Von Marc Pitzke, New York
Spätestens an diesem Abend zeigt sich, dass die Wahl gelaufen ist. Hunderte Anhänger hat Michael Bloomberg auf die Upper West Side gelockt, trotz des fiesen Herbstwetters. Sie füllen den gesamten Gehweg vor den TV-Studios von WABC, quellen über die Sperren hinaus in den Rush-Hour-Verkehr der Columbus Avenue, schreien, brüllen, feuern sich mit Trillerpfeifen und Megafonen an.
"We want Mike!", skandieren sie. "Four more years!"
Auch die Fans von Bill Thompson, dem Herausforderer des Bürgermeisters, sind gekommen. Im Sicherheitsabstand von zehn Metern stehen 70, vielleicht 80 Wackere hinter ein Gatter gepfercht, sie müssen sich die Hälse verrenken, um die Gegner sehen zu können. "Eight is enough!", rufen sie, in Anspielung auf Bloombergs acht Amtsjahre. Sie haben weder Megafone noch Trillerpfeifen und werden von Bloombergs gut organisierten Truppen mühelos übertönt.
Dann kommt Thompson selbst. Unauffällig trotz straffer Statur, huscht er fast anonym an seinen Vasallen vorbei, berührt beiläufig die eine oder andere Hand und verschwindet dann rasch in der Drehtür der Studios, zu seiner zweiten und letzten Wahldebatte mit Bloomberg.
Dessen Ankunft dagegen vollzieht sich wie der Einmarsch eines Staatschefs. "Er hat sein Haus verlassen", krächzt es aus den Walkie-Talkies der Cops. "Zone einfrieren." Bloomberg rollt in einem SUV vor. Seine elfenhafte Gestalt geht in dem Getümmel fast unter, ein Bodyguard stützt ihn an den Hüften, schiebt ihn an der jubelnden Menge vorbei wie eine Handpuppe. Bloomberg nimmt sich Zeit, grüßt jeden, der sich zu ihm herunterreckt, murmelt immer wieder "How you doin'?" und segelt in der Ekstase dann fast am Studioeingang vorbei.
Diese Szene Ende Oktober sagt alles. New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg, 67, wird am Dienstag wohl wiedergewählt werden, zu einer historischen dritten Amtszeit - das erste Mal, dass dies jemandem seit dem legendären Ed Koch gelänge, der die damals unregierbare Metropole von 1978 bis Ende 1989 führte.
Umfragen geben dem parteilosen Bloomberg, der auch mal mit einer Präsidentschaftskandidatur geliebäugelt hat, einen Vorsprung von bis zu 18 Prozentpunkten vor dem farblosen Demokraten Thompson, dem Schatzmeister der Stadt. Doch der Triumph hat einen Schönheitsfehler: Der mit einem geschätzten Privatvermögen von 17,5 Milliarden Dollar reichste New Yorker und achtreichste Amerikaner hat sich den Durchmarsch nach Ansicht seiner Kritiker weniger verdient als vielmehr erkauft.
85 Millionen Dollar für den Regionalwahlkampf
"Die Grundlage für Bloombergs kaiserliche Regentschaft ist Geld", schimpft das "New York Magazine", "Bloomberg besitzt diese Stadt". Auch der "New Yorker" mokiert sich: "Er wirkt eher wie ein Medici als ein Bürgermeister."
In der Tat hat Bloomberg mehr eigenes Geld in seinen Wahlkampf gesteckt als sonst ein politischer Kandidat in der gesamten US-Geschichte: 85 Millionen Dollar hat er sich diese Runde bisher kosten lassen. Inklusive des furiosen Endspurts, bei dem er zurzeit pro Tag rund eine Million Dollar ausgibt und die TV-Sender mit Werbespots überschüttet, dürften es bis zu 140 Millionen Dollar werden.
Damit wird der Gründer des erfolgreichen Wirtschaftsdienstes Bloomberg inklusive der früheren Wahlgänge mindestens 250 Millionen Dollar in seine Politkarriere investiert haben. Mehr als Steve Forbes (114 Millionen Dollar) und Ross Perot (75 Millionen Dollar) für ihre Ambitionen aufs Weiße Haus. Bloombergs Wahl, fand die "New York Times" spitz, koste genauso viel wie "der letzte Harry-Potter-Film".
Perfekt inszeniert, gnadenlos gegenüber dem Rivalen
Bill Thompson spielt dagegen in einem B-Movie. Er muss sich mit Almosen zufriedengeben, will heißen: neun Millionen Dollar aus Spenden und öffentlichen Zuwendungen - ein Fünfzehntel der Kampfkasse seines Rivalen Bloomberg. "Obszön", schimpft eine Thompson-Sprecherin.
Das Missverhältnis macht sich bemerkbar. Bloomberg beschäftigt die besten PR-Manager, seine Auftritte sind professionell inszeniert, seine Truppen pflastern die Stadt mit Hochglanzbroschüren und Tausenden Plakaten. Sein Büro kann zu jedem noch so obskuren Thema Statistiken herunterbeten (Straftaten, Baumpflanzungen, Obdachlose, CO2-Ausstoß, Straßenhändler, Schlaglöcher) - und jeden Patzer Thompsons über Nacht in einen vernichtenden TV-Spot verwandeln.
Diese Spots erscheinen sofort auch auf Bloombergs Website, einer Multimedia-Falle mit schicken Soundeffekten. Es gibt sie wahlweise in Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Deutsch, Russisch, Polnisch, Griechisch, Hindi, Arabisch, Yiddisch, Chinesisch, Koreanisch und Kreolisch.
Im Vergleich dazu wirkt Thompsons Website wie eine Schülerzeitung, sein Wahlkampf wie eine Schnitzeljagd. Der Kandidat kommt oft zu spät und manchmal auch gar nicht, seine überforderten Helfer lästern offen, seine Presseerklärungen haben Tippfehler oder schicken Reporter an falsche Adressen. Selbst sein Name ist manchmal falsch geschrieben. Neulich bemühte sich Thompson nach Queens hinaus, um persönlich an Türen zu klopfen. Leider hatte sein Stab nicht vorausgeplant, niemand war zu Hause. Nach drei Versuchen gab Thompson auf und verschwand wieder.
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