Von Hasnain Kazim, Islamabad
Islamabad - Die Zahl der Todesopfer wächst von Minute zu Minute. Der Polizeisprecher mit goldener Rayban-Sonnenbrille steht mit Blick geradeaus vor den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes. Ständig klingelt sein Telefon, Ärzte und Sicherheitskräfte teilen ihm die neusten Zahlen mit. "Bislang wurden 60 Menschen durch die Explosion getötet, mindestens 150 wurden verletzt", sagt er.
Mehrere Fernsehkameras filmen ihn, er versucht, die Fassung zu wahren. "Die meisten Opfer sind Frauen und Kinder", sagt er - und seine Stimme wird dann doch brüchig. Er räuspert sich. Dann sagt er, wieder in nüchternem Ton: "Die Detonation wurde ausgelöst durch eine Autobombe mit 150 Kilogramm Sprengstoff."
In Peschawar herrschen Chaos und Panik: Mehrere Häuser sind in sich zusammengefallen, mindestens 15 Geschäfte vollständig zerstört. Fernsehbilder zeigen Rettungskräfte, die Menschen unter den Trümmern hervorziehen. Weinende, schreiende Menschen mit Wunden und verbrannter Haut stehen da, dazwischen rennen Polizisten und Sanitäter hin- und her, außerdem drängen immer mehr Schaulustige ins Gemenge. Die Polizei ist zeitweise nur damit beschäftigt, sie zurückzudrängen und den Ort des Terrors abzuriegeln. Krankenwagen fahren blutende Menschen ins nahe gelegene "Lady Reading Hospital".
Der Polizist mit der Sonnenbrille telefoniert wieder. Jetzt sagt er: "Ich kann Ihnen mitteilen, dass es inzwischen 80 Todesopfer und mindestens 170 Verletzte gibt." Die Zahl der Opfer könnte wegen der Menschen, die unter den Trümmern vermutet werden, noch deutlich ansteigen, sagt auch der Informationsminister der Nordwest-Grenzprovinz, Mian Iftikhar Hussain. Peschawar ist die Hauptstadt dieser Provinz. Wenige Stunden später werden bereits 91 Tote und 200 Verletzte gemeldet.
Ausdehnung des Kampfgebiets auf Pakistan
Längst hat sich das Kampfgebiet im Anti-Terror-Krieg auch auf Pakistan ausgedehnt: Hier, im Grenzland zwischen Afghanistan und Pakistan, beschießen amerikanische Drohnen Taliban-Stellungen, hier im Gebirge vermuten US-Agenten sowohl Taliban-Chef Mullah Omar als auch Qaida-Chef Osama Bin Laden. Und hier tragen Militante die Gewalt in alle großen Städte. Politiker und Sicherheitsexperten vermuten die Taliban hinter dem Anschlag in Peschawar.
Pakistan ist neben dem Westen ein Hauptfeind der Extremisten, da die Regierung des Landes auf Seiten der Anti-Terror-Krieger steht und den Taliban den Kampf angesagt hat. Im Mai vertrieb die pakistanische Armee im Swat-Tal und in Malakand, nur hundert Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Islamabad, die Extremisten nach einer blutigen Armeeoffensive, nach Militärangaben wurden dabei mehr als 2000 Taliban getötet.
Mitte Oktober startete die Armee dann eine lange erwartete Bodenoffensive gegen Taliban in Süd-Waziristan, einer Region in den Stammesgebieten unter Bundesverwaltung. Die Militanten haben Islamabad Rache geschworen - und beweisen derzeit, dass sie trotz angeblicher Schwächung nach dem Tod ihres Anführers Baitullah Mehsud im August in der Lage sind, das Land zu treffen.
Ihre Ziele sind nicht nur Staatsbedienstete wie Soldaten und Polizisten, sondern auch Zivilisten. Taliban betonen immer wieder, diese unschuldigen Menschen hätten als Bürger des "verräterischen Staates Pakistan" den Tod verdient. Ihre Schläge verüben die Extremisten in den Städten, auf belebten Märkten in den Zentren sind ihnen viele Opfer sicher, hier haben sie die mediale Aufmerksamkeit, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Vergangene Woche sprengten sich zwei Selbstmordattentäter sogar in einer Universität in Islamabad in die Luft und rissen fünf Menschen mit in den Tod.
Anti-Taliban-Kurs von Islamabad nicht unumstritten
Am härtesten trifft der Terror Peschawar, diese nur etwa 40 Kilometer von der Grenze zu Afghanistan entfernte Stadt. Peschawar gilt als Einfallstor für Militante aus Afghanistan, die sich anschließend im unübersichtlichen Bergland verstecken und auf den nächsten Einsatz in Afghanistan oder Pakistan vorbereiten. Die verheerende Explosion vom Mittwoch ist nur eine weitere in einer Liste von vielen Anschlägen. Sicherheitsexperten sagen, Peschawar sei inzwischen eine gefährlichere Stadt als die afghanische Hauptstadt Kabul. Aber auch in anderen Städten wie Rawalpindi und Lahore hat der Terror zugenommen, mehr als 200 Menschen sind seit Anfang Oktober in Pakistan in Folge von Anschlägen gestorben.
Die Regierung hat sich mit ihren militärischen Operationen für eine Richtung entschieden: die Taliban zu bekämpfen, "bis der letzte Extremist getötet ist", wie Pakistans Präsident Asif Ali Zardari am Mittwoch betont. Unterstützt wird Pakistan in dieser Politik von den USA. US-Außenministerin Hillary Clinton, die am Mittwoch für einen dreitägigen Besuch in Islamabad eintraf, nur drei Autostunden vom Anschlag in Peschawar entfernt, lobt die Regierung für ihren harten Kurs. Washington werde Pakistan künftig stärker unterstützen, jenseits des Anti-Terror-Kampfes auch in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Energieerzeugung, Bildung und Umweltschutz. Der Kampf gegen Terroristen, verspricht Cinton, sei nicht allein ein Kampf Pakistans. "Dies ist auch unser Kampf" erklärte sie nach Bekanntwerden des Anschlags in Peschawar. "Wir werden Pakistan geben, was es für diesen Kampf benötigt."
Aber der Kurs von Islamabad ist im eigenen Land nicht unumstritten: Solange Pakistan Krieg gegen Taliban führe, werde der Terror nicht ab-, sondern zunehmen, sagen Kritiker. Daher müssten die Militäroperationen eingestellt werden, die Regierung solle mit den Taliban verhandeln und ihnen in begrenztem Umfang Macht in einigen Regionen einräumen.
Regierungs- und Militärvertreter wie Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani machen deutlich, dass das überhaupt nicht in Frage komme. Man könne gern mit den Taliban reden, aber nicht jetzt - es sei nicht die Zeit für Gespräche, sagte ein Armeesprecher. Umfragen zufolge steht die Mehrheit hinter dem Regierungskurs, die Taliban haben seit ihren Anschlägen auf Zivilisten drastisch an Zustimmung eingebüßt.
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