenten Jimmy Carter. Gibbs selbst antwortete auf die E-Mail eines Reporters über die sensationelle Entscheidung mit bloß einem Wort: "Wow."
"Obama konnte damit nicht rechnen", sagt sein Chefstratege David Axelrod. "Aber der Welt sind die Anliegen wichtig, die er vorantreibt."
Die Ehrung ist das spektakuläre Comeback des "Weltpräsidenten" Obama, genau eine Woche, nachdem ihn das Internationale Olympische Komitee an die Grenzen seiner Star-Power erinnerte. Obamas Heimatstadt Chicago flog gleich in der ersten Runde als Bewerber für die Olympischen Sommerspiele raus, obwohl der Präsident persönlich in Dänemark für sie geworben hatte.
Obamas Beliebtheitswerte sinken
Nun aber darf er eine innige Umarmung genießen. Bislang konnte das Ausland seine Begeisterung für Obama nur in Meinungsumfragen ausdrücken. In Stimmungsbarometern wie den "Transatlantic Trends" des German Marshall Fund äußerten sich bis zu 92 Prozent der Deutschen positiv über den neuen Präsidenten, ähnlich hohe Werte erreichte Obama in vielen anderen Ländern. Der Nobelpreis ist die logische Fortsetzung dieser Sympathiewelle nach der Bush-Abwahl.
Doch gleich nach Bekanntwerden der Ehrung fragt Amerika auch: Wofür bekommt der frischgebackene Präsident Obama die Auszeichnung eigentlich? "Wird der Nobelpreis nicht normalerweise an Leute verliehen, die etwas erreicht haben?", fragt Ed Rollins, republikanischer Stratege auf CNN.
Zwar ist die historische Bedeutung von Obamas Wahlsieg unbestritten. Weder innenpolitisch - Stichwort: Gesundheitsreform - noch außenpolitisch kann er jedoch bislang viele Ergebnisse vorweisen. Das Osloer Nobelpreiskomitee zitiert seine Bemühungen etwa zum Klimaschutz oder seine Vorschläge für eine atomwaffenfreie Welt.
Aber ein internationales Klimaabkommen scheint in weiter Ferne, seit ein amerikanisches Klima-Gesetz dazu im US-Senat feststeckt. Iran trickst weiterhin bei Angaben über sein Atom-Programm. Seit Wochen zögert Obama eine neue Entscheidung über seine Strategie für den Afghanistan-Krieg hinaus, al-Qaida formiert sich unterdessen neu in Pakistan.
In der populären US-Satiresendung "Saturday Night Live" war gerade ein Obama-Imitator zu sehen, der gefragt wurde, was er bislang erreicht habe. Er spricht immer wieder ein Wort in die Kamera: "Nichts". Der Sketch war ein Hit.
Obamas Popularitätswerte daheim sind auf Werte um 50 Prozent gefallen, so schnell wie bei kaum einem anderen modernen US-Präsidenten.
"Schöne Reden vom Teleprompter"
Hilft ihm die gute Nachricht aus Oslo? Die Ehrung könnte ihm international noch mehr Unterstützung sichern. Sogar Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad begrüßte die Entscheidung ausdrücklich.
Doch auch heimische Kritiker, die Obama seit langem als einen politischen Rockstar bezeichnen, der außer schönen Worten wenig zu bieten habe, dürfte die ungewöhnliche frühe Auszeichnung neu beflügeln.
"Barack Obama gewinnt den Nobelpreis: wofür?", kommentierte das konservative "Wall Street Journal" in seiner Online-Ausgabe. "Nun kann ein politischer Führer einen Friedenspreis gewinnen, weil er sagt, er wolle irgendwann in der Zukunft Frieden bringen."
Joe Scarborough, ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter und jetzt Moderator beim Fernsehsender MSNBC, fragt: "Bekommt er den Nobelpreis für schöne Reden vom Teleprompter? Sollten wir nicht erst einmal abwarten, was er erreicht?"
Obama-Berater David Axelrod geht solche Kritiker direkt an: "Es geht nicht darum, individuelle Preise zu gewinnen, so verdienstvoll die sein mögen. Es geht darum, Amerika nach vorne zu bringen."
Keine Zeit zum Feiern
Doch die Amerikaner haben vor den Entscheidungen des Nobelpreiskomitees oft wenig Respekt. Die Verleihungen an Jimmy Carter und Al Gore - weithin auch als Kritik an George W. Bush verstanden - wurden von deren politischen Gegnern heftig kritisiert und verspottet. "Es ist die Auszeichnung eines linken europäischen Gremiums, das ihm sagt: Wir mögen dich, weil du nicht George W. Bush bist", sagt David Gregory, Gastgeber der TV-Interview-Sendung "Meet the Press".
Doch dürfen die Kritiker der Ehrung auch nicht unpatriotisch erscheinen. Immerhin ist Obama ein amtierender amerikanischer Präsident, der vom Rest der Welt ausgezeichnet wird. Als Republikaner vorige Woche offen über die Olympia-Entscheidung gegen Chicago frohlockten, mussten sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie Amerika verlieren sehen wollen.
Obama werde daher im Dezember zur Preisverleihung nach Oslo reisen, erklärt sein Berater Axelrod. Immerhin handele es sich um eine ganz besondere Ehre.
Zum Feiern daheim wird Obama aber keine Zeit haben. Am heutigen Freitag trifft er sich mit seinen Sicherheitsberatern im Weißen Haus, es geht um die knifflige Lage in Afghanistan - und die denkbare Entsendung Tausender weiterer US-Soldaten. Der frischgebackene Friedensnobelpreisträger könnte sich schon bald entscheiden, den Krieg auszuweiten.
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH