Von Christoph Schult, Jerusalem
Jerusalem - Die Zelle misst nur wenige Quadratmeter und hat kein Fenster. Auf dem Boden liegt eine Matratze, daneben befindet sich eine "türkische Toilette": So werden die Löcher im Zellenboden bezeichnet, wo die Gefangenen ihre Notdurft verrichten dürfen.
Fast einen Monat lang wird Mohammed Othman bereits im "Kishon Detention Center" im Norden Israels festgehalten, doch was man ihm vorwirft, wissen weder er noch seine Anwälte. Mohammed Othman sitzt in sogenannter Administrativhaft, auf Hebräisch "Maazar Minhali", genau wie rund 335 andere Palästinenser.
Nach einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Betselem sitzen mehr als ein Drittel der "Administrativhäftlinge" länger als sechs Monate ein, ein Drittel seit über einem Jahr, acht Prozent seit mindestens zwei Jahren. Die israelische Armee bestätigt diese Zahlen, betont jedoch, sie seien seit Jahren rückläufig.
Israel bezeichnet sich zu Recht als die einzige Demokratie im Nahen Osten, aber die Praxis der Administrativhaft hat mit den Prinzipien eines Rechtsstaat wenig zu tun. Militärrichter entscheiden, ob die Haft verlängert wird - und meistens stimmen sie den Anträgen der Militärstaatsanwälte zu, die wiederum vom Inlandsgeheimdienst Shabak gefüttert werden. Das angebliche Beweismaterial wird den Beschuldigten und ihren Anwälten vorenthalten.
Das Material sei geheim und könne den Beschuldigten und ihren Anwälten "aus Sicherheitsgründen" nicht gezeigt werden, sagt ein Sprecher der israelischen Armee. Er räumt aber immerhin ein, dass solche Militärprozesse "zweifelsohne fehleranfällig" seien. Übersetzt heißt das: Ein faires Verfahren sieht anders aus.
Üble Haftbedingungen
Dreimal verlängerte das Salem-Militärgericht im Norden des Westjordanlandes bereits Mohammed Othmans Haft. Insgesamt 90 Tage ist es nach israelischen Recht möglich, einen Palästinenser ohne Anklage einzusperren, ein Richter des militärischen Berufungsgerichts kann diese Haft um noch einmal 90 Tage verlängern.
Zuletzt tagte das Militärgericht im Fall Othman am Montag dieser Woche. Zwar stimmte Richter Elijahu Nimni nicht den von den Geheimdienstlern geforderten 23 zusätzlichen Verhörtage zu, aber er genehmigte eine Verlängerung um zehn Tage. Nach Aussagen von Othmans Anwälten sagte Richter Nimni, dass diese zehn Tage nötig seien, um den "Verdacht" gegen den Palästinenser zu klären. Othman zu entlassen, bedeute ein Sicherheitsrisiko.
Die Organisation Addameer hat ihm Anwälte zur Seite gestellt. Denen gegenüber klagte der 33-Jährige über die üblen Haftbedingungen. Er werde stundenlang verhört, am schlimmsten sei es am 15. Oktober gewesen, dort sei er von mittags 1:45 Uhr bis nachts 1:20 Uhr in die Mangel genommen worden. Als Mohammed Othman vor Erschöpfung auf seinem Stuhl einschlief, gossen die Ermittler kaltes Wasser über seinen Kopf.
Vergebliches Bitten um Informationen
Was man ihm vorwirft, weiß Othman immer noch nicht. Er sei mit keinen konkreten Daten, Namen oder Ereignissen konfrontiert worden, erzählt er seinen Anwälten. Was liegt gegen ihn vor? Das wollte auch SPIEGEL ONLINE vom Inlandsgeheimdienst wissen. "Das können wir nicht ausführen", hieß es in einer schriftlichen Antwort. Auf die telefonische Nachfrage, wie derlei Intransparenz mit dem Rechtsstaat vereinbar sei, sagte eine Sprecherin des Geheimdienst: "Das geht alles nach Recht und Ordnung. Vertrauen Sie uns!"
Ganz ähnlich erging es diversen westlichen Botschaften. Vergeblich bat die schwedische EU-Ratspräsidentschaft um Informationen, doch nicht einmal der Haftgrund wurde ihr mitgeteilt. Sie und andere Staaten protestierten gegen die Festnahme.
Die Administrativhaft werde gegen Terrorverdächtige eingesetzt, teilt die israelische Armee mit. Doch gerade das scheint im Fall Othman höchst zweifelhaft. Er wurde am 22. September verhaftet, als er aus Jordanien über die Allenby-Brücke zurück ins Westjordanland reisen wollte. Er kam zurück von einem Besuch in Norwegen, wo er unter anderem die norwegische Finanzministerin Kristin Halvorsen traf.
"Kein Respekt vor friedlichem Protest"
Mehrere westliche Diplomaten verbürgen sich für seine Unschuld. Othman ist für seine Politik der strikten Gewaltfreiheit bekannt. In seinem Heimatdorf Jayyous organisiert er Proteste und Demonstrationen gegen den Bau des Sperrwalls, mit dem sich Israel gegen Terroristen schützen will. Othman und andere Aktivisten wenden sich vor allem gegen den Verlauf des Sperrwalls, für den Land enteignet wurde, das den Palästinensern in Jayyous gehört.
Dass sich die Israelis ausgerechnet einen Anhänger des gewaltfreien Protests geschnappt haben, bringt manchen westlichen Diplomaten in der Region in Rage. "Viele Palästinenser interpretieren das so, dass Israel selbst friedlichen Protest nicht respektiert", sagt ein ausländischer Beobachter.
Die Regierung in Jerusalem lässt die Vorwürfe abprallen. Es ist noch nicht einmal klar, wer die politische Verantwortung für die Politik der "Administrativhaft" trägt. Auf eine entsprechende Anfrage von SPIEGEL ONLINE verwies das Verteidigungsministerium ans Amt des Premierministers, von dort wurde man weitergeleitet zum Justizministerium und das wiederum verwies zurück ans Verteidigungsministerium. Doch von dort kam bis heute keine Antwort.
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