Aus Brüssel berichtet Carsten Volkery
Brüssel - Guido Westerwelle beendete seinen ersten EU-Gipfel, wie er ihn begonnen hatte - auf Englisch. "And have a nice day", rief er übermütig ins Mikro, nachdem Kanzlerin Angela Merkel den Journalisten nach der Pressekonferenz fürs Kommen gedankt hatte. Zuvor hatte er bereits einer Reporterin eine Frage auf Englisch gewährt. "Please go ahead", rief er akzentfrei.
Zum Abschluss der anderthalb Tage in Brüssel drehte der neue Außenminister also doch noch auf. Die englischen Zwischenrufe sollten Souveränität vorspielen. Westerwelle wollte zeigen, dass er den Spott über seine Berliner Pressekonferenz vor einigen Wochen locker wegstecken kann. Damals hatte er sich geweigert, eine Frage auf Englisch zu beantworten. Doch nun wirkte der 47-Jährige eher aufgekratzt als gelassen.
Von diesem Übermut war während des Gipfels zuvor nichts zu spüren gewesen. Im Gegenteil: Der Neuling zeigte sich von seiner Premiere auf dem internationalen Parkett schwer beeindruckt. Es schien fast so, als könne er es nicht glauben, nun ein Staatsmann zu sein. Ehrfürchtig berichtete er, wie "klug" so mancher Kollege doch sei, und bekundete seinen "Heidenrespekt" vor dem exklusiven Zirkel. Stundenlang hatte er sich durch die schweren Personendossiers des Auswärtigen Amts gearbeitet, sich die Lebensläufe und Fotos der Kollegen eingeprägt, um ja in kein Fettnäpfchen zu treten.
Er selbst hielt sich in den Sitzungen zurück und ergriff nicht das Wort. Als Neuling, zumal aus dem größten EU-Mitgliedsland, wollte er nicht gleich die große Rede schwingen. Ganz untypisch beschränkte sich der sonst so meinungsfreudige Liberale aufs Gucken und Zuhören. Es war die einzig richtige Strategie, denn viel Zeit zur Vorbereitung hatte er nicht. Die Amtsübergabe von Frank-Walter Steinmeier war erst am Donnerstagmorgen unmittelbar vor dem Abflug nach Brüssel erfolgt.
Erschöpft, aber erleichtert
Nach der Feuertaufe war Westerwelle erleichtert. "Man ist erschöpft, aber zufrieden mit den Ergebnissen", bilanzierte er in der Pressekonferenz. Als "glückliche Fügung" empfand er es, dass er gleich an seinen ersten beiden Arbeitstagen als Minister alle EU-Kollegen und deren Regierungschefs kennenlernen konnte. Viele kenne er ja schon von früher, brüstete er sich, doch auf Nachfrage fielen ihm kaum Namen ein.
Westerwelle nahm sich auffällig zurück, fast schon demütig wich er der gipfelerfahrenen Kanzlerin nicht von der Seite. Gemeinsam fuhren die beiden im Mercedes vor dem VIP-Eingang des EU-Ratsgebäudes vor, Westerwelle entstieg mit einem breiten Strahlen. Er war endlich angekommen - die Kameras aus allen europäischen Ländern warteten auf den neuen Außenminister der Bundesrepublik. Es war einer der wenigen Momente, in denen seine tiefe Befriedigung aufblitzte. Schnell hatte er sich jedoch wieder unter Kontrolle und sprach betont nüchtern einige belanglose Sätze in die Kameras. Es klang einstudiert, die Aufregung war ihm anzumerken.
Sarkozys Kommentar über die Krawatte
Im Sitzungssaal hielt er sich eng an Merkel, die ihn den anderen Regierungschefs vorstellte - das Bild erinnerte an eine Mutter, die ihren hoch aufgeschossenen Sohn in die Gesellschaft einführt. Jovial schüttelte Westerwelle die Hand des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, der für seine Abneigung gegen Schwule bekannt ist. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy musterte den neuen Mann an Merkels Seite von oben bis unten und machte offensichtlich einen Kommentar zu Westerwelles Krawatte - sogleich blickte der an sich herunter.
Auch beim abendlichen Hintergrundgespräch mit den Journalisten wirkte Westerwelle unsicher. Er saß neben Merkel und lachte immer eine Spur zu laut über die Witze der Chefin. Auf außenpolitische Fragen antwortete er nicht mit der gewohnten Detailkenntnis und Eloquenz, sondern vage und mitunter nicht kohärent. Die Veteranin Merkel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er über seine Gipfel-Erlebnisse berichtete. Westerwelle sprach viel in der dritten Person ("Man ist gleich im Wasser") - so, als müsse er sich mit seiner neuen Identität erst noch anfreunden.
Die Bürde des Amtes scheint dem neuen Außenminister in diesen Tagen in Brüssel erst richtig klar geworden zu sein. Er spürt, dass er seine Worte nun sorgfältiger wählen muss als bisher, weil jede Äußerung des deutschen Führungsduos in den anderen EU-Regierungen genauestens analysiert wird. Für den Dampfplauderer Westerwelle, der zur Zuspitzung neigt, ist das vielleicht die größte Umstellung.
Westerwelle wird die Hackordnung spüren
Es zeichnet den FDP-Chef aus, dass er recht offen über seine Eindrücke spricht. Den meisten seiner Vorgänger dürfte es ähnlich ergangen sein, auch sie mussten erst von den Profis des Auswärtigen Amts zum Minister gedrillt werden, doch ließen sie es sich nicht so anmerken.
Über den Empfang in Brüssel konnte Westerwelle sich nicht beklagen. "Außerordentlich freundlich" sei er aufgenommen worden, berichtete er. Die Kollegen gratulierten ihm zum Wahlergebnis und zur neuen bürgerlichen Mehrheit. Die ersten Antrittsbesuche wurden vereinbart, und viele boten ihm das "Du" an. Auch nach dem abendlichen Hintergrundgespräch war Westerwelle der Star: Die Journalisten scharten sich um ihn, nicht wie sonst um die Kanzlerin. Merkel entschwand schnell in die Bar und wartete dort auf den Außenminister, der mit Fragen überhäuft wurde.
Der Zauber des Neuanfangs dürfte jedoch mit dem Gipfelende vorbei sein. Nun beginnt der außenpolitische Alltag, Westerwelle wird fortan die gewohnte Hackordnung spüren - und mit der Chef-Außenpolitikerin Merkel um das Rampenlicht konkurrieren müssen. Am Samstag fliegt der Außenminister nach Warschau, am Montag nach Paris.
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