Bagdad - Die irakischen Sicherheitskräfte hatten die Straße mitten in Bagdad gerade erst wieder für den Verkehr freigegeben. Viele Bürger empfanden diese Entscheidung als Zeichen für eine Verbesserung der Sicherheitslage. Lange Zeit war die Route aus Angst vor Anschlägen gesperrt gewesen - schließlich reihen sich hier mehrere Regierungsgebäude aneinander: Das Justizministerium und das Arbeitsministerium. Das Gebäude der Regionalregierung liegt in der Nähe, die schwer bewachte Grüne Zone ist nicht weit. Das Viertel galt als relativ sicher.
Doch am Sonntagmorgen gegen halb elf Uhr Ortszeit war es mit dem Glauben an eine entspanntere Lage schon wieder vorbei. Nur wenige Minuten nacheinander verübten Selbstmordattentäter zwei Anschläge mit Autobomben vor dem Justizministerium und der Regionalregierung. Mehr als 130 Menschen starben, 600 weitere mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden. Die Straße, über die sich gerade noch Autokolonnen durch den Stau gearbeitet hatten: ein Trümmerfeld. Einen so verheerenden Anschlag hat Bagdad seit Jahren nicht erlebt.
Dichter Rauch stieg auf, als Rettungskräfte verzweifelt nach Überlebenden in Häusertrümmern suchten. Verkohlte und verstümmelte Leichen wurden geborgen, ausgebrannte Fahrzeuge säumten die Straßen rund um die zerstörten Regierungsgebäude in der Nähe des Flusses Tigris. Augenzeugen berichteten, viele Opfer seien von der Wucht der Explosionen regelrecht in Stücke gerissen worden.
"Die Explosionen waren so schrecklich laut, dass jeder von Panik und Horror ergriffen wurde, und danach hing eine riesige Rauchwolke über der Stadt", berichtete der Fotograf Habib al-Lami, der sich in einem benachbarten Hotel aufhielt. "Die Wucht der Explosion war so groß, dass die Leichenteile weit durch die Luft geschleudert wurden. Viele Menschen verbrannten in ihren Autos." Ein Ladenbesitzer sagte nur fassungslos: "Ich weiß nicht, wieso ich noch am Leben bin. Die Explosion hat alles zerstört, nichts ist mehr dort, wo es einmal war."
"Viele, viele Opfer"
"Die Wände sind eingestürzt, und wir sind um unser Leben gerannt!" Jasmin Afdhal, eine Angestellte bei der Regionalverwaltung in Bagdad, hat den Doppelanschlag vom Sonntagmorgen hautnah miterlebt. "Es gab viele, viele Opfer. Ich habe gesehen, wie sie weggetragen wurden", schildert die 24-Jährige. Sie selbst hat großes Glück gehabt und blieb unversehrt.
Bei der zweiten Explosion bildete sich ein riesiger Feuerball, über der Stadt stieg schwarzer Rauch auf. Auch eine Salve von Maschinengewehrfeuer war zu hören. Krankenwagen eilten zum Tatort. Zivilisten wurden gebeten, mit ihren Privatautos Verletzte in die Kliniken zu bringen. Einige Leichen seien zu heiß gewesen, um sie anzufassen und hätten in Tücher gewickelt werden müssen, sagten Retter.
Feuerwehrleute versuchten, über Leitern in die oberen Stockwerke der fast völlig zerstörten Bauten vorzudringen, wo sie weitere Opfer befürchteten. Schreie gellten durch die Straßen. Unter den Toten waren nach Klinikangaben zahlreiche Frauen und ältere Menschen.
Mehr Gewalt vor den Wahlen befürchtet
Generalmajor Qassim al-Mussawi vom Kommandozentrum in Bagdad ließ keinen Zweifel daran, gegen wen diese Anschläge gerichtet waren: "Sie galten der Regierung und dem politischen Prozess in diesem Land." Beobachter befürchten, dass die Gewalt vor der Parlamentswahl am 16. Januar wieder ansteigen könnte. Dies wäre nicht zuletzt ein schwerer Schlag für Ministerpräsident Nuri al-Maliki. Denn nur bei einer verbesserten Sicherheitslage dürfte er gute Aussichten auf seine Wiederwahl haben.
"In diesem Land tobt ein politischer Kampf, und wir zahlen dafür den Preis", klagt Mohammed al-Rubaiej, Mitglied des Regionalrats von Bagdad. Allein in seiner Behörde wurden am Sonntag mindestens 25 Mitarbeiter getötet. "Jeder Politiker ist dafür verantwortlich, und auch die Regierung ist verantwortlich und ebenso die Sicherheitsbehörden", fügt der Schiit hinzu.
Al-Maliki besuchte später den Anschlagsort, um sich persönlich ein Bild der Lage zu verschaffen. Sein Sprecher erklärte später, das Terrornetz al-Qaida und Überreste der unter dem früheren Diktator Saddam Hussein herrschenden Baath-Partei seien für das Blutbad verantwortlich. Der Regierungschef ist sich darüber im Klaren, welche Aufgabe jetzt vor ihm liegt. Er muss der Bevölkerung beweisen, dass seiner Regierung trotz des Abzuges der US-Truppen aus den großen irakischen Städten eine weitere Stabilisierung der Sicherheitslage gelingt. Denn US-Präsident Barack Obama will bislang an seinem Plan für einen vollständigen militärischen Rückzug der USA aus dem Irak bis August kommenden Jahres festhalten.
Die Zahl der Anschläge im Irak ist seit dem Rückzug der US-Soldaten aus den Städten am 30. Juni wieder stark gestiegen. Am 19. August wurden bei Anschlägen auf das Außen- und das Finanzministerium in Bagdad mindestens 95 Menschen getötet und mehr als 600 verletzt. Das Blutbad vom Sonntag war das folgenschwerste seit August 2007. Damals starben bei Bombenanschlägen auf zwei Dörfer nahe Mossul im Nordirak rund 500 Menschen. Hunderte wurden verletzt.
ler/AP/Reuters/dpa
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