Aus Jerusalem berichtet Christoph Schult
Es wirkt, als habe der ranghöchste Palästinenser seinen inneren Kompass verloren. Statt sich auf das Ziel zu konzentrieren, seinem Volk auf kürzestem Weg einen Staat zu verschaffen, richtet sich Abbas nach dem fehleranfälligen Navigationssystem der Amerikaner. Die aber haben ihre ursprüngliche Route bereits verlassen, weil Israel ihnen den Weg versperrte.
"Abbas' Integrität ist schwer erschüttert", sagt Mahdi Abdul Hadi. Mit seiner Organisation "Passia" bemüht sich der gelernte Jurist seit mehr als 20 Jahren um den innerpalästinensischen Dialog. Selten aber sei die Lage so düster gewesen. "Wir sind Zeuge einer schweren Führungskrise", sagt Abdul Hadi.
Er ist kein Freund der Hamas, er ist für Verhandlungen und gegen Selbstmordattentäter, aber er zollt den Islamisten Respekt. Unter ihnen herrschten ganz ähnliche Meinungsverschiedenheiten wie bei der Fatah, aber nach außen würden sie mit einer Stimme sprechen. Die Hamas sei einfach besser organisiert, sagt Abdul Hadi und erzählt von der letzten Versöhnungsrunde vor einigen Monaten in Kairo. Da seien die Islamisten mit Laptops und mobilen Druckern angereist. "Sie waren bestens vorbereitet."
Auch die Ausschreitungen auf dem Jerusalemer Tempelberg kommen der Hamas zugute. Israel hatte einigen fanatischen Siedlern erlaubt, den Tempelberg zu betreten, den die Muslime als Haram el-Scharif verehren. Muslimische Gläubige lieferten sich an mehreren Stellen in und um die Altstadt Straßenschlachten mit der israelischen Polizei. Der Chef der Islamischen Bewegung in Israel, Scheich Raed Salah, rief zur "Befreiung" der al-Aksa-Moschee von den Juden auf. Die Hamas versucht sich, wie schon bei der ersten Intifada Ende der achtziger Jahre, an die Spitze der Bewegung zu stellen. Manche sprechen bereits von einer dritten Intifada.
"Hamas leidet"
Politikexperte Abdul Hadi glaubt daher, dass der Druck der palästinensischen Straße diesmal so groß geworden ist, dass sich Fatah und Hamas einigen müssen. "Wir erleben derzeit ein nationales Erwachen", sagt er. "Israels Politik der Unterdrückung schafft gute Voraussetzungen für eine nationale palästinensische Versöhnung", erklärt Abdul Hadi. Außerdem habe auch die Hamas Interesse an einer Einheitsregierung, um ihre internationale Isolierung zu überwinden. "Hamas leidet unter der Situation in Gaza", sagt Fatah-Unterhändler Nabil Shaath, "Hamas braucht eine Lösung."
Schon vor zwei Jahren ging die Initiative für eine Versöhnung von den in Israel inhaftierten Palästinensern aus. Jetzt werben die vor zwei Wochen freigelassenen Frauen dafür. "Die Zwietracht muss ein Ende haben", sagt die Fatah-Frau Laila al-Buchari. Und die Hamas-Frau Heba al-Natscheh erzählt, die Sprecherin der Gefangenen habe ihnen vor der Entlassung eingeschärft: "Ruft draußen nur zur Einheit unseres Volkes auf."
Aber beide sind skeptisch, ob es mit dem derzeitigen Führungspersonal möglich ist. Auch bei der Hamas gebe es Politiker, die der Besatzung dienen, sagt Heba al-Natscheh und spricht sich ausgerechnet für einen Fatah-Mann als neuen Präsidenten aus: Marwan Barguti, Anführer der zweiten Intifada, der derzeit in Israel eine mehrfach lebenslängliche Haftstraße abbüßt. "Er ist der beste für den Job, auf jeden Fall besser als der jetzige", findet Natscheh.
Anfang 2010 soll es Neuwahlen geben, Abbas Kandidatur wird nach den Querelen der letzten Wochen auch von den eigenen Leuten in Frage gestellt. "Marwan Barguti ist am besten geeignet, die Lager zu versöhnen", sagt Laila al-Buchari. Doch wie ihre eigene Freilassung hängt auch die von Barguti vom Verhandlungsgeschick der Hamas ab: Auf der Liste der Gefangenen, die die Islamisten gegen den israelischen Soldaten Schalit austauschen wollen, steht Barguti ganz oben.
Aber vielleicht kann nur diese Kombination das palästinensische Schisma überwinden: Ein Fatah-Mann als Präsident, freigepresst von der Hamas.
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