Von Carsten Volkery, London
Es wird ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten werden. Am Dienstag beginnen im Londoner Queen-Elizabeth-Konferenzzentrum die öffentlichen Anhörungen zum Irak-Krieg. Es soll kein Schauprozess werden, doch ein Spektakel wird es allemal. Der Appetit der Öffentlichkeit wurde bereits durch den "Sunday Telegraph" geweckt, der am Wochenende eine weitreichende Selbstkritik des britischen Militärs an der Kriegsführung veröffentlichte. Unter anderem war da zu lesen, dass einige britische Soldaten nur mit fünf Schuss Munition in die Wüste zogen.
Höhepunkt der groß angelegten Untersuchung wird zweifellos der Auftritt des früheren Premierministers Tony Blair, der live im Fernsehen übertragen wird. Er wird für Anfang 2010 erwartet, das genaue Datum steht noch nicht fest.
Vorher wird der fünfköpfige Untersuchungsausschuss Dutzende Beamte und Politiker befragen, die in der Planung und Durchführung des Irak-Kriegs eine Rolle gespielt haben. Zu den ersten Zeugen zählen der frühere Geheimdienstkoordinator John Scarlett sowie Christopher Meyer und Jeremy Greenstock, frühere britische Botschafter in Washington und bei der Uno. Sie werden erklären müssen, wie es passieren konnte, dass 45.000 britische Soldaten auf der Basis fragwürdiger Geheimdiensterkenntnisse an der Seite der USA in den Krieg gezogen sind.
Es ist nicht die erste offizielle Untersuchung des Irak-Kriegs, aber es soll die umfassendste werden. Untersucht wird der Zeitraum von den Terroranschlägen des 11. September 2001 bis zum Abzug der britischen Truppen aus dem Irak im Juli 2009. Der Ausschussvorsitzende, der pensionierte Ministerialbeamte John Chilcot, kündigte einen "gründlichen Job" an. Der Abschlussbericht wird erst nach der Unterhauswahl im nächsten Frühjahr erwartet. Während des Wahlkampfs werden die Anhörungen unterbrochen.
Mindestens zwei Blair-Bewunderer in der Kommission
Schon vor Beginn der Anhörungen musste Chilcot sich gegen Vorwürfe wehren, er wolle die Regierung reinwaschen. Kritiker erinnern an die schlechte Erfahrung mit bisherigen Irak-Untersuchungen. 2003 und 2004 hatten sich bereits zwei Kommissionen, einmal unter dem Vorsitz von Lord Hutton, einmal unter Lord Butler, mit dem Vorwurf beschäftigt, die Blair-Regierung habe über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen bewusst gelogen. Beide hatten die Regierung im Wesentlichen entlastet.
Da Chilcot auch in der Butler-Kommission saß, wird er nun mit Argusaugen beobachtet. Chilcot als Vorsitzender, das sei so, als lasse man dasselbe Verbrechen zweimal vom gleichen Richter beurteilen, höhnte der frühere Blair-Berater Carne Ross im "Observer".
Für Skepsis sorgt zudem, dass alle Mitglieder der Chilcot-Kommission von der Regierung ausgewählt wurden und mindestens zwei in der Vergangenheit als Blair-Bewunderer aufgefallen sind: Der Churchill-Biograf Martin Gilbert hatte in einem Zeitungsartikel Ende 2004 die Kriegsherren George W. Bush und Tony Blair mit dem britisch-amerikanischen Duo des Zweiten Weltkriegs, Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill, verglichen. Und der Militärhistoriker Lawrence Freedman war einer der geistigen Väter von Blairs humanitärem Interventionismus.
Der Ausschussvorsitzende Chilcot wies den Vorwurf der Befangenheit zurück. Sein Ausschuss sei unabhängig und werde vor Kritik an der Regierung nicht zurückscheuen, beteuerte er.
Tatsächlich scheint der öffentliche Druck einiges zu bewirken. So wollte Premierminister Gordon Brown zunächst sämtliche Anhörungen hinter verschlossenen Türen stattfinden lassen, um den Schaden für die Labour-Regierung möglichst gering zu halten. Binnen Tagen wurde er aber zu einer peinlichen Kehrtwende gezwungen. Nun soll das Gros der Sitzungen öffentlich im Internet zu verfolgen sein.
Der Journalist Chris Ames hat zudem die Website iraqinquirydigest.org eingerichtet, auf der Irak-Experten die Anhörungen kritisch begleiten und kommentieren werden. Die Blogger wollten sicherstellen, dass diese Untersuchung der britischen Beteiligung am Krieg endlich auf den Grund gehe, erklärte Ames. Sir Chilcot wird sich hüten, die scharfen Fragen nicht zu stellen.
Es erscheint allerdings fraglich, ob es überhaupt noch neue Enthüllungen geben kann - und wenn ja, ob sie irgendjemanden noch schockieren. Der Irak-Krieg fand schließlich von Anfang an im gleißenden Licht der Weltöffentlichkeit statt, und sämtliche schmutzigen Details, so scheint es, sind bereits bekannt. Zig Berichte und Bücher liegen vor, Untersuchungsausschüsse in aller Welt haben sich mit dem Thema beschäftigt. Bereits 2006 beschrieb Bob Woodward in seinem Buch "State of Denial", wie dilettantisch die Bush-Regierung diesen Krieg geplant und geführt hat. Mindestens ebenso bekannt sind die Manöver der Downing Street Nummer Zehn.
"US-Offiziere wie Marsmenschen"
Die Erwartungen in London sind daher nicht allzu hoch. Stattdessen wird mit viel dröger Wiederholung gerechnet, wenn der Ausschuss die altbekannten Namen aufruft. Einigen Zeugen wird es darum gehen, ihre Beteiligung an dem Debakel kleinzureden - dieser Trend war bereits in den Dokumenten erkennbar, die an den "Telegraph" durchgestochen wurden. Demnach war die Beziehung zwischen den britischen und amerikanischen Kommandeuren in Irak deutlich kühler als bisher angenommen. Nach seinem Irak-Einsatz berichtete etwa der britische Oberbefehlshaber Andrew Stewart dem Verteidigungsministerium, er habe viel Zeit damit verbracht, US-Befehle zu umgehen. Der Einfluss der Briten sei minimal gewesen. Sein Stabschef Colonel Tanner beklagte sich dem "Telegraph" zufolge über die "Arroganz" der amerikanischen Offiziere. Dialog sei ihnen fremd, sie benähmen sich wie "Marsmenschen". Die Briten wurden demnach nicht einmal dann über US-Manöver informiert, wenn sie direkte Konsequenzen für den britischen Sektor hatten.
Nicht alle Zeugen werden sich damit herausreden können, die Amerikaner seien schuld - am wenigsten Tony Blair. Doch wird ihm der Ausschuss kaum etwas anhaben können. Nach all den Jahren der öffentlichen Debatte dürfte es schwer werden, den früheren Premier mit einer Frage zu überraschen, auf die er nicht eine Routine-Antwort parat hätte. Dennoch wird sein Auftritt zum Medienereignis geraten. Viele Briten haben ihrem früheren Regierungschef den Schulterschluss mit Bush nicht verziehen. Und bislang hat er noch nie ausführlich Rede und Antwort gestanden.
Die Folgen des Irak-Kriegs spürt Blair bis heute: Vergangene Woche haben sich die EU-Regierungschefs geweigert, seinen Wunsch zu erfüllen und ihn zum EU-Ratspräsidenten zu machen. Er sei zu polarisierend, hieß es zur Begründung. Stattdessen ging der Posten an den friedvollen Belgier Herman Van Rompuy.
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Ich finde schon allein die Tatsache, dass über 1 Mio. Menschen, die versprochene tolle neue Demokratie im Irak aufgrund Exitus nicht mehr erleben können, ausreicht, Blair, Bush und Konsorten ähnlich wie Saddam aufzuhängen. [...] mehr...
In einem Land wo immer noch Meinungsfreiheit herrscht, ist es Ihr gutes Recht, Meinungen anderer als Besserwisserei abzutun. Aber betrachtet man die Fakten nach dem 11.9.2001, ist die Welt nicht besser oder sicherer geworden. [...] mehr...
Fuer Britische Premierminister ist Kriegfuehrung Ehrensache. Es ist verstaendlich dass Teflon Tony ein desperater Mitmacher war. Der Rest ist Geschichte und die Briten sind in der Inszenierung von Untersuchungsausschuessen [...] mehr...
Sie haben leider 'Recht'. Nur was soll herauskommen, wenn man über sich selbst zu Gericht sitzt und es darauf an kommt, nicht sein 'Gesicht zu verlieren'? Wenn es nicht noch aus Verzweiflung des Westens über den eigenen [...] mehr...
Das ist ja jetzt die ganz verkommene Masche. Jemand stellt fest, daß der Irak Krieg ohne bisher bekanngegebenen glaubwürdigen Grund angezettelt wurde, daß ebenso die Verbündeten der Verbrecher, die ihn vom Zaun gebrochen haben [...] mehr...
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