Nobelpreis für Obama
Friedensbote im Dauerkrieg
Ein Kommentar von Gabor Steingart, Washington
Das Nobelpreiskomitee hat nicht Barack Obama ausgezeichnet - das Gremium in Oslo belohnte die weltweite Sehnsucht nach Frieden. Die kann Obama unmöglich erfüllen, zumindest nicht friedlich. Denn der "permanente Krieg" gegen Drogen, Mafiosi und Terroristen ist Teil unserer modernen Wirklichkeit.
Joseph Beuys hätte seine Freude an dieser Entscheidung des Nobelpreiskomitees gehabt. Der 1986 verstorbene Künstler ist der Erfinder des "erweiterten Kunstbegriffs", wonach nicht nur Maler und Bildhauer, sondern jedermann ein Künstler sein kann, auch der Politiker.
Er muss eine Idee von der künftigen, der besseren Gesellschaft besitzen, und diese mit "Willenskraft" und "intellektueller Denkfähigkeit" vorantreiben. Dadurch wirke der Politiker "plastizierend auf die Gesellschaft", weshalb Beuys auch von guter Politik als "Sozialer Plastik" sprach.
Obama ist so gesehen der ideale Preisträger. Er hat mit seiner Rede zur Schließung des Straflagers Guantanamo ("Unsere Ideale und Werte sind der beste Schutz für unsere nationale Sicherheit "), seinem Auftritt an der Kairoer Universität ("Der Kreislauf der Verdächtigungen zwischen der muslimischen und der westlichen Welt muss beendet werden.") und der Kundgebung im Stadtzentrum von Prag, als er eine Welt ohne Atomwaffen als sein Ziel beschrieb, jene Soziale Plastik geschaffen, von der Beuys träumte. Ihr Klangkörper erzeugt einen warmen Ton. Sie fasziniert Millionen.
Der Zeitpunkt der Preisverleihung kommt nicht zu früh, wie manche sagen, sondern gerade richtig. Der Blick auf die hehre Absicht wird noch durch keinen Kompromiss verstellt. Obamas Friedenssehnsucht steht klar und unverformt vor uns. Sie ist schön anzuschauen. Der Preis aus Oslo taucht sie in ein feierliches Licht.
Frieden als Kunstfigur ist uns zu wenig
Nun allerdings erwarten das Komitee (und wir alle), dass der Wortkünstler Obama diese Plastik zum Leben erweckt. Frieden als Kunstfigur ist uns zu wenig.
Kein Wunder, dass der Präsident weder mit Freude noch mit Genugtuung reagierte, als er sich am vergangenen Freitag im Rosengarten des Weißen Hauses bedankte. Der Preis beschwert ihn mehr als dass er ihn ehrt. Er treibt ihn zur Arbeit an.
Denn noch steht die Friedensplastik ziemlich steif im politischen Raum. Obama hat durch seine diplomatische Offensive zwar den Ton in den Auswärtigen Beziehungen verändert, aber noch nicht die Wirklichkeit.
Iran baut in einen Berg hinein eine Nuklearanlage. Nordkorea testet Atomraketen. Die Israelis treiben den Siedlungsbau voran. Der Taliban lässt sich mit Argumenten ohnehin nicht überzeugen, er lässt sich ja kaum fangen.
Der Krieg in Afghanistan sei nicht zu gewinnen, heißt es dann hierzulande oft. Spätestens da kommen wir ins Spiel, das Publikum. Es muss Teil der Plastik werden, wenn diese zum Leben erweckt werden soll.
Denn unser Begriff von Krieg und Frieden, das Denken in Sieg und Niederlage, Schmach und Ehre, Einmarsch und Abzug, passt nicht auf die neuzeitliche Auseinandersetzung mit einem globalen Terrorismus. Denn selbst wenn dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, so darf er trotzdem nicht verloren werden.
Das hat der Krieg gegen den Terrorismus mit dem Krieg gegen die Mafia, dem Krieg gegen Drogen und dem gegen Menschenhandel gemein. Diese Kriege sind allesamt nicht zu gewinnen und müssen dennoch geführt werden.
Mehr Drogen, mehr Mafiosi und noch mehr Terroristen
Der Gegner wird im besten Falle behindert, zurückgedrängt oder eingedämmt. Es wird immer Drogen, immer Mafiosi und immer Menschenhändler geben. Der permanente Krieg - "The Forever War", wie ihn der "New York Times"-Reporter Dexter Filkins in seinem jüngsten Buch nennt - ist Teil der modernen Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit vergeht nicht, wenn wir uns von ihr abwenden. Im Gegenteil, sie wird als Ungeheuer zu uns zurückkehren. Wenn wir uns umdrehen, erkennen wir schon weitem die Fratze: mehr Drogen, mehr Mafiosi und noch mehr Terroristen.
Fragen von großer Ernsthaftigkeit warten schon in Kürze auf den US-Präsidenten: Muss der Krieg in Afghanistan und Pakistan ausgeweitet werden? Darf Amerika Iran bombardieren und sei es, um die Vision von der atomwaffenfreien Welt am Leben zu erhalten? Wie friedlich lässt sich Frieden schaffen?
Über Erfolg oder Misserfolg des Friedensnobelpreisträgers Obama entscheidet nicht nur er, sondern auch der Blick auf ihn. Wenn er Frieden nur friedlich schaffen darf, muss er scheitern. Wenn er Iran nur mit Worten vom Bau der Bombe abhalten darf, hat er kaum eine Chance.
Der Preis verlangt viel von Obama. Aber er verlangt auch viel von uns. Erst wenn Politiker und Publikum sich zu einer Sicht der Dinge vereinen, entsteht das, was Joseph Beuys das "Gesamtkunstwerk" nannte. Der Aktionskünstler sagte oft: "Die Soziale Plastik ist eine Kommunion."
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NOBELPREIS FÜR OBAMA - REAKTIONEN DER US-PRESSE
Selbst die dem US-Präsidenten wohlgesonnene "New York Times" äußert Bedenken an der Entscheidung des Osloer Komitees, den Friedensnobelpreis an Barack Obama zu vergeben. "Für Obama könnte die Auszeichnung zur Bürde werden. Obama hatte sich schon im Wahlkampf Vorwürfe anhören müssen, er setze zu viel auf internationale Popularität und verschleiere damit politische Inhalte. Ein Friedensnobelpreis in seinem Alter, nach nur neun Monaten im Amt gibt seinen Kritikern neues Futter."
Jennifer Loven von der Associated Press schreibt in einem Kommentar: "Der Preis wurde für Versprechen, nicht für Leistungen verliehen. Die meisten der ehrgeizigen Ziele Obamas, ob daheim oder im Ausland, sind doch gerade erst angelaufen und längst nicht beendet. Er hat keinen Grund, auf etwas stolz zu sein, das die Auszeichnung rechtfertigen würde."
Scharfe Worte findet Michael Binyon, Kommentator von "Times Online". Er nennt die Entscheidung "absurd", sie mache aus der renommierten Auszeichnung eine "Farce". Selten sei eine Preisvergabe so tendenziös und voreingenommen entschieden worden. "Es liegt auf der Hand, dass das Komitee mit der Ehrung die Erleichterung Europas über das Ende der Ära Bush zum Ausdruck bringen und dem ersten schwarzen Präsidenten der USA Beifall zollen wollte." Allerdings sei die Rechnung nicht aufgegangen. "Stattdessen macht sich das Komitee in seinen Grundfesten lächerlich, indem es einen Mann ehrt, der gerade erst am Anfang seiner Amtszeit steht und noch keine handfesten Friedenserfolge vorzuweisen hat."
Der britische "Economist" schreibt: "Bislang hat Obama lediglich erreicht, dass sich der diplomatische Umgang mit einigen Staaten etwas entspannt hat. Selbst wenn der Preis mit der Intention verliehen wurde, Obama zu ermutigen: Es wäre viel überzeugender gewesen, damit zu warten. Bis der US-Präsident die Chance bekommen hat, seine Ziele umzusetzen." Allerdings sei es fraglich, ob Obama dies gelinge: "Im Moment arbeitet er an etlichen Projekten, bringt aber keines wirklich zu Ende."
"In Wahrheit hat Obama den Preis dafür bekommen, dass er nicht George W. Bush ist", meint der "Guardian". "Die Frage ist nun, ob eine so mühelos verdiente Ehrung Obama wirklich helfen wird - oder der Preis noch doch ein Klotz am Bein ist, weil die Erwartungen zu hoch sind."
"Kurzfristig verleiht der Preis Obama mehr Durchsetzungskraft, mehr Autorität bei Verhandlungen mit renitenten Staaten", schreibt das amerikanische "Time Magazine". "Aber eine Inspiration für den Frieden zu sein, das reicht nicht. Frieden schafft man mit Scharfsinn, mit harten Verhandlungen in langen Prozessen. Noch hat Obama dieses Geschick nicht bewiesen."
Die "Washington Post" nennt die Entscheidung aus Oslo "überwältigend", ist aber ebenfalls überrumpelt - schließlich sei es wohl noch ein bisschen früh, einem Präsidenten in seinem ersten Amtsjahr gleich diesen Preis zu verleihen. Kommentatorin Ruth Marcus ist außer sich: "Das ist einfach lächerlich, peinlich! Ich liebe Präsident Obama, ich schätze ihn, ich habe ihn gewählt. Aber er bekommt den Preis für ein paar gute Monate. Sicherlich konnte er, als er heute morgen mit der Nachricht geweckt wurde, selbst nicht fassen. Es ist einfach bizarr."
Verwundert zeigt sich auch Iain Martin im "Wall Street Journal". Er findet die Auszeichnung für den US-Präsidenten "schlicht bizarr". Und fragt: Wofür? Weil Obama Frieden mit Hillary Clinton, seiner Wahlkampf-Widersacherin geschlossen hat? Oder etwa für mehr Truppen und Waffen in Afghanistan? Iain Martin nennt es "postmodern", dass ein Mann einen Preis gewinnt, indem er seinen bloßen "Hoffnungen auf Frieden" verbal Ausdruck verleiht.
"Er hat es verdient"
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WORTLAUT: DIE BEGRÜNDUNG DES OSLOER KOMITEES
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"Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis für seinen
außergewöhnlichen Einsatz zur Stärkung der internationalen Diplomatie
und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern. Das Komitee hat
besonderes Gewicht auf seine Vision und seinen Einsatz für eine Welt
ohne Atomwaffen gelegt. Obama hat als Präsident ein neues Klima in
der internationalen Politik geschaffen. Multilaterale Diplomatie
steht wieder im Mittelpunkt, mit besonderem Gewicht auf der Rolle,
die die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen
spielen. Dialog und Verhandlungen sind hier die bevorzugten Mittel,
um auch die schwierigsten internationalen Konflikte zu lösen.
Die Vision einer atomwaffenfreien Welt hat auf kraftvolle Weise
Verhandlungen um Abrüstung und Rüstungskontrolle neu belebt. Durch
Obamas Initiativen spielen die USA jetzt eine konstruktivere Rolle
zur Bewältigung der enormen Klima-Herausforderungen, mit denen die
Welt konfrontiert ist.
Demokratie und Menschenrechte sollen gestärkt werden. Es geschieht
selten, dass eine Person wie jetzt Obama die Aufmerksamkeit der Welt
derart auf sich zieht und neue Hoffnungen auf eine bessere Zukunft
entfacht. Seine Diplomatie fußt auf der Vorstellung, dass diejenigen,
die die Welt führen sollen, dies auf der Grundlage von Werten und
Haltungen tun müssen, die von der Mehrheit der Weltbevölkerung
geteilt werden.
Über 108 Jahre hat das norwegische Nobelkomitee genau die Art von
internationaler Politik und von Haltungen zu stärken versucht, für
die Obama jetzt zum weltweit führenden Sprecher geworden ist. Das
Komitee will sich hinter Obamas Appell stellen: "Now is the time for
all of us to take our share of responsibility for a global response
to global challenges." ("Jetzt ist es an der Zeit, dass wir alle
unseren Teil der Verantwortung für eine globale Antwort auf globale
Herausforderungen übernehmen.")"