Von Hasnain Kazim, Islamabad
Wieder war es ein Selbstmörder. Wieder nützten all die Kontrollposten auf der Straße und vor den Häusern nichts. Dem Mann gelang es trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, am Freitagmorgen bis vor ein Gebäude des Geheimdienstes in Peschawar vorzufahren und seine Autobombe zu zünden. Mindestens neun Menschen wurden getötet, 60 verletzt. Ein Teil des hochgesicherten Gebäudes stürzte ein, etwa 50 Autos davor wurden zerstört.
Es ist der vorerst letzte einer Reihe von tödlichen Anschlägen in Peschawar. Die Menschen leben in Angst, gehen nur noch aus dem Haus, wenn es nötig ist. Viele kaufen gleich für mehrere Wochen ein, damit sie nicht so schnell wieder zum Markt müssen.
Peschawar ist die Hauptstadt der Nordwestgrenzprovinz in Pakistan. Etwas weniger als 1,5 Millionen Menschen leben hier, überwiegend Paschtunen. In der Stadt und am Stadtrand haben sich auch Flüchtlinge aus Afghanistan niedergelassen, etwa eine halbe Million sind es derzeit. Seit Anfang der achtziger Jahre ist der Strom nicht mehr abgerissen, weil erst die Russen Afghanistan mit Gewalt überzogen, anschließend bekriegten sich die Mudschahidin, dann kamen die Talibanmit ihrem steinzeitlichen Gesellschaftsmodell, schließlich die Nato-Truppen mit ihren Hochpräzisionswaffen.
Peschawar, nur 40 Kilometer hinter der Grenze, schien da ein sicherer Hafen.
Der Mina-Basar liegt verlassen da. Ein paar Männer in schmutziger Kleidung huschen durch die Trümmer, versuchen aufzuräumen. Zwei Wochen liegt der Selbstmordanschlag zurück, bei dem sich hier ein Mann in seinem Auto in die Luft sprengte und dabei 104 Menschen mit in den Tod riss. Ein paar Läden am Rande der Verwüstung haben wieder eröffnet. "Wir haben zwar die Explosion überlebt, aber wahrscheinlich werden wir demnächst auch schließen müssen, weil wir keine Kundschaft mehr haben", sagt ein Händler.
Für Adnan Hussain ist in Peschawar die Welt untergegangen. Der schmächtige 16-Jährige mit den großen braunen Augen sitzt im Haus seines Onkels Ayaz Khan, unweit des Mina-Basars, und starrt die Wand an. "Er redet so gut wie kein Wort mehr", sagt Khan besorgt. "Wenn er einen Laut von sich gibt, dann ist es sein Schluchzen."
Bei dem Anschlag auf dem Basar, mitten im Stadtzentrum, hat er neun Familienangehörige verloren: seine Eltern, vier Schwestern, einen Bruder, einen Cousin und eine Tante. Auch in Adnan sei etwas gestorben, sagt sein Onkel. Die Familie stammt aus Peschawar, war aber vor sieben Jahren nach Rawalpindi gezogen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sein Vater verkaufte dort Obst auf einem Holzkarren, das Einkommen reichte für ein bescheidenes Leben am Stadtrand. Jetzt waren sie zu einer Hochzeit nach Peschawar gekommen, und die Familie wollte sich zu diesem Anlass neue Kleidung und Schuhe kaufen. Adnans Glück war, dass er sich erst etwas später als seine Verwandten auf den Weg zum Markt machte. Er war ein paar hundert Meter vom Basar entfernt, als er den Knall hörte.
Die Terroristen konzentrieren ihr böses Werk auf Peschawar
"Wir haben nur von vier Familienangehörigen die Leichen gefunden", sagt Khan. "Von fünf fehlt immer noch jede Spur." Er macht eine kleine Pause und sagt dann mit leiserer Stimme: "Wir glauben nicht mehr daran, dass sie vielleicht doch überlebt haben." Trotzdem habe er sich gemeinsam mit seinem Neffen entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen und von dem Schicksal zu berichten, damit die Opfer des Terrors in Pakistan ein Gesicht bekommen.
Doktor Kifayet weiß, wie diese Gesichter aussehen. Er hat viele dieser Opfer behandelt. Er ist Arzt am "Lady Reading Hospital" in Peschawar, einem flachen, weißen Bau mit rotem Dach, 1450 Betten, moderne Mercedes-Rettungsfahrzeuge auf dem Parkplatz, drumherum ein manikürter Rasen und hohe Bäume. Seit die Terroristen ihre Anschläge auf Peschawar konzentrieren, ist der Name des Krankenhauses und seine Abkürzung "LHR" jedem in Pakistan geläufig: Hierhin werden die Toten und Verletzten gebracht.
Es gibt Listen in den Computern der Mediziner, die das dokumentieren. Zum Beispiel die vom 9. Oktober, nach dem Selbstmordanschlag auf dem Khyber Basar: "Insgesamt 208 Aufnahmen, davon 40 identifizierte Tote, sieben nicht identifizierte Tote, vier Verletzte im LHR gestorben, Rest: verletzt", steht da. Derzeit würden noch immer 40 Patienten von jenem Anschlag stationär behandelt, sagt Kifayet.
Die Liste vom Mina-Basar ist acht DIN-A4-Seiten lang, sie führt die Namen, Adressen und das Alter von 34 verletzten Frauen, 150 verwundeten Männern, 21 weiblichen und 64 männlichen Leichen auf, außerdem vier unbekannte tote Frauen und 15 nicht identifizierbare Männerleichen, sechs davon "in Teilen". "Es ist die schlimmste Zeit, die wir an diesem Krankenhaus erleben", sagt Kifayet. "So eine Situation hat es noch nie gegeben."
Chronik einer tödlichen Woche
Seit der Mina-Basar-Tragödie sind weitere Tote und Verletzte eingeliefert worden: Am Sonntag riss ein Selbstmordattentäter zwölf Menschen in einem Vorort von Peschawar in den Tod und verletzte 40; das Attentat galt einem Lokalpolitiker, der früher die Taliban unterstützt, dann aber die Seiten gewechselt hatte. Am Montag zündete ein Mann in einem Außenbezirk von Peschawar eine Bombe in einer Autorikscha. Er tötete drei Menschen sowie sich selbst und verletzte fünf weitere. Am Dienstag dann detonierte in einer belebten Geschäftsstraße in Charsadda, etwa 20 Kilometer nördlich von Peschawar, eine Autobombe, 25 Menschen einschließlich des Selbstmordattentäters starben, 64 wurden verletzt. Heute wieder ein Selbstmordattentäter, die Opferzahl dürfte im Laufe des Tages noch steigen.
Peschawar ist aus mehreren Gründen besonders häufig von Anschlägen betroffen. "Das ist vor allem historisch bedingt", sagt der in der Stadt lebende Journalist Rahimullah Yusufzai. "Seit Jahrzehnten haben Dschihadisten und Mudschahidin hier ihre Machtzentralen. Hier kennen sie sich aus und wissen, wo sie großen Schaden anrichten und für Aufsehen sorgen können." In Peschawar unterhalten Armee und Grenzpolizei Kasernen, die Stadt ist das Handelszentrum im Nordwesten Pakistans, und es gibt genügend Journalisten, die über die Anschläge berichten.
Außerdem liegt die Stadt nahe an der Grenze zu Afghanistan, von wo vermutlich auf unkontrollierbaren Wegen Waffen und Sprengstoff nach Peschawar kommen. Die Terroristen müssten daher keinen weiten Weg zurücklegen und liefen nicht Gefahr, vor der Ausführung ihres Anschlags von einer Straßenkontrolle ertappt zu werden, sagt Yusufzai.
Die verlorene Ehre der Paschtunen
Viele Menschen, die vor dem Krieg in Afghanistan fliehen, sehen die USA als Hauptverantwortlichen für die Misere in der Heimat - und unterstützen insgeheim die Taliban. Peschawar ist außerdem nicht weit von Waziristan entfernt, wo die pakistanische Armee derzeit eine Offensive gegen die Taliban führt, und auch die von der Regierung kaum kontrollierten Stammesgebiete liegen nahe. "Die Stadt", sagt Yusufzai, "ist durchaus ein Versteck für Taliban." Die Zeitungen schreiben, dass Peschawar inzwischen als "gefährlichste Großstadt Pakistans" gilt.
Häufig ist nicht klar, wer in der lokalen Politik und in der Nachbarschaft die Taliban unterstützt und wer nicht. Die Menschen misstrauen einander. Die Gastfreundschaft, eine der Säulen des Pashtunwali, des paschtunischen Moralkodex, leidet in dieser vergifteten Atmosphäre. Afghanische Flüchtlinge werden verdächtigt, den Terror nach Pakistan zu bringen, und außerhalb der Nordwestgrenzprovinz werden Paschtunen, immerhin ein Volk von vielen Millionen Menschen, pauschal in die Nähe der Taliban gestellt. Der Terror fordert viel mehr Opfer als nur jene, die ins Lady Reading Hospital eingeliefert werden.
Die Wahrung der Ehre, eine andere Säule des Pashtunwali, steht dagegen umso stabiler: Man müsse die Ehre von Peschawar und die der Paschtunen retten, indem man sich an den Terroristen räche, hört man in der Stadt.
Der Mina-Basar bleibt vorerst leer, ebenso die vielen anderen Märkte in Peschawar, von denen sonst das Marktgeschrei in die umliegenden Gassen dringt, und die hinter unscheinbaren Türen liegenden Kneipen, in denen es illegal Alkohol gibt. Mit einer Besserung der Lage rechnet derzeit kaum jemand. Sondern nur, dass wieder irgendwo in der Stadt eine Bombe explodiert oder sich jemand in die Luft sprengt.
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