SPIEGEL ONLINE: Herr Witulski, am 8. November meldete die iranische Nachrichtenagentur, zwei Deutsche seien aus der Haft entlassen worden. Sie waren einer der beiden. Was war passiert?
Witulski: Ich war in einem Taxi unterwegs, in der Nähe einer Demonstration anlässlich des 30. Jahrestages der Besetzung der US-Botschaft in Teheran. Ich wurde aus dem Auto gezogen, weil ich eine Kamera dabei hatte. Ich hatte zuvor einige Fotos von der Demonstration gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Wer hat sie aus dem Taxi gezerrt?
Witulski: Das waren zwei Angehörige der paramilitärischen Basidsch-Milizen.
SPIEGEL ONLINE: Was geschah dann?
Witulski: Ich bekam eine Augenbinde und wurde in ein Auto gesetzt. Ich versuchte immer wieder auf Englisch zu erklären, dass ich nur Tourist sei und nichts Verbotenes getan hatte, aber man hat mir nur meine Sachen abgenommen und mir nichts gesagt. Danach sind wir etwa anderthalb Stunden mit dem Auto gefahren und ich wurde in eine Zelle gebracht.
SPIEGEL ONLINE: Befand sich die Zelle innerhalb eines größeren Gefängniskomplexes?
Witulski: Es war eine kleine Einzelzelle, mehr weiß ich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat man Sie behandelt?
Witulski: Ich wurde nicht geschlagen, aber es war sehr rau. Schon im Auto wurde mein Kopf immer nach unten gedrückt, ich hatte praktisch die ganze Zeit die Augen verbunden, wurde immer wieder geschubst. Ich konnte mich ausruhen, aber die vielen Verhöre durch immer wieder neue Personen waren sehr anstrengend.
SPIEGEL ONLINE: Wie sah die Zelle aus?
Witulski: Da gab es einen Teppich, sonst nichts. Ich bekam Wasser und kleine Portionen Reis, aber kaum Informationen. Einer der Wärter sprach ein bisschen Englisch und sagte mit, dass ich bald wieder frei käme, mehr habe ich nicht erfahren.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Angst?
Witulski: Definitiv. In der Zelle war mir schon richtig mulmig. An der Wand waren Blutspitzer, die Atmosphäre war schrecklich.
SPIEGEL ONLINE: Und was wollte man von Ihnen?
Witulski: Informationen. Ich wurde immer wieder gefragt, warum ich in Iran sei, warum ich Fotos gemacht hätte, warum ich gerade zu dieser Zeit in Iran sei, für wen ich arbeiten würde …
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie geantwortet?
Witulski: Dass ich nur als Tourist im Land bin, und dass mich die Demonstrationen interessiert hat. Ich vermute, dass ich für einen Spion gehalten wurde. Ich hatte ein Notizbuch dabei, mit Aufzeichnungen, Zeichnungen, Telefonnummern. Da wurde viel nachgefragt.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie andere Häftlinge gesehen und beobachten können, wie die behandelt wurden?
Witulski: Nein, aber ich war kurzzeitig in einem anderen Gefängnis der regulären Polizei, wo auch Iraner waren. Ob die geschlagen wurden, weiß ich nicht. Aber viele hatten Wunden, auch im Gesicht, und blaue Augen.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie denn wirklich nur Tourist?
Witulski: Ja, ich war nur in Iran, um zu reisen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie förmlich angeklagt oder verurteilt worden?
Witulski: Nachdem ich nach zwei Tagen an die Polizei übergeben wurde, wurde ich nochmals verhört, dann hat man mir den Pass und die Kamera abgenommen und ich konnte zurück zum Hotel. Einige Tage später brachte man mich zum Gericht. Da wurden noch mal Fragen gestellt, aber letztlich bin ich wohl freigesprochen worden und man gab mir meinen Pass wieder.
SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie, wer der zweite Deutsche war?
Witulski: Nein, keine Ahnung.
SPIEGEL ONLINE: Wurden Ihre iranischen Bekannten behelligt, deren Kontaktdaten Sie dabei hatten?
Witulski: Ich hatte in der Tat ein paar Telefonnummern von Iranern dabei, und bei denen gab es dann auch Nachforschungen der Behörden. Die wurden befragt, und bei einem gab es eine Durchsuchung. Ich habe mit allen danach noch einmal telefoniert, etwas Schlimmeres ist aber nicht passiert.
SPIEGEL ONLINE: Konnte die deutsche Botschaft Ihnen helfen?
Witulski: Die Polizei hatte meine Festnahme gar nicht an die deutsche Botschaft gemeldet, ich habe mich dort nach meiner Freilassung selbst gemeldet. Man war sehr bemüht, aber wirklich helfen konnte man nicht. Man hat mir nur geraten, so bald es geht wieder auszureisen.
SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie dann ja auch getan. Wo sind Sie im Moment?
Witulski: Ich bin in Lahore, in Pakistan.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Abenteuerurlaub geht also weiter?
Witulski: Ja. Aber nach Pakistan geht's wieder nach Hause.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie wieder nach Iran reisen?
Witulski: Ich werde es versuchen. Es war trotz allem eine tolle Reise, man muss genau trennen zwischen dem Regime und der Bevölkerung.
Das Interview führte Yassin Musharbash.
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