Ein Kommentar von Gabor Steingart
Diese Rede war größer als ihre bisherige Kanzlerschaft: Angela Merkel hat vor aller Augen das Schneckenhaus verlassen, das sie seit vielen Jahren umgibt und in dem sie ihr politisches Gesicht zu verbergen sucht. An diesem Dienstag in Washington war sie kenntlich. Schön sah sie aus.
Zu Hause arbeitet sich Merkel hauptsächlich am Begriff der "sozialen Gerechtigkeit" ab, was im Alltagsgeschäft vor allem Klientelpolitik bedeutet. In Washington drang sie zum Wesentlichen vor: dem Begriff der Freiheit.
Er ist der Wert aller Werte, der Königswert gewissermaßen, von dessen geschichtsmächtiger Wucht sie am Tag der Maueröffnung vor 20 Jahren selbst erfasst wurde. "Da, wo früher eine dunkle Wand war, öffnete sich plötzlich eine Tür", sagte sie.
Sie würdigte die "Kraft der Freiheit" als die zentrale Antriebsenergie der westlichen Gesellschaften und ihrer eigenen Biografie. "Es gibt nichts, was mich mehr begeistert, nichts, das mich mehr anspornt, nichts, das mich stärker mit positiven Gefühlen erfüllt als die Kraft der Freiheit", sagte sie. Und diesmal meinte sie wirklich Freiheit und nicht Freibetrag.
Sie stand vor den Senatoren und Kongressabgeordneten als eine Frau, deren Bekenntnis in der Erfahrung der Unfreiheit wurzelt. So klar wie noch kein anderer Regierungschef bekannte sie sich zum "American Dream", dem Glauben an das Unmögliche. Dass so mancher daheim dies als anbiedernd empfinden wird, störte sie nicht. Merkel war in Bekennerlaune.
In der Klarheit lag die Kraft ihrer Rede
Wo Konrad Adenauer, der einzige Kanzler, dem vorher schon die Ehre einer Rede vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses zuteil geworden war, noch vage von der "Verwandtschaft der Grundauffassungen" zwischen Deutschen und Amerikanern gesprochen hatte, wurde sie deutlicher. Das Transatlantische verschmolz sie zu einer "gemeinsamen Wertebasis", zu einem "gemeinsamen Bild vom Menschen". In dieser Klarheit lag die Kraft ihrer Rede.
Die Zuversicht, dass am Ende das Gute siegt, auch wenn es in der aktuellen Auseinandersetzung mit den islamischen Terroristen nicht so scheinen mag. Die Hoffnung, dass die Erderwärmung sich in einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Europäern und Amerikanern doch noch verhindern oder zumindest begrenzen lässt.
Die Gewissheit, dass Europa und Amerika zusammengehören, weil diese Freundschaft nicht nur auf Freundschaft, sondern auf einer gemeinsamen Geschichte und auf gemeinsamen Interessen gründet.
Ein zeitgemäßes Bekenntnis zu Amerika
Angela Merkel entwickelte nichts Geringeres als ein zeitgemäßes Bekenntnis zu Amerika, einem Land, das in seiner Geschichte so vieles für die Deutschen war - Zufluchtsort und Zumutung, Befreier und Besatzungsmacht, Handelspartner und Vormund, ein Hegemon, wenn auch ein gütiger.
Amerika hat den Deutschen zweimal die Freiheit gebracht. Einmal vor 60 Jahren, als es darum ging, Hitlers Wehrmacht in die bedingungslose Kapitulation zu zwingen. Und erneut vor 20 Jahren, als sich nach dem Ende der Sowjetunion die amerikanische Supermacht friedlich und fair über den Atlantik zurückzog. Für beides dankte Angela Merkel. Dass in diesem Dank auch Platz war für ein Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges, war mehr als eine routinierte Geste. Merkel war auch dabei so klar wie man nur klar sein kann: "Wer Israel bedroht, bedroht auch uns."
Die deutsche Kanzlerin hat ihrer Generation mit dieser Rede einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen. Sinnbild der erneuerten deutsch-amerikanischen Freundschaft sind nicht mehr die am Checkpoint Charlie stehenden Soldaten, sondern Online-Blogger, iPhone-User, die transatlantische Trauer um Michael Jackson, Politiker wie Barack Obama und nun auch Merkel.
Bravo, Kanzlerin!
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