Von Hasnain Kazim
Islamabad - Solche Bilder hätte man vor kurzem noch für unmöglich gehalten: Terroristen dringen in das hochgesicherte Hauptquartier der pakistanischen Armee in Rawalpindi ein und halten die Soldaten mit einer Geiselnahme fast 24 Stunden in Schach.
US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte denn auch nach der blutigen Geiselbefreiung durch ein Sonderkommando, Extremisten würden zwar den pakistanischen Staat "zunehmend herausfordern", aber es gebe "keinen Hinweis, dass sie die Macht im Staat übernehmen" könnten. Sie betonte, die USA hätten Vertrauen in die Fähigkeiten des pakistanischen Militärs, die Nuklearwaffen des Landes vor einem Zugriff von Taliban zu schützen. Auch ihr britischer Kollege David Miliband sagte, er sehe keine Gefahr, dass Terroristen in den Besitz der pakistanischen Atomwaffen gelangten. "Ich denke, es ist äußerst wichtig, jetzt nicht in Alarmismus zu verfallen."
Doch wie sicher sind die pakistanischen Atomarsenale wirklich? Eine Sicherheitsexpertin in Islamabad erklärt, der Angriff auf das Armeehauptquartier zeige, dass das Militär durchaus von einer kleinen Gruppe Terroristen überwältigt werden könne. "Wer garantiert, dass das nicht auch in einem der Atomdepots geschieht?", fragt die Wissenschaftlerin, die namentlich nicht genannt werden möchte.
"Eine Sache der staatlichen Souveränität"
Wo exakt die Atomsprengköpfe gelagert sind und über wie viele Pakistan verfügt, darüber hüllt sich die Regierung in Schweigen. Dies, erklärte Pakistans Präsident Asif Ali Zardari, sei "eine Sache der staatlichen Souveränität". Selbst amerikanische Beobachter in Islamabad beklagen, zu wenige Informationen über das Nukleararsenal zu bekommen. Dabei üben die USA massiv politischen Druck auf Pakistan aus und tragen "maßgeblich zur Sicherung des Materials" bei, sagt ein Botschaftsangehöriger. Demnach zahlte allein die US-Regierung unter Präsident George W. Bush rund hundert Millionen Dollar für die Ausbildung pakistanischer Wachsoldaten in den USA und für den Bau eines Trainingscenters für nukleare Sicherheit in Pakistan. Außerdem haben die USA den pakistanischen Sicherheitskräften Ausrüstungsgegenstände wie Hubschrauber, Nachtsichtgeräte und Dekontaminierungsmittel zur Verfügung gestellt.
Ein direkt an den Sprengköpfen anzubringendes System, um ein Zünden ohne Kenntnis eines Sicherheitscodes zu verhindern, haben die USA den Pakistanern jedoch nicht überlassen. Gegner eines solchen Technologietransfers in Washington befürchteten, man würde damit zu viel an geheimem Wissen preisgeben. Umgekehrt waren die Pakistaner nicht an dem System interessiert, weil sie glaubten, die Amerikaner könnten damit eigenmächtig die Sprengköpfe kontrollieren und sie gegebenenfalls sogar außer Gefecht setzen.
Die Pakistaner sind stolz auf ihr Können in Sachen Atomwaffen, das sie in jahrelanger Arbeit und mit Hilfe Kanadas, Frankreichs und Chinas erlangten. Keinesfalls soll ein anderes Land hier zu viel Einfluss erlangen. Eine Bewachung der Arsenale durch Soldaten eines fremden Landes? "Das wird es niemals geben", sagt ein hochrangiger Militär. Man werde die Atomwaffen schon selbst ausreichend gut beschützen. Generalleutnant Khalid Kidwai, zuständig für den Schutz des nuklearen Materials, wird nicht müde zu betonen, dass die pakistanischen Waffen sicher seien. "Bitte trauen Sie Pakistan zu, dass es, wenn es in der Lage ist, Nuklearwaffen und die dafür nötigen Trägerraketen herzustellen, auch fähig ist, diese Waffen ausreichend zu schützen", erklärte er dem "New York Times Magazin". Die Bomben, sagen Experten, seien über mehrere Standorte verstreut und würden außerdem nicht in zündungsfähigem Zustand gelagert. In den USA existieren Berichten zufolge außerdem Notfallpläne, wonach Washington einen Zugriff von Terroristen auf die Atombomben militärisch verhindern würde.
Ein Teil der Hilfsgelder für Zäune und Überwachungssysteme
Bislang beschränkt sich die US-Hilfe auf einfaches technisches Material und Ausbildung. Beobachter gehen davon aus, dass auch die US-Regierung unter Barack Obama finanzielle Mittel für den Schutz der Atomdepots zur Verfügung stellt. "Man kann davon ausgehen, dass ein Teil der Hilfsgelder für Zäune und Überwachungssysteme ausgegeben werden", sagt die Sicherheitsexpertin. Die US-Botschaft in Islamabad will dazu aber aus Sicherheitsgründen keine Angaben machen.
Pakistanische Experten sind überzeugt, dass die Amerikaner ohnehin längst im Bilde sind - indem sie sich per Satellitenaufnahmen und durch Spionage einen Überblick verschafft haben. Demnach verfügt Pakistan über schätzungsweise 60 bis 100 Atomsprengköpfe, Tendenz steigend. Es heißt, die pakistanischen Depots befänden sich im Westen des Landes, um sie in sicherer Entfernung vom östlichen Nachbarn und Erzfeind Indien zu wissen. Doch seit Beginn des Anti-Terror-Kriegs in Afghanistan kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 befinden sich diese Arsenale in einem äußerst unsicheren Gebiet: Viele Taliban und Mitglieder des Terrornetzwerks al-Qaida nutzen den Westen Pakistans als sicheres Rückzugsgebiet aus dem umkämpften Afghanistan.
Noch weniger ist über die nuklearen Labore bekannt, wo hochqualifizierte pakistanische Wissenschaftler mit gefährlichem Material experimentieren und neue Waffen entwickeln. Für Sorge hatte ab Mitte der neunziger Jahre der Atomwissenschaftler Abdul Qadir Khan gesorgt, der in Pakistan als "Vater der Atombombe" verehrt wird und entsprechende Technologie an Libyen, Iran und Nordkorea verkaufte, wie er selbst einräumte - und damit deutlich machte, dass die pakistanische Regierung größere Anstrengungen unternehmen muss, nicht nur seine Arsenale, sondern auch das Wissen zu schützen.
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