ThemaWest WingRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.10.2009
 

Nobelpreis für Obama

Friedensbote im Dauerkrieg

Ein Kommentar von Gabor Steingart, Washington

Obama-Regierung gegen Fox News: Medienkrieg in Washington
Fotos
AP

Das Nobelpreiskomitee hat nicht Barack Obama ausgezeichnet - das Gremium in Oslo belohnte die weltweite Sehnsucht nach Frieden. Die kann Obama unmöglich erfüllen, zumindest nicht friedlich. Denn der "permanente Krieg" gegen Drogen, Mafiosi und Terroristen ist Teil unserer modernen Wirklichkeit.

Joseph Beuys hätte seine Freude an dieser Entscheidung des Nobelpreiskomitees gehabt. Der 1986 verstorbene Künstler ist der Erfinder des "erweiterten Kunstbegriffs", wonach nicht nur Maler und Bildhauer, sondern jedermann ein Künstler sein kann, auch der Politiker.

Er muss eine Idee von der künftigen, der besseren Gesellschaft besitzen, und diese mit "Willenskraft" und "intellektueller Denkfähigkeit" vorantreiben. Dadurch wirke der Politiker "plastizierend auf die Gesellschaft", weshalb Beuys auch von guter Politik als "Sozialer Plastik" sprach.

Obama ist so gesehen der ideale Preisträger. Er hat mit seiner Rede zur Schließung des Straflagers Guantanamo ("Unsere Ideale und Werte sind der beste Schutz für unsere nationale Sicherheit "), seinem Auftritt an der Kairoer Universität ("Der Kreislauf der Verdächtigungen zwischen der muslimischen und der westlichen Welt muss beendet werden.") und der Kundgebung im Stadtzentrum von Prag, als er eine Welt ohne Atomwaffen als sein Ziel beschrieb, jene Soziale Plastik geschaffen, von der Beuys träumte. Ihr Klangkörper erzeugt einen warmen Ton. Sie fasziniert Millionen.

Der Zeitpunkt der Preisverleihung kommt nicht zu früh, wie manche sagen, sondern gerade richtig. Der Blick auf die hehre Absicht wird noch durch keinen Kompromiss verstellt. Obamas Friedenssehnsucht steht klar und unverformt vor uns. Sie ist schön anzuschauen. Der Preis aus Oslo taucht sie in ein feierliches Licht.

Frieden als Kunstfigur ist uns zu wenig

Nun allerdings erwarten das Komitee (und wir alle), dass der Wortkünstler Obama diese Plastik zum Leben erweckt. Frieden als Kunstfigur ist uns zu wenig.

Kein Wunder, dass der Präsident weder mit Freude noch mit Genugtuung reagierte, als er sich am vergangenen Freitag im Rosengarten des Weißen Hauses bedankte. Der Preis beschwert ihn mehr als dass er ihn ehrt. Er treibt ihn zur Arbeit an.

Denn noch steht die Friedensplastik ziemlich steif im politischen Raum. Obama hat durch seine diplomatische Offensive zwar den Ton in den Auswärtigen Beziehungen verändert, aber noch nicht die Wirklichkeit.

Iran baut in einen Berg hinein eine Nuklearanlage. Nordkorea testet Atomraketen. Die Israelis treiben den Siedlungsbau voran. Der Taliban lässt sich mit Argumenten ohnehin nicht überzeugen, er lässt sich ja kaum fangen.

Der Krieg in Afghanistan sei nicht zu gewinnen, heißt es dann hierzulande oft. Spätestens da kommen wir ins Spiel, das Publikum. Es muss Teil der Plastik werden, wenn diese zum Leben erweckt werden soll.

Denn unser Begriff von Krieg und Frieden, das Denken in Sieg und Niederlage, Schmach und Ehre, Einmarsch und Abzug, passt nicht auf die neuzeitliche Auseinandersetzung mit einem globalen Terrorismus. Denn selbst wenn dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, so darf er trotzdem nicht verloren werden.

Das hat der Krieg gegen den Terrorismus mit dem Krieg gegen die Mafia, dem Krieg gegen Drogen und dem gegen Menschenhandel gemein. Diese Kriege sind allesamt nicht zu gewinnen und müssen dennoch geführt werden.

Mehr Drogen, mehr Mafiosi und noch mehr Terroristen

Der Gegner wird im besten Falle behindert, zurückgedrängt oder eingedämmt. Es wird immer Drogen, immer Mafiosi und immer Menschenhändler geben. Der permanente Krieg - "The Forever War", wie ihn der "New York Times"-Reporter Dexter Filkins in seinem jüngsten Buch nennt - ist Teil der modernen Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit vergeht nicht, wenn wir uns von ihr abwenden. Im Gegenteil, sie wird als Ungeheuer zu uns zurückkehren. Wenn wir uns umdrehen, erkennen wir schon weitem die Fratze: mehr Drogen, mehr Mafiosi und noch mehr Terroristen.

Fragen von großer Ernsthaftigkeit warten schon in Kürze auf den US-Präsidenten: Muss der Krieg in Afghanistan und Pakistan ausgeweitet werden? Darf Amerika Iran bombardieren und sei es, um die Vision von der atomwaffenfreien Welt am Leben zu erhalten? Wie friedlich lässt sich Frieden schaffen?

Über Erfolg oder Misserfolg des Friedensnobelpreisträgers Obama entscheidet nicht nur er, sondern auch der Blick auf ihn. Wenn er Frieden nur friedlich schaffen darf, muss er scheitern. Wenn er Iran nur mit Worten vom Bau der Bombe abhalten darf, hat er kaum eine Chance.

Der Preis verlangt viel von Obama. Aber er verlangt auch viel von uns. Erst wenn Politiker und Publikum sich zu einer Sicht der Dinge vereinen, entsteht das, was Joseph Beuys das "Gesamtkunstwerk" nannte. Der Aktionskünstler sagte oft: "Die Soziale Plastik ist eine Kommunion."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 1858 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.12.2009 von arkor:

Richtig. Es waren schon großartige Momente in der Geschichte der Menschheit, als manche Staatsmänner den Hass und den Krieg zwischen den Nationen, mit einem Handschlag überbrückten, oder dies zumindest versuchten. Dafür ist [...] mehr...

14.12.2009 von Christian Wernecke:

Wie peinlich das Ganze, wie die Europäer dem Mann Honig um den Mund schmieren, wo er nicht einmal Gelegenheit hatte, sich als Friedensstifter wahrhaftig zu bewähren. Ich glaube, er selbst war froh, als er von dieser Veranstaltung [...] mehr...

14.12.2009 von JDR:

The Times had the documents, which were originally written in Farsi, translated into English and had the translation separately verified by two Farsi speakers. While much of the language is technical, it is clear that the [...] mehr...

14.12.2009 von Montanabear: Nobelpreis für Barack Obama

Glauben Sie ruhig dem Willie. die Google- und Wikileute schreiben alle voneinander ab. Topagenten outen sich gewöhnlich erst nach 30 Jahren. mehr...

14.12.2009 von Indogermane_HS:

Natürlich gibt es die: BEIDE gewinnen - und zwar in dem KEINER den anderen angreift. So einfach ist das. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema West Wing

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Nobelpreis für Obama - Reaktionen der US-Presse

"New York Times": "Futter für Kritiker"

Selbst die dem US-Präsidenten wohlgesonnene "New York Times" äußert Bedenken an der Entscheidung des Osloer Komitees, den Friedensnobelpreis an Barack Obama zu vergeben. "Für Obama könnte die Auszeichnung zur Bürde werden. Obama hatte sich schon im Wahlkampf Vorwürfe anhören müssen, er setze zu viel auf internationale Popularität und verschleiere damit politische Inhalte. Ein Friedensnobelpreis in seinem Alter, nach nur neun Monaten im Amt gibt seinen Kritikern neues Futter."


Associated Press: "Kein Grund stolz zu sein"

"Times": "Absurd"

"Economist": "Viel zu früh"

"Guardian": "Mühelos verdient"

"Time Magazine": "Das reicht nicht"

"Washington Post": "Lächerlich, peinlich"

"Wall Street Journal": "Wofür?"


Wortlaut: Die Begründung des Osloer Komitees

Klicken Sie auf die Überschrift für die Erklärung

"Neues Klima in der internationalen Politik"





TOP



TOP