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20.11.2009
 

Daniel Cohn-Bendit

"Die neue EU-Spitze ist den Regierungen hörig"

Van Rompuy und Ashton: Die neue EU-Spitze
Fotos
dpa

Verärgerung über Herman Van Rompuy und Catherine Ashton: Daniel Cohn-Bendit, Grünen-Fraktionschef im Europaparlament, nennt den neuen Ratspräsidenten und die EU-Außenministerin im Interview mit SPIEGEL ONLINE eine schwache Wahl - und wünscht sich Joschka Fischer in Brüssel.

SPIEGEL ONLINE: Herr Cohn-Bendit, was halten Sie von Europas neuer Spitze?

Cohn-Bendit: Ich bin nicht zufrieden. Die Wahl von Catherine Ashton und Herman Van Rompuy ist die Fortsetzung der Politik des Rates, die gemeinschaftlichen Institutionen Europas zu schwächen. Schon Kommissionspräsident Barroso ist den Regierungen hörig. Jetzt haben wir noch einen hörigen Ratspräsidenten. Und eine Frau Ashton, die wiederum ihrer Regierung hörig ist.

SPIEGEL ONLINE: Könnten schwächere EU-Spitzen nicht auch die Chance für ein stärkeres Europaparlament sein?

Cohn-Bendit: Ja, könnte sein. Aber das ist jetzt der Versuch, aus der Politik der Schwäche noch das Prinzip Hoffnung herauszudestillieren. Was mich bei Van Rompuy ärgert: Kurz bevor er nominiert wird, erklärt er noch ganz klar, er sei gegen den Beitritt der Türkei. Ein Kniefall vor Sarkozy und Merkel! Glauben Sie, dass er dann Politik mit dem Parlament machen würde gegen die großen Regierungen?

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie Ashton ein?

Cohn-Bendit: Sie hat als EU-Kommissarin eine Handelspolitik getreu der britischen Linie gemacht. Regulierung des internationalen Handels nach sozialen oder ökologischen Kriterien - sie weiß ja nicht mal, was das ist. Glauben Sie, dass sich das jetzt als Außenpolitikerin ändern wird? Sie hat keine Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten also gern ein richtiges Alphatier gehabt?

Cohn-Bendit: Natürlich. Die ehemalige lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga wäre eine wunderbare Präsidentin gewesen, die hat Power. Als Außenminister hätten wir den Italiener Massimo D'Alema, den Schweden Carl Bildt oder Joschka Fischer nehmen können. Alles gestandene Außenpolitiker, die die Interessen Europas vertreten würden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Joschka Fischer denn mal gefragt?

Cohn-Bendit: Sollen wir mal träumen?

SPIEGEL ONLINE: Klar.

Cohn-Bendit: Also wenn der Rat angerufen hätte, wenn Frau Merkel angerufen hätte: 'Herr Fischer, würden Sie es machen?' Dann wäre der Joschka eine halbe Stunde später in Brüssel gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat die EU mit Van Rompuy und Ashton nun wahrscheinlich kein Problem mit Eitelkeiten …

Cohn-Bendit: Wir können jedenfalls nicht mehr enttäuscht werden. Es kann jetzt nur besser werden. Jeder Mensch kann uns überraschen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Cohn-Bendit: Es sind jetzt Barrosos letzte fünf Jahre im Amt. Natürlich kann es sein, dass er selbständiger wird. Vielleicht entkommt Frau Ashton dem britischen Sog und beginnt, europäisch zu denken. Van Rompuy könnte sich dem christdemokratischen Klüngel entziehen und eine autonome Persönlichkeit werden. Aber bei der Benennung der beiden fehlte die Transparenz, es gab keine öffentliche Anhörung. Wenn es Transparenz gibt, kann ein Tier zum Alphatier werden - wenn nicht, dann ist es immer ein Kuddelmuddel.

Das Interview führte Sebastian Fischer.

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Zur Person

DPA
Daniel Cohn-Bendit

Der 1945 in Südfrankreich geborene Deutsche war einer der Studentenführer während der Pariser Mai-Unruhen 1968. In den siebziger Jahren engagierte er sich in der Frankfurter Sponti-Szene. 1984 wurde er Mitglied der Grünen und ist seitdem einer der prominentesten Vertreter der sogenannten Realos. 1994 zog er erstmals ins Europaparlament ein, seit 2002 ist er Fraktionschef der Grünen. Mehr auf der Themenseite...


Der EU-Ratspräsident

Der belgische Christdemokrat Herman Van Rompuy wurde am 31. Oktober 1947 in Brüssel geboren. Nach seinem Studium der Philosophie (Bachelor 1968) und der Betriebswirtschaftslehre (Master 1971) begann er seine berufliche Laufbahn 1972 als Attaché für Inneres bei der Belgischen Nationalbank und arbeitete später als politischer Spitzenberater.

Seine politische Laufbahn startete Van Rompuy in der Jugendorganisation der Christlichen Volkspartei, wo er ab Mitte der achtziger Jahre zur Parteispitze gehörte. 1993 wurde er stellvertretender Premierminister und Finanzminister und trug maßgeblich zum Euro-Beitritt seines Landes bei.

1995 wurde er Mitglied der Abgeordnetenkammer, der er bis Dezember 2008 angehörte. Nach dem Rückzug seines Parteifreundes Yves Leterme als Regierungschef Ende 2008 übernahm der flämische Politiker das Amt.

Van Rompuy ist katholisch, verheiratet und hat vier Kinder.

Die neue EU-Außenbeauftragte

Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin Catherine Ashton und derzeitige EU-Handelskommissarin wurde am 20. März 1956 in Upholland in der britischen Grafschaft Lancashire geboren. Nach dem Studium an der Universität London arbeitete sie 1977 bis 1979 bei einer Kampagne für nukleare Abrüstung und entwickelte später im Projekt "Business in the Community" Wirtschaftsstrategien für Gemeinden und kleine Firmen.

1989 bis 1998 wirkte sie als Politikberaterin. 1999 wurde Ashton in den Adelsstand erhoben und auf Lebenszeit zum Mitglied des britischen Oberhauses ernannt. 2001 bis 2004 war sie parlamentarische Staatssekretärin im Bildungsressort, danach wechselte sie ins Justizressort.

2007 holte sie der neugewählte Premier Gordon Brown in sein Kabinett, wo sie zur Annahme des EU-Reformvertrages maßgeblich beitrug. Im Oktober 2008 rückte sie als erste Frau auf den Posten des EU-Handelskommissars.

Ashton ist verheiratet und hat mit ihrem Mann Peter Kellner zwei Kinder sowie drei Stiefkinder.


Vertrag von Lissabon

EU-Ratspräsident

EC
Um mehr Kontinuität in die Arbeit der EU zu bringen, wird die Europäische Union künftig einen ständigen Ratspräsidenten haben. Er soll zweieinhalb Jahre den Europäischen Rat leiten. Zusätzlich gibt es weiterhin eine alle sechs Monate unter den Staaten rotierende Präsidentschaft.

Hoher Repräsentant für die Außenpolitik

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